Vote-Pfuscher: You need to click "Abstimmen"

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Votes sind eine feine Sache, die Butter auf dem Nachrichtenbrot. Sie geben dem Online-Medienmacher ein Feedback, wie der Leser eine Sache sieht. Fast 60 Prozent der Leser von SPIEGEL ONLINE halten George W. Bush beispielsweise für einen Top-Präsidenten. Wir wissen auch, warum.

Aus der Anleitung zur Fälschung des SPIEGEL-ONLINE-Votes: "You need to cklick 'Abstimmen!'"

Aus der Anleitung zur Fälschung des SPIEGEL-ONLINE-Votes: "You need to cklick 'Abstimmen!'"

Die Witwe Vivian Freep aus Midland (Texas) ist "George Bush's biggest supporter".

Schön für Bush, denkt sich da der Europäer, doch in einem Amerikaner konservativen Credos steigt gleich der Zorn auf. Eine Frechheit ist das, die nicht mehr und nicht weniger sagen will als Folgendes: Bushs Erfolg gründet sich auf die Hilfe von Menschen, die manipulieren, stören, fälschen.

Denn "Freeping" ist ein Slang-Ausdruck. Er meint das nächtliche Überkleben von Wahlplakaten, die Organisation lärmender Gegendemos, das gezielte Stören von Auftritten politischer Gegner und - nicht zuletzt - die massenhafte Verfälschung von Abstimmungen im Internet.

Der seltsame Begriff entstand Ende der Neunziger und geht zurück auf die Webseite "Free Republic" des ultrakonservativen Aktivisten Jim Robinson. "Freep", wie die Webseite von Fans schnell genannt wurde, versteht sich als "ein konservatives Nachrichten-Forum". Kernstück des Angebotes ist das Diskussionsforum, in dem es teils heftig zur Sache geht.

Die konservative Klick-Guerilla

Free Republic begann als Clinton-Hasser-Seite, entwickelte sich aber schnell weiter. Erste Lorbeeren erntete das "Freep-Movement", als die Seite begann, in diversen Wahlen zur "Unterstützung" konservativer Kandidaten aufzurufen.

Und zwar ganz konkret: Es ging darum, Kundgebungen der Demokraten zu stören, Plakate abzureißen oder zu verfälschen, Gegner aktiv zu unterstützen. Schon als sich Bill Clinton mit einem Amtsausschlussverfahren konfrontiert sah, organisierten Freep-Gruppen in verschiedenen US-Städten "Info-Veranstaltungen" und schalteten Zeitungsanzeigen. Der Begriff "Freeping" entstand und meinte: Übertöne den Gegner.

Vote-Manipulation bei SPIEGEL ONLINE

Daran hat sich nichts geändert. In der letzten Woche wurde SPIEGEL ONLINE die Aufmerksamkeit der "Freeper" zuteil, genauer: Eine Abstimmung, ein Vote im Themenpaket zum anlaufenden US-Präsidentschaftswahlkampf (siehe unten).

"Seit drei Jahren", fragten wir unsere Leser, "ist George W. Bush der mächtigste Mann der Vereinigten Staaten - und der Welt. Wie beurteilen Sie seine bisherige Amtszeit (in Schulnoten)?"

Das Resultat der populären Abstimmung mit bisher über 38.000 abgegebenen Stimmen könnte zweierlei beweisen:

  • Deutsche sind gar nicht so "Bush-skeptisch", wie oftmals behauptet;
  • die Macht der "Freeper".

Denn die rufen seit dem 5. März dazu auf, das Vote bei "Germany's left-left-wing SPIEGEL ONLINE" zu "freepen". Das eigentlich besondere daran ist, dass das Forumsmitglied, welches den Vorschlag machte, durchaus kein amerikanischer Konservativer ist: David Kaspar betreibt das Web-Log "Davids Medienkritik", ein Forum für "politisch unkorrekte Betrachtungen zur Berichterstattung in deutschen Medien".

Bei Kaspar bedeutet das: mit vehementer Bush-Freundlichkeit gegen die angebliche Voreingenommenheit der deutschen Medien. Vom Medienkenner Kaspar stammt auch die Einschätzung des SPIEGEL als "left-left", als ultralinks - alles eine Frage der Perspektive.

Wörtlich heißt es in seinem bei Free Republik wiedergegeben Aufruf: "Bush Needs Your Help!" Und weiter: "Bis zum 5. März, 13 Uhr Berliner Zeit sind Bushs Resultate ziemlich mies. Nur 3,3 Prozent stimmten für '1' und 1,47 Prozent für '2'".

Zum Glück findet der Aufruf bei Free Republic sofort freundliche Aufnahme: Binnen weniger Stunden gelingt es den "Freepern", die Abstimmung zu kippen. David Kaspar am 5. März, 22 Uhr "Berliner Zeit": "Bush's Resultate sind exzellent. 41,23 Prozent für eine "1" (= Bush hat seine Aufgabe als Präsident prächtig gemeistert). Vielen Dank! Ihr Leute macht das phantastisch! Die Bush-Hasser bei SPIEGEL ONLINE kriegen einen Herzinfarkt morgen früh ... Macht so weiter!"

Vote-Manipulationen: Die Masse macht's

Zwei Tage später, meldet Kaspar, ist das Ergebnis "amtlich": "SPIEGEL ONLINE With Large Pro-Bush User Base". Euphorisch gibt Kaspar in seiner Meldung über "59 Prozent Einsen" ein imaginäres Interview mit einem imaginären SPIEGEL-ONLINE-Redakteur wieder: Demnach habe das Vote den SPIEGEL erkennen lassen, dass seine ganze "Ausrichtung" falsch war. Jetzt suche die Redaktion Rat bei ihren Medienberatern, wie der "zukünftige Kurs" aussehen solle.

