Vorbespielter USB-Stick Musik zum Löschen

Es ist lange her, dass die Punkband Wizo mit Skandalen von sich reden machen konnte. Jetzt versuchen es die Sindelfinger mit einem Technik-Gag: Als angeblich erste Band der Welt vertreiben sie ein Album im MP3-Format auf einem USB-Stick. Das Ding ist billiger als eine CD.


Wizo: Wer verkaufen will, muss trommeln

Wizo: Wer verkaufen will, muss trommeln

Speicher ist billig, und das ist "Wizo" nur recht. Der Sindelfinger Punkband, seit fast eineinhalb Jahrzehnten im Geschäft, ist es in den letzten Jahren nur selten gelungen, ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu rücken. Mitte der Neunziger galten sie als anarchische Alternative zu und stets auch hinter den Ärzten, machten öfter durch Skandale als durch Musik auf sich aufmerksam.

Kurzzeitig richtig prominent wurden sie, als sich 1997 Wilhelm Gegenfurter, Generalvikar von Regensburg, zu einer Anzeige hinreißen ließ: Die Gruppe hatte ein Fan-T-Shirt auf den Markt gebracht, auf dem ein gekreuzigtes Cartoon-Schwein abgebildet war. Dass der PR-Stunt mit einer Verurteilung nach §196 StGB, "Beschimpfung von religiösen Bekenntnissen", endete, feiert die Band noch heute als einen ihrer größten Erfolge - neben Auftritten auf den Chaostagen in Hannover, als Vorgruppe der Ärzte, der zweifelhaften Ehre, dass ihre Single zum Todestag von Roy Black von "Bild" zur "schlechtesten Platte des Jahres 1992" gekürt wurde, diversen Anzeigen und der erfolgreichen Indizierung ihres Albums "UUAARRGH!" wegen Gewaltverherrlichung.

Da nimmt sich die neueste Aktion der Sindelfinger ausgesprochen zahm aus: Als angeblich erste Band der Welt veröffentlicht sie ein Album nicht etwa auf CD, sondern auf einem USB-Stick.

Möglich ist das, weil die Preise für die kleinen Datenspeicher schneller sinken, als sich die Batterien leeren. Die "Wizo Stick-EP" hat und braucht nicht mehr als 64 MB, was auf dem Stickmarkt heute ein echtes Leichtgewicht ist: So kleine Dinger sind in regulären Shops kaum mehr zu bekommen, werden bei eBay für Preise ab 12 Euro neu verscherbelt.

Da braucht man dann nur noch rund vier Euro drauflegen und bekommt zum Schnäppchenpreis von nur noch 15,90 Euro

"- fünf nagelneue Songs als topqualitative MP3s!
- einen exklusiven Live-Video-Clip (nur auf der "STICK-EP")!
- haufenweise lustige WIZO-Fotos!
- Texte mit Akkorden für Gitarre!
- einen supi Foto-Wettbewerb!
- duftes Multimediamenü zum durchsurfen im Webbrowser!"

USB-Stick von Wizo: Musik als Dreingabe

USB-Stick von Wizo: Musik als Dreingabe

Das "geile daran" sei, heißt es auf der Webseite, dass man alle Inhalte sonstwohin kopieren könne und den Stick dann anderweitig verwenden. "Musik ist die Dreingabe, statt Kopierschutz oder Klagefluten gibt es Songs im Mp3-Format auf einem 'coolen' Merchandise-Artikel."

Ein "cooles" Angebot, jubelt die Plattenfirma, das bereits so viel Staub unter den Fans aufgewirbelt habe, dass "der Webshop der Band zeitweise zusammenbrach", weil "Fans aus der ganzen Welt so verrückt" bestellten.

Nachprüfbar ist das natürlich nicht, in den offiziellen Charts wird Musik im USB-Stick-Vertrieb so schnell auch kaum erfasst werden. Inzwischen, sagt die Plattenfirma Hulk Räckorz, lägen die Verkaufszahlen bereits im vierstelligen Bereich - was in Zeiten desolater Verkäufe auch im Mainstream-Musikbereich durchaus für eine Charts-Notierung reichen würde, denn auf dem Markt ist der Stick "erst seit letzter Woche".

Dass der USB-Stick-Verkauf eher ein Werbegag ist, gibt die Plattenfirma unumwunden zu: "Das rechnet sich nicht wirklich für uns." Die Aktion aber liege durchaus auf Wizos Linie, spiele mit der Provokation: "Die Musikindustrie jammert doch nur über diese Dinger. Da dachten wir eben, da müsse man mal was Innovatives tun." Fan-Pflege und Werbung um neue Hörer sei das.

Dumm ist das Konzept tatsächlich nicht, könnte man lästern: Auf USB-Sticks ließ sich wahrscheinlich so manche Musik verkaufen, die kein Mensch mehr hören will. Zum Löschen, so zu sagen. Was absolut kein Urteil über die Musik von Wizo sein soll: Die kann man schließlich auf der Webseite auch probehören, bevor man den Stick kauft. Allerdings nur häppchenweise und in "mieser Qualität", man will ja schließlich noch was verkaufen. Sind halt Profis, die Jungs.

Frank Patalong



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