Vorgefiltertes Netz: Wie Facebooks nette Welt uns entmündigt

Ein Debattenbeitrag von Eli Pariser

Facebook, Twitter, Google+: Die Filter-Mechanismen der sozialen Netzwerke blenden Themen unserer Gesellschaft aus, die wichtig, aber zu komplex für schnelle, eindeutige emotionale Reaktionen sind. Dieses Phänomen bedroht den politischen Prozess.

Facebook-Nutzer: Die Mitglieder sehen eine gefilterte Version ihres sozialen Umfelds Zur Großansicht
DPA

Facebook-Nutzer: Die Mitglieder sehen eine gefilterte Version ihres sozialen Umfelds

Die meisten Regierungen und Unternehmen sind mit der neuen Macht, die personenbezogene Daten und Personalisierung bieten, bis jetzt recht vorsichtig umgegangen - wobei China, Iran und andere unterdrückende Regime die Ausnahme bilden.

Doch abgesehen von der willentlichen Manipulation hat die Filterung von Internetinhalten mehrere unbeabsichtigte, aber ernste Folgen für Demokratien. In der Filter Bubble ist der öffentliche Raum - der Bereich, in dem gemeinsame Probleme erkannt und bearbeitet werden - einfach unbedeutender.

Zum einen gibt es das Problem der freundlichen Welt. Der Kommunikationswissenschaftler George Gerbner untersuchte als einer der Ersten, wie Medien unsere politische Überzeugung beeinflussen, und während der siebziger Jahre dachte er viel über Fernsehsendungen wie "Starsky und Hutch" nach - das ist eine ziemlich dumme Serie voller Klischees: dicke Oberlippenbärte, melodische Untermalung und simples Gut-gegen-Böse. Es gab viele Sendungen dieser Art - neben "Drei Engel für Charlie" und "Hawaii Fünf-Null", die ins kollektive Gedächtnis eingingen, wurden noch Dutzende Serien ausgestrahlt, die wohl nie für ein ironisches Remake ausgegraben werden.

Doch Gerbner, Kriegsveteran, Doktor der Kommunikationswissenschaft und späterer Dekan der Annenberg School of Communication, nahm diese Fernsehsendungen sehr ernst. Ab 1969 untersuchte er systematisch, wie das Fernsehprogramm unser Denken über die Welt beeinflusst. Wie sich herausstellte, war der Einfluss von "Starsky und Hutch" und Co. gar nicht so gering. Wenn man Fernsehkonsumenten bat, den Anteil von Polizisten an der arbeitenden Bevölkerung einzuschätzen, gaben diese im Vergleich zu Personen mit ähnlichem Bildungsgrad und demografischen Hintergrund, die jedoch nicht regelmäßig fernsahen, viel zu hohe Zahlen an. Noch beunruhigender war der Befund, dass Kinder, die viel Gewalt im Fernsehen sahen, auch in der echten Welt mehr Angst vor Gewalt hatten.

Wer viel fernsieht, lebt in einer gemeineren Welt

Gerbner nannte dies das "Gemeine-Welt-Syndrom " (Mean World Syndrome): Wenn man in einem Zuhause aufwächst, in dem mehr als drei Stunden am Tag der Fernseher läuft , lebt man in einer gemeineren Welt (und handelt dementsprechend) als der Nachbar eine Tür weiter, der am gleichen Ort wohnt, aber weniger Fernsehen sieht. "Wer die Geschichten einer Kultur erzählt, herrscht über das menschliche Verhalten", sagte Gerbner später.

Gerbner starb 2005, aber er erlebte noch, wie das Internet diesen Zwang zu durchbrechen begann. Es muss eine Erleichterung gewesen sein: Obwohl unsere Online-Geschichtenerzähler immer noch eine recht eingeschworene Gemeinschaft sind, bietet das Internet doch mehr Auswahl. Man kann seine Nachrichten von einem Blogger beziehen anstatt von einem Fernsehsender, der mit hohen Kriminalitätsraten erschrickt, um die Einschaltquoten zu steigern.

Das Gemeine-Welt-Syndrom scheint heutzutage also kein so großes Risiko mehr zu sein, doch es gibt ein neues Problem: Wir treffen nun wohl auf das, was der Soziologe Dean Eckles als das "Nette-Welt-Syndrom " bezeichnet, denn die größten und wichtigsten Probleme geraten gar nicht mehr in unser Blickfeld.

