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Vintage Computer Festival Europa: Mit dem Agentenkoffer im Wohnmobil

Von , München

Sind alte Rechner bloß Elektroschrott? Nein, finden Technikliebhaber und pflegen Computer des vergangenen Jahrhunderts. "Datenstationen" aus der DDR, Agentenkoffer mit Plasmaschirm und Stücke, für die man einen Gabelstapler braucht. Ein Besuch beim "Vintage Computer Festival".

Vintage Computer Festival: Vintage Computer Festival Fotos
Markus Böhm

Peter Guhl ist die Nacht durchgefahren, über Österreich nach München, den "James-Bond-Koffer" und den "Hackerkoffer" im Wohnmobil. "Wenn mich mal jemand kontrolliert und die Grenzbeamten misstrauisch werden", sagt der Schweizer am nächsten Vormittag, "ich könnte es ihnen nicht übelnehmen. "

Peter Guhl, 35, transportiert zwar kein Agentenspielzeug, doch seine Ladung ist trotzdem ungewöhnlich. Die meisten seiner Gepäckstücke sind alte Computer. Der "Bond-Koffer" ist zum Beispiel ein IBM P70 386, ein transportabler Rechner mit Plasmabildschirm und acht Megabyte Arbeitsspeicher. "Fast zehn Kilogramm schwer, keine Batterie, aus dem Jahr 1989", zählt Guhl auf. "Ich kenne wenige Rechner, die so gut verarbeitet sind."

Die Kofferrechner, denen er Spitznamen gibt, zeigt Peter Guhl beim "Vintage Computer Festival Europa", einem zweitägigen Treffen für Sammler und Freunde historischer Technik. In einer Münchner Sporthalle, wo sonst Judokämpfer auf die Matten knallen, blinken und piepsen einmal im Jahr Computer und Spielautomaten, insgesamt rund hundert Geräte. Zwischen DDR-Datenstationen und Rechnern zum Selbstlöten aus den siebziger Jahren wirken selbst Guhls Koffercomputer unauffällig.

"Mindestens zehn Jahre alt - und cool"

"Eigentlich gibt es nur die Regel, dass jedes Ausstellungsstück mindestens zehn Jahre alt sein muss", sagt Hans Franke, 50, der das Festival jährlich ausrichtet. "Ich habe sie aber um einen Coolness-Paragraf ergänzt, damit niemand PC-Einheitsmist anschleppt." Cool findet Franke zum Beispiel einen aufgebohrten Cambrigde Z88 - ein Mini-Notebook aus dem Jahr 1987, dem ein Bastler eine Bluetooth-Schnittstelle spendiert hat.

50 Sammler präsentieren an diesem Aprilwochenende ihre Rechner, beim ersten Festival kam nur ein Dutzend. Der aktuelle Einladungstext des "Vintage Computer Festival Europa" ist derselbe wie vor zehn Jahren: "Also lasst uns zurückkehren in die guten alten Tage, als Hacker noch keine Sicherheitsberater, Bytes noch keine Megabytes und kleine grüne Männchen noch kleine grüne Männchen waren!"

Servicehotlines längst abgeschaltet

Doch das kleine Festival ist mehr als ein Nostalgikertreff, es wird nicht nur geschwärmt. Viele Aussteller teilen ihre Probleme, Computersammeln ist schwieriger als es klingt. Die Probleme fangen beim knappen Lagerplatz an, reichen über Festplatten, die nach jahrzehntelangem Betrieb kaputtgehen, bis hin zu fehlenden Anleitungen. Rechner pflegen sei schon deshalb ein kommunikatives Hobby, weil man ständig Kontakte knüpft, um an Ersatzteile zu kommen, sagen die Sammler.

"Bei einem so alten Gerät kann man keine Hotline mehr anrufen", erzählt Martin Käser, 55. Er hat seinen Friden Computyper ausgestellt, eine Schreibmaschine mit Recheneinheit, gebaut Ende der sechziger Jahre. "Leider fehlt mir ein Schaltplan, ich weiß nicht, wie man sie richtig verkabelt." Seit nunmehr drei Monaten versucht er, das Gerät in Betrieb zu nehmen. Ausgang: ungewiss.

Stilbruch per Monitorwechsel

Historische Rechner stellen Computerliebhaber oft vor eine Grundsatzentscheidung: Modernisiert man die Geräte mit neuen Teilen und bekommt sie so eventuell zum Laufen? Oder erhält man sie möglichst lang im Originalzustand? Immer wieder fällt der Begriff "Stilbruch". Ein Stilbruch sei zum Beispiel, findet Besucher Martin Neitzel, dass er einen seiner Lieblingsrechner nicht mehr mit dem passenden Monitor betreibt. Seine SGI Octane, einen Rechner aus den neunziger Jahren, auf dem er bis heute programmiert, hat er an einen TFT-Monitor angeschlossen. "Das ist ein kleines Dilemma", sagt Neitzel, 49. "Aber der Originalmonitor wiegt eben rund 30 Kilogramm."

Noch gewichtigere Probleme beschäftigen Wolfgang Stief. Der Diplomingenieur engagiert sich ehrenamtlich für die datArena, eine Art Computermuseum, dessen Team sich für die Zentralrechner von Banken und Versicherungen interessiert. "Mich beeindrucken die Ausmaße von Großrechnern", sagt Stief. "Am spannendsten finde ich die Peripherie und den Stromverbrauch." Anhand von früherer Technik lasse sich gut nachvollziehen, wie die moderne funktioniert.

