Vorwurf der Pharma-PR: Wiki-Watch-Gründer gerät in Erklärungsnot

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Der Gründer von Wiki-Watch, Wolfgang Stock, wehrt sich: Er behauptet, nicht unter dem Namen "Investor" Wikipedia-Artikel zugunsten des Pharmariesen Sanofi-Aventis verändert zu haben. Doch die Erklärungen des Professors wirken immer unglaubwürdiger.

Facebook-Seite: Wikipedia-Beobachter Stock sagt, er habe einige Artikel überarbeitet Zur Großansicht

Facebook-Seite: Wikipedia-Beobachter Stock sagt, er habe einige Artikel überarbeitet

Hamburg - Wiki-Watch, die an der Uni Frankfurt (Oder) angesiedelte Online-Plattform, trat einst mit dem Anspruch an, Wikipedia zu verbessern. Doch Wiki-Watch-Gründer Wolfgang Stock hat zugegeben, zuvor unter dem Kürzel "Wsto" bestimmte Medizinartikel in Wikipedia verändert zu haben. Stock besitzt gleichzeitig eine Agentur für Krisen-PR, zu deren Kunden der Insulinhersteller Sanofi-Aventis gehört.

Stock sagt, er habe Artikel nicht im Auftrag von Sanofi-Aventis verändert, sondern angeblich aus persönlicher Betroffenheit. Am Sonntag erklärte er auf seiner Facebook-Seite: "Warum habe ich im April 2009 einen Artikel über ein Insulin angelegt und an andere editiert? Weil ich von Diabetes ganz persönlich betroffen bin. Meine Großmutter hat enorm darunter gelitten, Freunde auch. Damals war das Thema in der Presse. Da habe ich die WP-Lücken mit meinem bescheidenen Wissen geschlossen."

Das hört sich ein bisschen harmloser an, als es tatsächlich ist. Vermutlich zu Recht verweist Stock auf sein bescheidenes Wissen in medizinischen Fragen, aber er hat keineswegs nur "Lücken geschlossen", wie er behauptet, sondern systematisch die Wikipedia-Artikel über den Pharmakonzern Sanofi-Aventis und sein Analoginsulin Lantus beschönigt. Außerdem überzog Stock das unabhängige Medizin-Prüfinstitut IQWiG ebenso mit Kritik wie dessen damaligen Leiter Peter Sawicki.

Überarbeitete Wiki-Nutzer "Wsto" Artikel aus persönlicher Betroffenheit?

Der Nutzer " Wsto" bearbeitete im April und Mai 2009 insgesamt zehnmal den Wikipedia-Artikel zu Sanofi-Aventis, 23-mal den Artikel über das IQWiG, zweimal den Artikel über Peter Sawicki, siebenmal den Artikel über Lantus und einmal den Artikel über "Chris Viehbacher", den CEO von Sanofi-Aventis - alles aus persönlicher Betroffenheit?

Genau zu der Zeit, in der Stock seine zahlreichen Änderungen in Wikipedia vornimmt, drohen Lantus, dem umsatzstärksten Insulin von Sanofi-Aventis, neue Probleme: Am Samstagabend, dem 27. Juni 2009, senden die "Tagesthemen" die Meldung, dass Lantus im Verdacht stehe, das Krebswachstum zu fördern. Am Montag darauf berichtet der SPIEGEL ausführlich über diese neue Lantus-Studie von IQWiG-Autoren. Sanofi-Aventis schoss damals scharf zurück und reichte gegen den "Tagesthemen"-Beitrag eine Beschwerde beim NDR-Intendanten Lutz Marmor ein, Wolfgang Stock eine Beschwerde beim Presserat gegen den SPIEGEL. Beide Beschwerden wurden inzwischen zurückgewiesen.

