Virtueller Schminksalon Ich klick mich schön

Make-up ist harte Arbeit und nichts für Männer. Von wegen - Felix Knoke tritt zum Gegenbeweis an. Pickel wegpudern, Glatzenansatz frisieren, Lippen aufrüschen: Geht doch alles, dank neuer toller Schminkspiegel im Internet! (Auch für Frauen.)


Mal ehrlich: Die meisten Menschen sind nicht gerade schön. Zum Beispiel ich.

Dunkle Augenränder, klaffende Geheimratsecken, fleckige Wangen. Was tun gegen solch eine Last? Schminken!, ruft meine Freundin. Doch dafür ist die Welt, dafür bin ich noch nicht bereit.

Was bleibt, ist das Internet.

Dort kann ich vor virtuellen Schminkspiegeln ausprobieren, wie mir Mascara, Lipgloss und zu viel Rouge helfen könnten, ein schönerer Mensch zu werden.

Erste Station ist der Hollywood Hair Makeover der Modezeitschrift "InStyle". Ich lade mein Porträtfoto hoch, markiere Augenwinkel und Kinnspitze: Die Website erkennt nun Haarlinie und Gesichtform. Mithilfe kleiner Pins bessere ich die Position meiner Ohren nach. Schwieriger wird die Wahl der Frisur.

Die Auswahl ist groß, aber es gibt ausschließlich Frauen-Harrschnitte. Zum Beispiel die von Stylingwunder Sarah Palin und von Hillary Clinton. Ich entscheide mich für die Mähne der US-Countrysängerin Taylor Swift. Sie hat üppig wallendes, blondes Haar. Ich längst nicht mehr. Ein Klick, und die Haare sitzen. Jetzt sehe ich aus wie ein Schalke-Fan.

Eine neue Mähne macht aber noch keinen neuen Menschen, es fehlt die Farbe. Dafür lade ich meine Neukreation auf Taaz hoch, der besten Schminkseite im Netz. Hier gibt es alles: Lippenstifte, Lipliner, Lidschatten, Concealer, Kontaktlinsen. Ich gehe auf Nummer sicher, wähle einen roten Lippenstift mit Gloss und kaschiere meine Augenringe mit einem blauen Lidschatten. Das ganze dramatisiere ich mit einem grauen Eyeliner.

So langsam verstehe ich meine Freundin und ihre halbstündigen Badaufenthalte vor Partys.

Digitale Anprobe vor dem Kauf

Plötzlich steht sie an meiner Seite, nimmt mir fassungslos die Maus aus der Hand. Ich fühle mich ertappt. "Bist Du verrückt", ruft sie empört, "roter Lippenstift und blauer Lidschatten?!" Sie ringt um Fassung, will jetzt auch mal ran.

Modezeitschriften und Make-up-Marken locken mit diesen Seiten modebewusste Surfer in ihre Communitys, machen sie mit ihren Produkten vertraut. Diese Art der Online-Werbung funktioniert offenbar so gut, dass einige Websites besondere Markenartikel nur gegen Überweisung eines Mitgliedsbeitrages zur digitalen Anprobe freischalten. Make-up-Hersteller bewerben ihre Produkte Falte für Falte. Die Parfümindustrie muss sich denken: Schade, dass Websites nach nichts riechen.

Denn Webangebote wie Taaz, Virtual Makeovers oder Makeover Studio funktionieren, sie sind eine echte Hilfe vor und für den Kosmetikkauf. Proppevolle Nutzergalerien veranschaulichen Erfolg und Potential dieser Angebote. Längst üben hier nicht mehr nur Angy und Cindy, wie man sich in eine Disco-Queen statt einer Discokugel verwandelt. Probieren neue Frisuren oder gewagte Farb-Kombinationen aus, bevor sie im Drogeriemarkt oder beim Friseur ihr Taschengeld lassen.

Manche Nutzer haben den Umgang mit dem digitalen Schminkset so perfektioniert, dass sie damit ihre Porträtfotos aufhübschen, wie es sonst nur Photoshop-Profis können.

Sei dein eigener Frankenstein

In manchen Fällen freilich hilft auch Farbe nicht mehr weiter. Wer Schminken sagt, muss womöglich auch Skalpell sagen.

Längst gibt es auch die virtuelle Schönheits-OP im Netz. Liftmagic kann seine Schönheitsversprechen zwar nicht wirklich einlösen, dafür ist die Virtual Plastic Surgery Software ein brauchbares Werkzeug für Schönheitsoperationen am PC.

Mehr Spaß macht Morphases. Mit wenigen Mausklicks puzzelt man hier sein Wunschgesicht zusammen, staucht es, streckt es, lässt den Zufallsgenerator entscheiden. Dann klebt Morphases Versatzgesichtsteile zusammen, die es aus den Porträtfotos gewinnt, die seine Nutzer einschicken. Als ob Dr. Frankenstein und Dr. Mang einen OP-Saal miteinander teilten.

Einen letzten gruseligen Kick hole ich mir dann noch schnell vom Face Transformer der University of St. Andrews. Er berechnet, wie sich Gesichter im Alter verändern, maskulinisiert/feminisiert Bilder, zeigt mir, wie ich als Halbaffe aussähe.

Dann will Johanna wieder zu Taaz, pinselt virtuell in ihrem Gesicht herum und vertröstet meine Mitmischwünsche. "Tut mir leid, bist ja schon schön."

Und setzt natürlich nach: "So wie du bist."

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