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Von Friendster bis YouTube: Die Blase 2.0

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Das Kunstwort Web 2.0 gilt als Zauberformel mit der Macht zur Geldvermehrung. Die Geschäftsmodelle der Vorzeigeunternehmen dagegen zeigen: Wirtschaftlicher Erfolg mit Web 2.0 ist schwierig - und noch schwieriger zu bewahren. Ein vorgezogener Abgesang.

Man stelle sich folgendes Business-Modell vor: In sehr reduzierter Grafik wird ein virtuelles Haus im Internet geschaffen, dessen einzelne Räume für verschiedene Tätigkeiten stehen. Sie sind offen für jedermann, und jeder darf sich einbringen und dort veröffentlichen. Auf der Sofaecke liegen virtuell die Poeten und Autoren und teilen ihre Ideen mit der Welt, an anderer Stelle zeigen und diskutieren die Fotografen und Maler ihre Werke. Im Schlafzimmer ist Raum für heimlichen dirty talk, während es am Küchentisch heiß her geht: Dort diskutiert die Community die aktuelle Entwicklung ihrer Heimstatt. Für Popularität und Erfolg Ihres virtuellen Hauses sorgt schon ein eingängiges Motto - wie wäre es zum Beispiel mit Erotik? Das wird brummen!

Der Traum vom Web-2.0-Schlaraffenland: Kurz vor dem Platzen?
[M] DDP ; mm.de

Der Traum vom Web-2.0-Schlaraffenland: Kurz vor dem Platzen?

Und von vorn bis hinten, von oben bis unten ist alles user generated content, wie man so schön sagt, und damit ja so was von in. Für Sie aber als Geschäftsperson ist das Tollste, dass sie letztlich nur die Instrumentarien zur Verfügung stellen müssen. Den Inhalt bringen die Nutzer mit, und wenn die erst einmal kommen, lässt sich ihre bloße Anwesenheit schon vermarkten - oder man verkauft den ganzen Kram samt Community für viel Geld an ein großes Medienunternehmen, das so etwas selbst nicht hinbekommt.

Ist ein solches Geschäftsmodell ein Web-2.0-Traum? Die Empfehlung einer cleveren Unternehmensberatung an einen großen Investor? Ein Ausschnitt aus dem Vortrag eines Netzkenners im Rahmen eines Web-2.0-Kongresses? Nicht ganz. Die Beschreibung umreißt die Idee zu Biancas Smut Shack (nur erweitert um eine Bilderbörse), erdacht im Winter 1993 und online gegangen am 14. Februar 1994 - als eine der 500 ersten Websites überhaupt.

Bianca gehörte bis Ende der neunziger Jahre zu den populärsten Adressen im Web. Ähnlich wie die Ur-Online-Community The Well, gegründet 1985, wurde sie als eine der heißesten Adressen gefeiert, bei denen es keine Veranstalter und Leser, sondern nur Mitmacher gab. Denn es waren ja gerade die kommunikativen und interaktiven Potentiale des Web, die dessen frühe Faszination ausmachten. Kommerzielle Anbieter und Publisher hingegen wurden in den ersten Jahren des WWW als Fremdkörper betrachtet und stießen auf einige Ablehnung.

Deshalb nehmen Onliner, die das Web vor dem Dotcom-Boom entdeckten, Web 2.0 auch als Retro-Bewegung wahr: In Blogs und flickr, YouTube und Wikis, digg und Co (siehe Kasten unten) leuchten Eigenschaften des Internets wieder auf, die für einige heiße Jahre unter einer Welle der Kommerzialisierung verschüttet waren. Trotzdem ist Web 2.0 etwas Neues: Anders als früher scheinen sich hier Community-Orientierung und Kommerzialität nicht zu beißen.

Sagt man, hört man, liest man allerorten. Doch ist das wirklich so? Web 2.0 fasst als Begriff Dienste zusammen, die auf einer starken Einbindung der Nutzer als Mitmacher basieren und auf neuen technischen Möglichkeiten, sich mit dem Webangebot interagierend einzubringen. Ist diese Idee wirklich eine so narrensichere Methode, im Web Geld zu verdienen - kurz, ein Erfolgsrezept?

Noch scheint die sicherste Methode, mit Web 2.0 Geld zu verdienen, die zu sein, darüber zu schreiben oder zu reden. Nachdem sich die Community in den letzten zwei Jahren einen Raum erobert hat, rückt nun das Kapital nach: Der Hunger, solche Projekte aufzukaufen oder an den Start zu bringen, ist so groß, als wäre wieder 1998. Und wieder werden irrwitzige Summen bezahlt für Unternehmen, deren Scheitern gar nicht so unwahrscheinlich ist. Dafür gibt es (auch das ein Deja-vu) wieder deutlich mehr Kongresse, Experten und Erfolgsrezepte als kommerziell erfolgreiche Web-2.0-Angebote.