Seltsam ist dabei allerdings, dass beide Beschwerden in weiten Teilen wortgleich formuliert sind. Sanofi-Aventis versichert, weder Stock noch dessen Firma beauftragt zu haben, den Presserat anzurufen. Auch Stock erklärt schriftlich: "Ich habe nicht im Auftrag von Sanofi-Aventis Beschwerde beim Deutschen Presserat eingelegt." Er, Stock, habe lediglich "beim Googeln im Internet die Programmbeschwerde von Sanofi-Aventis gefunden und die passenden Textteile übernommen."

Stocks Beschwerde trägt das Datum 2. Juli 2009. Gegenüber dem SPIEGEL hat Sanofi-Aventis eingeräumt, seit Juli 2009 mit Stocks Krisenberatungsfirma Convincet zusammenzuarbeiten.

Nutzersperre wegen "missbräuchlichem Sockenpuppen-Einsatz"

In der Wikipedia stammen die Sanofi-freundlichen und IQWiG-kritischen Änderungen nicht nur von "Wsto", sondern auch von einem Nutzer namens " Investor". Ein Wikipedia-Administrator unterstellt Stock, sowohl unter "Wsto" also auch unter "Investor" Artikel zu verändern. Dies wäre aber ein Verstoß gegen die Wikipedia-Etikette, weil die Nutzung weiterer Namen (sogenannter "Sockenpuppen") den Eindruck erweckt, als würden mehrere Nutzer Änderungen in die gleiche Richtung vornehmen. "Wsto" (der sich später in " Kan900" umbenannte) und "Investor" wurden deshalb beide am 20. Juni 2011 von Wikipedia gesperrt, wegen " missbräuchlichem Sockenpuppen-Einsatz".

Stock hatte bisher stets bestritten, auch unter dem Namen "Investor" Wikipedia-Artikel bearbeitet zu haben. Das Pikante an Stocks Facebook-Eintrag ist nun, dass er darin einräumt, "einen Artikel über ein Insulin" angelegt zu haben. Klickt man sich bei Wikipedia aber durch die Versionsgeschichte des Artikels zum Sanofi-Insulin Lantus, entdeckt man, dass der Artikel gar nicht von "Wsto", sondern von "Investor" angelegt wurde. Demnach wäre es doch Stock, der unter dem Namen "Investor" Wikipedia-Artikel editiert hat. Gegenüber SPIEGEL ONLINE ließ Stock die Frage unbeantwortet, wie sein Facebook-Eintrag zu seiner Behauptung passt, er sei nicht "Investor". Er antwortete per E-Mail lediglich: "Ihre weiteren Fragen, insbesondere Ihre Vermutungen zu dem Benutzer 'Investor', der ich definitiv nicht bin, möchte ich mit Blick auf Ihren Artikel vom Montag dieser Woche nicht beantworten."

Kurze Zeit nach seinem Bekenntnis in Facebook hat Stock seinen Eintrag leicht verändert. Nun heißt es dort: "Warum haben wir im April 2009 einen neuen Insulinartikel angelegt und an andere editiert?" Die Fragen, wer nun mit diesem "wir" gemeint sei und warum er seinen Facebook-Eintrag änderte, beantwortete der Krisenberater Stock auch nicht.

Viadrina-Universität sieht "eine Menge Unklarheiten"

Sollte Stock tatsächlich unter "Investor" geschrieben haben, weckt dies auch Zweifel an der eidesstattlichen Versicherung, die er gegenüber der Universität Frankfurt (Oder) abgegeben hatte. Stock hatte gegenüber der Universität versichert, seitdem er Leiter von Wiki-Watch an der Uni ist, also seit Oktober 2010, keine Wikipedia-Artikel mehr bearbeitet zu haben. "Investor" hat aber sehr wohl auch im Jahr 2011 in Wikipedia editiert, zum Beispiel die Artikel über die Firma Media Tenor (bei der Stock Geschäftsführer war).

An der Viadrina-Universität im ostdeutschen Frankfurt ist der Fall mit Stocks eidesstattlicher Versicherung keineswegs erledigt. Der Leiter des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Wolff Heintschel von Heinegg, an dem die Arbeitsstelle Wiki-Watch angesiedelt ist, erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Wir haben uns jetzt eine Frist bis Ende August gesetzt. Wenn Herr Professor Dr. Stock die Verdachtsmomente bis dahin nicht ausräumen kann, werden wir uns von Wiki-Watch trennen."