"If it bleeds, it leads"

Die gemeine Welt des Fernsehens entsteht aus dem zynischen Motto "If it bleeds, it leads" (Blut zieht immer); die nette Welt der algorithmischen Filterung folgt keinen so eindeutigen Absichten. Nach Auskunft von Facebook-Ingenieur Andrew Bosworth gab es zum "Like"-Button ("Gefällt mir"-Button) mehrere Entwürfe - von einem Stern bis zum gehobenen Daumen (der aber in Iran und Thailand eine obszöne Geste ist). Im Sommer 2007 nannte man den Button einen Monat lang den "Awesome"-Button. Schließlich aber tendierte das Facebook-Team eher zu dem universelleren "Like".

Dass Facebook "Gefällt mir" statt zum Beispiel "Wichtig" gewählt hat, ist ein kleiner stilistischer Unterschied mit weitreichenden Folgen: Die Geschichten, die bei Facebook am meisten Beachtung finden, also am meisten "Likes" bekommen, sind einfach "gefälliger".

Facebook ist nicht der einzige Filterservice, der zu einer antiseptisch schönen Welt neigt. Auch Twitter, das doch dafür bekannt ist, dass die Filterung in der Hand seiner Nutzer liegt, zeigt laut Eckles diese Tendenz. Twitter-Nutzer sehen einen Großteil der Tweets von Personen, deren Nachrichten sie abonniert haben. Wenn sich aber mein Freund mit jemandem austauscht, dessen Twitter-Konto ich nicht folge, erscheint dies auch nicht. Die Absicht dabei ist völlig harmlos: Twitter will mich nicht mit Unterhaltungen zuschütten, die mich nicht interessieren. Das hat aber zur Folge, dass Unterhaltungen zwischen meinen Freunden (die mir meist ähneln) überrepräsentiert sind, während Unterhaltungen, die mir neue Ideen nahebringen könnten, unterdrückt werden.

Natürlich ist "nett" nicht immer der passende Ausdruck für die Geschichten, die in die Filter Bubble dringen und unsere Ansichten zum politischen Geschehen formen. Als progressiver Nachrichtenjunkie bekomme ich viele Meldungen zu Sarah Palin und Glenn Beck. Die Wertigkeit dieser Nachrichten ist aber sehr vorhersehbar: Menschen posten sie, um ihrer Abneigung gegen Becks und Palins Rhetorik Ausdruck zu verleihen und sich mit ihren Freunden solidarisch zu erklären, die vermutlich dieselben Ansichten haben. Es kommt selten vor, dass meine Annahmen zur Welt durch die Nachrichten in meinem Newsfeed ins Wanken geraten.

Die Filter Bubble schenkt uns eine "emotionale Welt"

Besonders emotionale Geschichten gedeihen in der Filter Bubble. Eine Studie der Wharton School, die sich die am häufigsten weitergeleiteten Nachrichten auf der "New York Times"-Liste angesehen hat, ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Geschichten, die starke Gefühle wecken - Schrecken, Angst, Wut, Freude -, am ehesten weitergegeben werden. Wenn das Fernsehen uns eine "gemeine Welt" gibt, schenkt uns die Filter Bubble eine "emotionale Welt".

Ein beunruhigender Nebeneffekt des Nette-Welt-Syndroms besteht darin, dass wichtige öffentliche Probleme verschwinden. Nur wenige Menschen suchen nach Informationen zur Obdachlosigkeit und leiten diese weiter. Trockene, schwierige, zähe Probleme - viele wirklich wichtige Themen - schaffen es nicht in den Vordergrund. Während wir uns früher auf menschliche Redakteure verließen, die uns auf diese wesentlichen Probleme aufmerksam machten, sinkt deren Einfluss immer mehr.

Selbst Werbung ist nicht unbedingt ein idiotensicherer Weg, die Menschen auf öffentliche Probleme hinzuweisen, wie die Umweltschutzorganisation Oceana erfahren musste. 2004 startete Oceana eine Kampagne, mit der das Kreuzfahrtunternehmen Royal Caribbean Cruises Ltd. daran gehindert werden sollte, weiter ungeklärtes Abwasser ins Meer einzuleiten. Teil der Kampagne waren Textanzeigen bei Google: "Help us protect the world's oceans. Join the fight!" Nach zwei Tagen strich Google die Anzeigen mit der Begründung, die Unternehmenspolitik verbiete Anzeigen mit Kritik an anderen Gruppen oder Unternehmen. Offenbar waren Anzeigen, die Unternehmen in öffentliche Probleme verwickelten, bei Google nicht willkommen.