Dabei steht der relativ kleinen Zahl erfolgreicher Web-2.0-Projekte eine weit größere gegenüber, die (zumindest kommerziell) scheiterten. Der Witz dabei ist, dass die Konzepte oft die gleichen waren - und die Gewinner nicht unbedingt jene, von denen man den Erfolg erwartete.

Mehr noch: Es sind die exponiertesten Marken, die größten Erfolgsgeschichten, die oft am spektakulärsten enden. Wer wollte sich darüber wundern? Wenn Freiheit, Wildwuchs und eine gewisse, auf Rechte pfeifende Web-Anarchie Teil des sogenannten Erfolgsrezepts sind, dann ist es oft der Erfolg, der das Ende einleitet. Exemplarisch wird SPIEGEL ONLINE das in den kommenden zwei Tagen an den zwei Bereichen von Web-2.0-Angeboten zeigen, die zur Zeit die meiste Aufmerksamkeit ernten: Social-Network-Seiten wie MySpace und die Video-Community YouTube.

Die Debatte um das Web 2.0 und das, was danach kommen könnte, wollen wir aber schon heute eröffnen: Was könnte mehr "Web 2.0" sein, als Ihre Inputs zum Teil der Auseinandersetzung mit dem Thema zu machen? Am Ende sind doch Sie die Experten: Besser als alle Investoren, Risiko-Kapitalgeber, Medienexperten und selbsternannten Web-2.0-Propheten wissen Sie, was Sie vom Web wollen. Diskutieren Sie mit!


P.S.: Es gibt nichts Neues unter der Sonne

Die Geschichte der Smut Shack, der weltweit ersten Web-basierten Chat-Community, endete übrigens erst in diesen Tagen. Die Community wuchs und bot sich erotische Unterhaltung, solange sie nicht zu erfolgreich war. Dann begannen die Medien zu berichten, die Mitgliederzahl stieg exorbitant, und die Armee der Schmutzfinken fiel ein.

Als die Selbstkontrolle der nicht als kommerzielle Unternehmung begonnenen Smut Shack kollabierte, kam der Verkauf an das Erotikportal Nerve fast als Befreiung. Der Versuch eines kommerziellen Anbieters, eine inhaltlich hochgradig verwandte freie Community zu sich herüberzuziehen, scheiterte jedoch: Der Nutzeffekt für Nerve blieb minimal, während sowohl die Kosten als auch die Probleme mit Copyrights und wild getauschter Pornografie wuchsen, was auch die engagierten Moderatoren wie Mitgründer David Thau nicht verhindern konnten. Der engagierte Teil der Community musste mitansehen, wie das Angebot im Trash versank.

Nerve stieß Biancas bereits 2001 wieder ab. Die Seite verkam und verkümmerte und wird seit 2003 nicht mehr gepflegt. Der erotische Chat, das letzte Überbleibsel, gab seinen Dienst erst in diesem Jahr auf.




In den kommenden Tagen lesen Sie:

Mittwoch, 1. November 2006:
Social Networks: Was heißt hier Treue? Webangebote wie MySpace leben von einer äußerst jungen, flatterhaften Klientel. Was heute hip ist, ist morgen Flop, weil von gestern.

Donnerstag, 2. November 2006:
YouTube: Verkauf zur rechten Zeit?
Kaum ein Web-Angebot generiert so viele Nachrichten wie YouTube, genießt so große Aufmerksamkeit. Genau da liegt das Problem: YouTube droht, vom eigenen Erfolg in die Saubermann-Ecke gedrängt zu werden. Da will die Community aber gar nicht hin.

