Visualisierung von Texten Wortlos schön

Texte sind zum Lesen da. Oder zum Anschauen. Künstler, Wissenschaftler und Entwickler eröffnen mit ihren Analysetools und Text-Illustrationen neue Perspektiven auf alte Werke.

Von

Adam J Calhoun

Was ist denn das? Ein Mandala? Oder eine Spirale aus Morsezeichen? Wer sich die Motive des Webdesigners Nicholas Rougeux ansieht, steht erst einmal vor einem Rätsel. Seine kryptischen Zeichnungen brechen mit Sehgewohnheiten und lassen sich nur schwer entziffern.

Tatsächlich geht es bei Rougeux um das, was der Betrachter nicht sehen kann: Er visualisiert Texte, zeigt aber nur die Leerzeichen und Satzzeichen zwischen den Wörtern - Buchstaben lässt er gänzlich weg. Rougeux versuchte sich mit dieser Technik zum Beispiel schon an einem Roman von Charles Dickens und den Sonetten von William Shakespeare.

Er entfernte alle Buchstaben, übrig blieb eine Suppe aus Punkten und Kommata, neben vielen Leerzeichen. Rougeux ordnet die verbliebenen Elemente alle in ihrer Reihenfolge im Original auf einer einzigen langen Zeile, die er zu einer nach innen laufenden Spirale biegt.

Inzwischen hat der Chicagoer Künstler für sein Projekt "Between the Words" ("Zwischen den Wörtern") über ein Dutzend Werke visualisiert, darunter weltbekannte Stücke wie Herman Melvilles "Moby Dick", H.G. Wells' "Zeitmaschine" oder James Joyces Riesenwerk "Ulysses".

Texte sind frei verfügbar

Die Texte stehen unter Public Domain, sind also gemeinfrei. Rougeux bezog sie so in digitalisierter Form beim Project Gutenberg. In seiner Bearbeitung offenbaren sie eine zweite, verborgene Ebene. Rougeux nennt diese Ebene den sichtbaren Rhythmus der Interpunktion. Bei jedem Textgenre, ob Prosa oder Lyrik, sind deutliche Unterschiede zu sehen, auch zwischen den Werken verschiedener Autoren. Jeder hat seinen individuellen Stil.

Auch andere Textliebhaber außer Rougeux beschäftigen sich mit den Satz- und Leerzeichen von verschiedenen Text und gießen die Ergebnisse in Illustrationen. So zum Beispiel den Neurowissenschaftler Adam Calhoun an der Universität Princeton. Auch er setzt sich mit dem Phänomen der individuellen Verteilung von Leer- und Satzzeichen in der Literatur auseinander. Dazu schrieb er ein Skript, das aus einem vorgegebenen Text sämtliche Wörter entfernt.

Unterschiede zwischen Autoren auf einen Blick sichtbar

Anders als Rougeux ordnet er das Ergebnis in Zeilen an. Die Gegenüberstellungen der Zeichenextrakte von Cormac McCarthys "Die Abendröte im Westen" und William Faulkners "Absalom, Absalom!" zeigen auf den ersten Blick, wie verschieden beide Autoren ihre Texte strukturiert haben.

Daneben nahm Calhoun sich noch statistische Auswertungen vor und analysierte, wie viele Kommata, Punkte, Gedankenstriche und so weiter in den jeweiligen Werken enthalten sind, oder wie viele Wörter pro Satz.

Noch anschaulicher werden die Unterschiede, wenn jedem Zeichen eine Farbe zugewiesen wird. Wie eine Heatmap zeigt die Übersicht dann an, wo der der Autor im Verlauf des Werkes besonders sparsam mit Punkt und Komma umgegangen ist und an welchen Stellen des Werks eher verschwenderisch.

Wer sich nicht damit begnügen will, die Motive auf der Basis von Weltliteratur zu betrachten, kann auch selber Kunst aus Buchstaben kreieren. Der australische Programmierer Tim Holman hat zum Beispiel auf seiner Website einen "Texter" veröffentlicht. Man zieht damit mit gedrückter Taste den Cursor über die Fläche, ein Text entsteht. Je schneller die Bewegung, desto größer werden die Buchstaben. Text und Schriftbild können individuell eingestellt werden.



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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
demokratie-troll 29.02.2016
1. Meine Visualisierung
Mein Beitrag zur Visualisierung von Texten stammt aus dem Buch "Penisgott" von Zeus Logo v. November 2014. Lol. https://zeuslogo.wordpress.com/2015/06/
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