Die Filter Bubble wird noch oft Themen unserer Gesellschaft ausblenden, die wichtig, aber schwierig oder unangenehm sind. Sie macht sie einfach unsichtbar. Und so verschwinden nicht nur die Probleme. Sondern immer mehr auch der politische Prozess.

Eli Pariser, Jahrgang 1980, ist Autor des Buchs "The Filter Bubble". Er hat lange Zeit die Politaktivisten-Plattform MoveOn.org geleitet, die im Web zu konkreten Vorhaben und Petitionen Spenden und Unterstützer sammelt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
wakaba 27.02.2012
Zitat von sysopDPAFacebook, Twitter, Google+: Die Filter-Mechanismen der sozialen Netzwerke blenden Themen unserer Gesellschaft aus, die wichtig, aber zu komplex für schnelle, eindeutige emotionale Reaktionen sind. Dieses Phänomen bedroht den politischen Prozess. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,814046,00.html
Facebook ist 6 Monate nachdem die Sperrfrist für Aktienverkäufe ausgelaufen sein wird - Geschichte. Nutzerzahlen und Nutzdauer und die Wertigkeit des Services die der Datenlieferant Facebook zumisst sind im Sinkflug - die Zahlen sicher geschönt. Mit der Nettigkeit der User ist auch der Wert der Daten oberflächlich. Ich seh keine Schnittstellen zu echten Geschäftsmodellen. Facebook ist apolitisch - der Artikel ist ein Versuchsballon um eine sinnlose Diskussion im Politmediakomplex zu entfachen. Ziel: Verschärfung des Gewaltmonopols Politbeamte/Medialobby. Beide nicht demokratisch gewählt und somit nicht Teil des demokratischen Prozesses. Trotzdem werden da mehrheitlich Entscheide durchgedrückt die nicht im Sinn der demokratischen Mehrheit sind. Diese Parallellgesellschaft muss entschieden in die Schranken gewiesen werden.
2. Aw:
Moxie 27.02.2012
Zitat von sysopDPAFacebook, Twitter, Google+: Die Filter-Mechanismen der sozialen Netzwerke blenden Themen unserer Gesellschaft aus, die wichtig, aber zu komplex für schnelle, eindeutige emotionale Reaktionen sind. Dieses Phänomen bedroht den politischen Prozess. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,814046,00.html
Euch vielleicht, mich nicht. Da müsste von vornherein schon sehr wenig zum Entmündigen da sein
3.
loncaros 27.02.2012
der politische Prozess ist doch längst unsichtbar. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit verschachert unsere Regierung die Gesetzgebung and Lobbyisten.
4. Haufenweise Datenmüll
larsmach 27.02.2012
"Gefällt mir" - eine sinnentleerte Bewertung, häufig von Belanglosigkeiten.
5. Realität?
Abbuzze 27.02.2012
Böse oder gute Welt? Hierbei handelt es sich einzig um die Problematik, dass es keine Objektivität gibt. Was man für objektiv hält, ist eine subjektiv eingefärbte Wahrnehmung der Realität, in der man Zugeständnisse zu Meinungsrichtungen macht, die man nicht vertritt. Wer eine Bildzeitung aufschläft und liest dürfte auch ziemlich überrascht sein, welche Realität dort vertreten wird. Gilt aber auch für Gelegenheitsleser von Spiegel, FAZ oder Kapital. Eine objektive Wahrnehmung in den Medien ist auch gar nicht erwünscht. Bspw. durch die Regierung bei Verabschiedung von Anti-Terrorgesetzten Sonst würde der dümme Bürger sicherlich mehr aufbegehren. Angst macht Menschen schließlich lenkbar. Terror als schönes Beispiel, ist ein absolutes Nischenproblem, was ist gefährlich für den Bürger? Er selbst, ca. 10.000 Selbstmorde pro Jahr gefolgt von ca. 4.000 Verkehrstoten. Bei wieviel Terrortoten in Deutschland? Welche Einschränkungen der Bürgerrechte werden aber durch Terror gerechtfertigt? Fakt ist, wir leben in einer subjektiven Welt die wir in unserem Kopf selbst gestalten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Internetnutzung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 61 Kommentare
Zur Person
  • Jenny Gillette
    Eli Pariser, Jahrgang 1980, ist Autor des Buchs "The Filter Bubble". Er hat lange Zeit die Politaktivisten-Plattform MoveOn.org geleitet, die im Web zu konkreten Vorhaben und Petitionen Spenden und Unterstützer sammelt.
Gefunden in ...


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.