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Forum - Das Mitmach-Web: Medienrevolution oder Seifenblase?
insgesamt 132 Beiträge
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1.
Spiritogre, 13.04.2006
Web 2.0 ist ja viel mehr. Es sind quasi richtige Programme die da im Webbrowser ablaufen. Kan man zur Zeit bei vielen Freemailern wie Hotmail schon sehen. Da gibt es quasi keinen Unterschied in der Bedienung zum normalen Mail-Programm. Der Nachteil (derzeit?) ist, dass sie natürlich viel träger laufen als eine lokale Anwendung. Aber es ist ein interessantes Modell. Statt sich eine Software zu kaufen kann man z.B. Bildbearbeitung online (kostenlos aber mit Werbebannern auf der Seite) machen. Wichtig für die Zukunft ist eine schnelle Internetverbindung sowohl beim Download als auch beim Upload (da haperts bei den deutschen Angeboten erheblich) sowie natürlich geringe Latenzzeiten. Was die Industrie am Ende daraus macht, sowohl die Anbieter solcher Dienste als auch irgendwann mal die deutschen Internetprovider steht allerdings auf einem anderen Blatt. Etwas Zurückhaltung ist angebracht da die Industrie gerne mal die Chancen überbewertet - falsche Ideen wie kostenpflichtige bzw. zu teure Angebote die keine konkurrenz zu normaler, stationärer Software sind etwa.
2. Datenschleuder Web 2.0
SirRobin 13.04.2006
Jaja, die Interaktivität... da wundert es einen doch, das das Mitmach-Fernsehen nie funktioniert hat... Was aber viel schwerer wiegt bei all der Web 2.0-Nummer: Datensicherheit. Die Idee hinter Ajax und Co. ist ja, dass Nutzer im Browser künftig Anwendungen laufen lassen, die bislang nur auf dem Desktop liefen jetzt online verfügbar sein solle/werden/können... egal. Die Mail Applikation von live.com von MS als Beispiel, die quasi ein Outlook ist oder werden soll. Soweit OK das mit den Mails, aber wer will seine Geschäftsbriefe oder seine Excel-Sachen ONLINE bearbeiten? Da muss die Verbindung schon recht sicher sein und der Server auch, damit solche Anwendungen genutzt werden können. Firmen werden sich nach web 2.0 Bookmarks von Usern die Finger lecken - welch wunderschönes persönliches Nutzerprofil... Perfekt für den nächsten SPAM-Anlauf. Web 2.0 ist keine Spielerei, oder ne "Ich klick mal mit"-Geschichte. Da stehen wichtigen Anwendungen dahinter die noch das eine oder andere zu diskutieren geben werden. Wird spannend werden...
3. Welcome 2 teh future^^
jimKn0pfEnhanced, 13.04.2006
Irgendwann beginnt Jeder selbstständig agierende Mensch sich vom alten TV Medium zu lösen. Statt wie gehabt sich ausschließlich berieseln zu lassen und ein Medium quasi nur Passiv zu nutzen. Ihm ausgeliefert zu sein, keinen Einfluß zu haben auf den Inhalt ist eine Einschränkung eine Verkrüppelung. Nach Informations erhalt möchte man darüber diskutieren sich mitteilen, daher schreiben auch immer mehr Gruppen Blogs. Der Effekt ist, das die Menschen sich intensiver mit Informationen auseinandersetzen und eigene Ideen miteinbringen. Jeder ist Produzent und Konsument - alle partizipieren so direkt oder indirekt voneinander. Dies ist eine Art exponentielles Wachstum des Wissens, der Gesellschaft - der Globalen Gesellschaft. Das einzige was dem noch entgegenwirkt: - vorsintflutliche Kapitalismus(Vorschlaghammer Copyrights) - Einzelne Personen welche um Machterhalt ringen und die Zeichen einer neuen Ära nicht sehen - das Potential nicht sehen. - Regierungen welche Ihre Bürger daran hindern sich selbständiger zu machen. Mit freundlichen Grüßen
4. nachichten im web
schlinki, 13.04.2006
Die alten Medien werden verschwinden. www.newsvine.com ist eine Nachrichtenseite, die es richtig macht. Ich mag den Spiegel, aber brauche ich ihn überhaupt noch?
5.
Peter Königsdorfer, 13.04.2006
---Zitat von Spiritogre--- Web 2.0 ist ja viel mehr. Es sind quasi richtige Programme die da im Webbrowser ablaufen. Kan man zur Zeit bei vielen Freemailern wie Hotmail schon sehen. Da gibt es quasi keinen Unterschied in der Bedienung zum normalen Mail-Programm. Der Nachteil (derzeit?) ist, dass sie natürlich viel träger laufen als eine lokale Anwendung. . ---Zitatende--- Es hängt hauptsächlich von der Menge der involvierten Daten ab, wie träge so ein Programm reagiert. Verglichen mit der herkömmlichen Web-Programmierung laufen solche Programme aber immer schneller ab, da Daten per AYAX direkt in das DOM einer bestehende Seite eingelesen werden, statt serverseitig eine neue Seite aufzurufen. Das Problem ist halt, dass solche Scripte nicht pickelhart und zwingend laufen, sie benötigen modernes (und natürlich aktiviertes)JavaScript. Deshalb wende ich solche Scripte nur in Backends an oder als zusätzliche Helferlein, auf die man auch verzichten könnte, ohne die grundlegende Funktionalität einer Seite einzuschränken. mfG Peter
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