"Waffenstillstand" im Cyberwar "Wir sind quitt"

Tausend zerschossene Webseiten sind genug, meint die chinesische Hackergruppe "Honker Union" - und stellt ihre Attacken ein, die sie vor gut fünf Wochen als Protest gegen den Tod des Piloten Wang Wei begann. "Was jetzt noch passiert", heißt es in einem Statement, "hat nichts mehr mit uns zu tun".


Toter Pilot Wang Wei: Mit seinem Absturz und der Notlandung eines US-Spionageflugzeugs begann auch der "Hackerkrieg"
REUTERS

Toter Pilot Wang Wei: Mit seinem Absturz und der Notlandung eines US-Spionageflugzeugs begann auch der "Hackerkrieg"

Systemadministratoren, Sicherheitsfachleute und Politiker in den USA und China stehen vor einer nicht unwichtigen Frage: Ist der seit dem 1. April herrschende "Cyberwar" zwischen amerikanischen und chinesischen Hackergruppen wirklich vorbei?

Und wichtiger noch: Gab es ihn wirklich?

Ja, sagen die Hacker. "Honker Union", die aktivste chinesische Gruppe in dem seltsamen Konflikt, gibt an, rund "tausend Webseiten" verändert zu haben. Auf amerikanischer Seite ist die Rede von "gut einem halben Dutzend" großer Webseiten, die von ihren Betreibern unvermittelt mit politischen Protestnoten und Provokationen "verziert" vorgefunden wurden.

Zahlen, die sich beißen. Sicher ist jedenfalls: Da war was, da ist etwas passiert. Und egal, ob man es "Cyberwar" nennt oder nicht; egal, ob es wirklich nur verfeindete Hackergruppen oder doch staatlich sanktionierte Hacker waren - die Angriffe auf beiden Seiten führten drastisch die Verletzlichkeit der Netz-Infrastrukturen vor Augen.

Es darf als sicher gelten, dass es weit mehr als nur "ein halbes Dutzend" Webseiten waren, die von den Chinesen zeitweilig "gekillt" wurden, und genau so sicher, dass es nicht tausend waren. Sicher scheint auch, dass es auf chinesischer Seite "mehrere Hundert" Websites erwischte.

Und dass der Konflikt von amerikanischen Hackern begonnen wurde. Honker Union unterstreicht, dass es sich bei den Aktionen der Gruppe um "Vergeltungsschläge" gehandelt habe. Jetzt, nach dem 1000. Erfolg, sei das Maß voll - man sei quitt.

"Was jetzt noch passiert, hat nichts mehr mit der Honker Union zu tun", heißt es in einem Statement.

Eine Art virtueller einseitiger Waffenstillstand also. Von Seiten amerikanischer Hacker steht eine Reaktion noch aus.

Die Honker Union sieht sich selbst der Hacker-Ehtik verpflichtet: Nach eigenen Angaben verübe sie grundsätzlich keine "boshaften Attacken". In der Regel gehe es der Gruppe vielmehr darum, die Schwachpunkte der digitalen Welt aufzuzeigen.

Konsequenterweise können die Chinesen auch in den zurückliegenden Ereignissen noch etwas positives entdecken: "Auf Grund dieser Ereignisse wird China große Verbesserungen in der Sicherheit seiner Netzinfrastrukturen erleben. Zumindest wird es nun mehr Menschen geben, die das Thema IT-Sicherheit ernst nehmen."

Ernst nahm den Hackerkonflikt in den letzten Wochen vor allem die amerikanische Regierung: Zeitweilig trug der nie deklarierte "Cyberwar" dazu bei, die sowieso schon gestörten Beziehungen zwischen China und den USA weiter zu belasten. Amerikanische Politiker ließen Mutmaßungen vom Stapel, hinter den Attacken stünden staatlich sanktionierte Hacker.

Die Geheimdienste und das FBI ließen in den letzten Wochen wiederholt Warnungen vor chinesischen Hackern hören - und ergriffen die Gelegenheit, das aufgeheizte Klima für eigene Vorstöße in Richtung Etats und erweiterte Vollmachten zu nutzen. Kritiker merkten darum mehr als einmal an, dass der so genannte Cyberwar durchaus auch aus propagandistischen Gründen herbeigeredet sein könne.

Recht hat damit am Ende sicherlich die Honker Union, egal, ob es den "Cyberwar" je gab oder nicht: Die Öffentlichkeit ist sensibilisiert, weltweit wird an Meldesystemen für Hackerangriffe und an der Verbesserung der Netzsicherheit gearbeitet.

Sorgen macht das wohl keinem echten Hacker: Wie immer haben die die Nase vorn - und "der Apparat" reagiert auf die Schwächen, die ihm von Seiten der hackenden Gemeinde aufgezeigt wurden.

Frank Patalong



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