Nach wie vor gebe es, so von Heinegg, "eine Menge Unklarheiten", und "im Zweifelsfall werden wir uns dann für die Reputation unserer Uni entscheiden und gegen Wiki-Watch".

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1. Konsequenzen
hladik 15.07.2011
Wenn Stock in einer eV gegenueber der Uni gelogen hat, sollte es mMn nicht bei der Loeschung von "WikiWatch" bleiben - dann sind dienstrechtliche Konsequenzen angebracht. Professoren, die unter dem Deckmantel der Wissenschaft bezahlte Lobbypolitik betreiben, schaden dem Ansehen der Wissenschaft nicht weniger als Guttenberg & Complizen.
2. vorauseilender Gehorsam
Luscinia007 15.07.2011
Zitat von sysopDer Gründer von Wiki-Watch Wolfgang Stock wehrt sich: Er behauptet, nicht unter dem Namen "Investor" Wikipedia-Artikel zu Gunsten des Pharmariesen Sanofi-Aventis verändert zu haben. Doch die Erklärungen des Professors wirken immer unglaubwürdiger. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,774539,00.html
Der Fall Stock/Wiki-Watch ist wahrscheinlich nur die besonders dumme Spitze des Eisbergs. Gut gemachter Kampagnenjournalismus fällt nicht auf. Ob die Industrie den vorauseilenden Gehorsam des Sanofi-Aventis-Kommunikationsberaters Stock wohl weiter honoriert oder ihn wie eine heiße Kartoffel fallenlässt? Für die "Kleinen" lohnt sich das mit den Wölfen heulen nicht.
3. Egal wo man auch hinguckt
tz88ww 15.07.2011
die Pharma-Mafia ist schon da. Einen schönen Tag noch.
4. Es ist nicht alles Staat, was mit Professorentitel glänzt
Luscinia007 15.07.2011
Zitat von hladikWenn Stock in einer eV gegenueber der Uni gelogen hat, sollte es mMn nicht bei der Loeschung von "WikiWatch" bleiben - dann sind dienstrechtliche Konsequenzen angebracht. Professoren, die unter dem Deckmantel der Wissenschaft bezahlte Lobbypolitik betreiben, schaden dem Ansehen der Wissenschaft nicht weniger als Guttenberg & Complizen.
Stock ist nicht Professor an der staatlichen Uni Frankfurt (Oder), sondern an der Gustav-Siewerth-Akademie (GSA), einer „winzige[n] Privathochschule im Dunstkreis des katholischen Traditionalismus“ (Zitat bereits im Wiki-Artikel zur GSA zitert). Da ist nichts mit "Dienstrecht" und der staatliche Universitätsbetrieb ist ausnahmsweise nicht schuld. Mit staatliche organisierter Wissenschaft hat Stocks Professorentitel nichts zu tun. Da sollte man mal das Privat-Uni-Wesen regulieren. Aber es ist halt "liberal", Wissenschaft an Privatunternehmen auszusourcen ...
5. "handwerklicher Fehler"
jaguar16 15.07.2011
SPON schreibt: // Seltsam ist dabei allerdings, dass beide Beschwerden in weiten Teilen wortgleich formuliert sind. Sanofi-Aventis versichert, weder Stock noch dessen Firma beauftragt zu haben, den Presserat anzurufen. Auch Stock erklärt schriftlich: "Ich habe nicht im Auftrag von Sanofi-Aventis Beschwerden beim Deutschen Presserat eingelegt." Er, Stock, habe lediglich "beim Googeln im Internet die Programmbeschwerde von Sanofi-Aventis gefunden und die passenden Textteile übernommen." // Hat da mal ein Prof abgeschrieben? Im Ernst, das klingt alles reichlich unglaubwürdig, da sollte sich auch die Uni Frankfurt/Oder mal äussern.
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