Zwei Sattelschlepper voll Technik

Einmal musste Stief für die Sammlung nach Zürich fahren, um einen Bankenrechner abzuholen. Eine schwierige Mission, die überlassene Technik füllte zwei Sattelzüge. "Staplerfahren ist eine wichtige Fähigkeit, wenn man diese Art von Computern sammelt", meint Stief. "Das Verladen der Teile nenne ich nur Lkw-Tetris". Gespannt war Stief beim Grenzübergang: "Versuchen Sie mal, Elektroschrott als museales Kulturgut über die Grenze zu bringen".

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Frühvernetzung
Onlineexperte 07.05.2012
Anfang der 70er Jahre wurde die weltweite Vernetzung erfunden,ursprünglich Viewdata genannt und dann unter dem genormten Sammelbegriff videotex weltweit gestartet unter den Namen Bildschirmtext, Compuserve, Minitel, Videotex, Ibertex usw. in N/SAmerika, Japan und ganz Westeuropa. Alles mit hardware, weil PCs noch nicht verfügbar waren und software noch hart verdrahtet werden mußte. Onlineshopping, Onlinebanking, Onlinereisebuchung, Mail etc. das alles ist schon vor gut 30 Jahren gestartet. Gel do guckscht !
2. hä?
Layer_8 07.05.2012
Zitat von OnlineexperteAnfang der 70er Jahre wurde die weltweite Vernetzung erfunden,ursprünglich Viewdata genannt und dann unter dem genormten Sammelbegriff videotex weltweit gestartet unter den Namen Bildschirmtext, Compuserve, Minitel, Videotex, Ibertex usw. in N/SAmerika, Japan und ganz Westeuropa. Alles mit hardware, weil PCs noch nicht verfügbar waren und software noch hart verdrahtet werden mußte. Onlineshopping, Onlinebanking, Onlinereisebuchung, Mail etc. das alles ist schon vor gut 30 Jahren gestartet. Gel do guckscht !
ich hab angefangen mit nem 286er mit VGA-Grafik. Plus 14,4er Modem. Das hat ziemlich gepiepst. War sauteuer damals. Konnte mich damit prima in die Uni einloggen. Nur, Onlinebanking gab es damals, 1985, gewiss nicht. Achja, vorher hatte ich noch nen C64. Der muss noch bei mir im Keller stehen
3. Alt aber bedroht
seppl.online 07.05.2012
Auf dem VCFe war ein Aushang, dass die Sammlung von der Vernichtung bedroht ist, da sie aus dem bisherigen Lagerraum raus muss. Das sind angeblich über 1500 Computer von den 50er Jahren bis Heute.
4.
seppl.online 07.05.2012
Zitat von OnlineexperteAnfang der 70er Jahre wurde die weltweite Vernetzung erfunden,ursprünglich Viewdata genannt und dann unter dem genormten Sammelbegriff videotex weltweit gestartet unter den Namen Bildschirmtext, Compuserve, Minitel, Videotex, Ibertex usw. in N/SAmerika, Japan und ganz Westeuropa. Alles mit hardware, weil PCs noch nicht verfügbar waren und software noch hart verdrahtet werden mußte. Onlineshopping, Onlinebanking, Onlinereisebuchung, Mail etc. das alles ist schon vor gut 30 Jahren gestartet. Gel do guckscht !
Ned wegli - Viedeotex ist der Amerikanische Ueberbegriff fuer BTx-ähnliche Systeme. - Viewdata/Prestel, war die (Englische) Grundlage des BTX. - Minitel, war das Französische System - komplett inkompatibel zu Prestel/BTx - Das japanische Captain wiederum hatte nicht einmal die Zeichenorientierung gemein mit Prestel Als dann in USA/Canada AT&T mit PLP bzw NAPLPS (Naplips) in dne 80ern nachziehen wollte war das Thema durch die Mailboxnetze bereits gegessen. Und genau sowas war Compuserve, eine Dicke Mailbox. All diese Systeme arbeiteten mit Zentralrechnern. Paketvermittelte Netze (also das was dann das Internet wurde) mit vielen Rechnern waren damals aber schon gang und gebe. Also, eher kei 'gugscht du'.
5.
Corinna 07.05.2012
Zitat von Layer_8ich hab angefangen mit nem 286er mit VGA-Grafik. Plus 14,4er Modem. Das hat ziemlich gepiepst. War sauteuer damals. Konnte mich damit prima in die Uni einloggen. Nur, Onlinebanking gab es damals, 1985, gewiss nicht. Achja, vorher hatte ich noch nen C64. Der muss noch bei mir im Keller stehen
Na das ist doch nachgerade hypermoderne Technik. Mein erster PC mit Intel-Prozessor war der Genie 16 - Computer/EACA/TCS Genie 16/TCS Genie 16 (http://kath-rottal.homeunix.org/computermuseum/Computer/EACA/TCS%20Genie%2016/slides/TCS%20Genie%2016.html?show_param=3) - mit 8086, üppigen 256KB RAM und sogar ZWEI Floppylaufwerken 360k. Und natürlich ein Grün-Monitor, ich meine von Hantarex.
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