Wörtlich heißt es in dem phantasievollen Interview: "'In Bezug auf die Idiologie ist jetzt alles offen', sagte die Quelle, 'Es könnte sogar sein, dass wir nun Bushs Wiederwahl unterstützen. Kerry ist so oder so eine Knackwurst.'"

Damit der schöne Druck nicht nachlässt, wiederholt er seine Aufrufe zur Vote-Manipulation nun im Tagestakt: "Sie könnten Licht in unser miserables Leben bringen, indem Sie an dieser kleinen Umfrage teilnehmen. Als Nebeneffekt verletzen sie die Gefühle einiger deutscher Bush-Hasser."

Innerhalb weniger Tage verbreitet sich der Aufruf zur Vote-Manipulation wie ein Lauffeuer. Getragen wird er von einer starken, bisher wenig wahrgenommenen konservativen Blogger-Szene. So appelliert "Little Green Footballs" an sein Publikum: "Helft, die deutsche Linke in den Wahnsinn zu treiben."

"Freep this Poll!"

Die Masse aber kommt über Free Republic. Die Website bekennt sich längst offen dazu, mit Begeisterung zu "freepen". Eine Anfrage mit Stichwort "Freep" über die Suchmaske der Seite offenbart, wie viel ehrenamtliche Begeisterung Free Republic freizusetzen vermag: Am Morgen des 8. März gibt Free Republic die Terminliste von John Kerry bekannt und ruft Freeper dazu auf, mit einer digitalen Kamera vor Ort zu erscheinen, um "realistischere" Bilder vom Auftritt zu machen.

Auch zu Aktionen gegen andere "Democrats" wird aufgerufen, vor allem aber immer wieder zur Manipulation von Online-Abstimmungen: "Freep this Poll!".

Die Ziele der Aufrufe: Abstimmungen zur Schwulenehe (56 Prozent dagegen). Auch Abstimmungen zur Frage, ob die "9/11"-Wahlwerbungen von George Bush geschmacklos seien oder nicht, bringen klare Ergebnisse: mal sind es 78 Prozent, die das ganz und gar nicht finden können, mal 85 Prozent - selbst bei CNN sind es noch 72.

Normalerweise schützt Masse vor Vote-Manipulationen. Die großen Webseiten schützen ihre Abstimmungen mit Cookies, die ein mehrmaliges Wählen zumindest mühselig machen sollen: Zwischen zwei Abstimmungen müssen jedes Mal die Cookies gelöscht werden. Ansonsten steht für die Zuverlässigkeit eines Votes nur die Zahl der Leser, die sich daran beteiligen. Ein unvollkommener Schutz, doch bei Votes, an denen mehrere Tausend Menschen teilnehmen, wird die Manipulation zumindest zur Qual.

Freeper: Auf dem Weg zum Mainstream?

Die Freeper jedoch zeigen, dass sie der Masse "normaler" Webseitenbesucher jederzeit eine eigene Masse entgegensetzen können: Von SPIEGEL ONLINE über CNN und "Times", diverse Fernsehstationen bis hin zu MSN Australien und natürlich unzählige kleinere Zeitungen bekommt im Web niemand mehr ein ehrliches Vote hin, wenn die Freeper unterwegs sind.

"Free Republic": Stören, manipulieren, demonstrieren für die rechte Sache

"Free Republic": Stören, manipulieren, demonstrieren für die rechte Sache

Die manipulieren selbst trivialste Abstimmungen: In der letzten Woche war es ihnen wichtig, den Einfluss ihres Landes dadurch zu dokumentieren, dass sie die Abstimmung einer südafrikanischen Website darüber, ob Ex-Präsident Jean-Bertrand Aristide Haiti freiwillig verlassen habe, dahingehend manipulierten, dass 68 Prozent mit einemmal der Meinung waren, die USA hätten ihn hinausgedrängt.

In einer Abstimmung über den Treibhauseffekt meinten 86,5 Prozent, der existiere entweder gar nicht oder sei völlig natürlich. Am 2. März rief Free Republic dazu auf, eine Abstimmung an Grundschulen im Staate New York zu "freepen", weil bis zu diesem Zeitpunkt die Mehrheit der Grundschüler "demokratische" Wahltendenzen zeigte.

Nur an die großen amerikanischen Zeitungen traut sich Free Republic nicht mehr heran: Bereits 1998 hatten die "Los Angeles Times" und die "Washington Post" Free Republic wegen Copyright-Verletzungen vor Gericht gebracht. Erst im Juni 2002 gelang es "Freep"-Betreiber Jim Robinson, eine außergerichtliche Einigung zu erreichen, die auf eine Verzichtserklärung hinauslief: Künftig dürfe auf seiner Webseite weder aus den Klägerzeitungen noch aus mit ihnen verbundenen Medien zitiert werden.

Dem "Freep-Movement", das nach dem Scheitern des Amtsenthebungsverfahrens gegen Clinton eine längere Popularitätspause einlegte, hat das nicht geschadet: Spätestens seit dem katastrophalen 11. September und der dadurch eingeleiteten Radikalisierung im politischen Diskurs der USA ist "Freep" stärker als je zuvor. Die Bewegung sucht nach Wegen in den Mainstream: Seit dem Golfkrieg engagieren sich "Freeps" auch als ganz normale Demonstranten für die gute Sache - für Bush und für den Krieg. Mit John Armor, meldete Free Republic am 2. September 2003, versuche nun erstmals "one of our very own" in den US-Kongress gewählt zu werden. Armor würde sein Forums-Nomen zum Omen machen: Bisher trat er da nur als "Congressman BillyBob" auf.

P.S.: Die manipulierte Abstimmung vom 5.3.2004

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