Virtueller Parteitag "Meine erste Parteitagsrede nach 14 Jahren Mitgliedschaft"

Baden-Württembergs Grüne sind um eine Erfahrung reicher: Als bundesweit erste Partei machten sie Ernst mit der "virtuellen Demokratie" und veranstalteten einen Parteitag im Web - wahrscheinlich nicht zum letzten Mal.

Von Fiete Stegers


Neue Erfahrungen: Viel "Community", Redechancen für jedermann - und am Ende stimmte kaum jemand ab

Neue Erfahrungen: Viel "Community", Redechancen für jedermann - und am Ende stimmte kaum jemand ab

Inhalte zählen in der Internet-Diskussion mehr als "Leithammel", haben die Delegierten des ersten virtuellen Parteitags erfahren. Am Sonntag bestimmten die baden-württembergischen Grünen nach zehn Tagen rein digitaler Debatte ihre Positionen zu Ladenschlussgesetz, elektronischer Bürgerdemokratie, BSE und Tarifautonomie.

Um Probleme mit der Parteisatzung zu vermeiden, hatten Landesvorstandsmitglied Marc Mautsch und sein Team versucht, die Internetplattform www.virtueller-parteitag.de möglichst genau dem herkömmlichen kleinen Parteitag nachzubilden: So mussten die Delegierten für Wortmeldungen an ein virtuelles Rednerpult treten.

Für informellen Austausch und einen Schwatz abseits der Debatte stand eine Flüsterecke samt digitaler Kaffeemaschine bereit. Dort hatten sich am Ende mit rund 500 Wortmeldungen die meisten Delegierten zu Wort gemeldet. Neben Parteitagsklatsch, Frotzeleien und dem täglichen Limerick von Präsidiums-Mitglied Norwin Hilker diskutierte man hier vor allem den digitalen Parteitag als solchen.

Die Idee gefiel den 115 Delegierten offensichtlich gut. Andreas Kozlik aus Murr verkündete in einem der ersten Beiträge stolz: "Meine erste Parteitagsrede nach 14 Jahren Mitgliedschaft." Gerhard Pieper aus Ravensburg sprach für viele: "Hier kann ich einfach einen Text schreiben, während mir in Realitas am Rednerpult das Herz stehen bliebe."

Statt langer Grundsatz-Reden waren auch kleine, themenspezifische Wortmeldungen möglich. Der Delegierte Ives Veneday aus Konstanz freute sich: "Man geht in der Debatte aufeinander ein und kann Dinge klarstellen oder näher erläutern." Insgesamt gab es rund 380 themenbezogene "Reden".

"Eine typische Internet-Diskussion", urteilt Till Westermayer. Der Soziologie-Student aus Freiburg untersucht den Parteitag im Rahmen seiner Magisterarbeit. Teilweise habe aber die Orientierung am realen Vorbild die Internet-Vorteile augehebelt, sagt Westermayer und nennt als Beispiel: "Es fehlte die Möglichkeit, auf andere Beiträge Bezug zu nehmen."

Das kritisierte der Intenet-erfahrene Delegierte Rolf Link, der sich auch bei den virtuellen Grünen der Politik-Simulation www.dol2day.de engagiert: "Zu wenig übersichtlich".

Boris Palmer, Landtagskandidat in Tübingen, lobte die sachliche Diskussion: "Hier habe ich mir bisher alle Wortbeiträge angeschaut. Sonst werden auf Parteitagen meist nur fünf Prozent der Anträge wirklich gelesen." Mit Forscher Westermayer ist er sich einig: Bekannte "Leithammel" spielten in der digitalen Diskussion kaum eine Rolle. Ausnahmen waren ein Gastbeitrag von Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) und das Bonmot des Grünen-Bundesvorsitzenden Fritz Kuhn über die spärliche Haarpracht seines Landeskollegen Andreas Brauner.

"Hier diskutieren nicht nur die Internet-Freaks", meint Carsten Gabbert vom virtuellen Parteitagspräsidium. Zwar gäbe es viele junge Delegierte, aber das sei bei normalen Parteitagen nicht anders. Dafür erzählt er von einer berufstätigten Delegierten mit kleinen Kindern: "Die hätte normalerweise einfach nicht kommen können."

"Insbesondere Frauen haben angemerkt, dass die Diskussion so für sie bequemer ist", hat die Delegierte Nicole Franke aus Tübingen beobachtet. Auch wenn die Mehrzahl der Beiträge trotz gleicher Geschlechteranteile weiterhin von Männern komme.

Ausgegrenzt fühlt sich durch die Digitalität offenbar niemand. Die Kreisverbände stellten ihren Delegierten bei Bedarf die Netzanschlüsse ihrer Büros zur Verfügung. Mancherorts surften die Delegierten öffentlich.

Interessant: Gute Beteiligung an Diskussionen, schlechte an Abstimmungen

Im Schnitt zählte der Parteitags-Server rund 3000 Besucher pro Tag. "Die Hälfte davon waren richtige Arbeitssessions", sagt Britta Kurz, Landespressesprecherin. Etwas mager fiel die Beteiligung in den drei Abstimmungsrunden aus: Nur jeweils rund 70 Delegierte gaben ihre Stimme ab. Warum es nicht mehr waren, ist für Westermayer eine der interessantesten Fragen: "Spekuliert werden könnte, dass der Abstimmungsmodus zu kompliziert war, dass vielleicht die recht aufwendige Sicherheitstechnik mit Schlüssel auf Diskette nicht funktioniert hat oder dass schlicht kein Interesse da war." Gerhard Pieper vermutet: "Wer sich nicht jeden Tag eingeloggt hat, bekam Schwierigkeiten, die ganzen Änderungsanträge nachzuvollziehen."

Till Westermayer hat noch einen anderen Nachteil entdeckt: Zwar sei die Diskussion transparenter und für jeden Internet-Nutzer zu Hause nachzulesen gewesen, dafür hätten die Grünen ihre politischen Inhalte aber so erheblich schwerer für Medien und Öffentlichkeit darstellen können.

Neben Westermayer werten auch die Heinrich-Böll-Stiftung und weiterere Forscher den Parteitag wissenschaftlich aus. Für die Grünen steht schon fest: "Ein großer Erfolg". Zumindest für die Vernetzung der Landesarbeitsgruppen solle die Plattform weiter genutzt werden, kündigte Entwickler Marc Mautsch an.



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