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Wahlblogs: Alles viel zu wichtig

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Heute schon ein politisches Blog gelesen? Falls nicht, gehören Sie zur absoluten Mehrheit der deutschen Internet-Nutzer. In der Wahrnehmung der Medien jedoch stehen die Blogs ganz oben. Das haben sie aus etlichen Gründen (noch) nicht verdient.

Lautgeben: Eines der bekanntesten Wahlblogs

Lautgeben: Eines der bekanntesten Wahlblogs

Obwohl seit Jahren kaum ein Internet-Thema so viel Niederschlag in den Medien gefunden hat, von Politikern, Journalisten und natürlich den Bloggern selbst so stark thematisiert wurde wie die "Blogosphäre", in der jedermann frei publizieren kann, ist sowohl das Schreiben als auch das Lesen von Weblogs in Deutschland nach wie vor eine Minderheiten-Beschäftigung.

Man kann sich fragen, warum das so ist.

Der Gedanke ist doch außerordentlich reizvoll: Die neue, kostenlose Blogging-Software im Verbund mit einer ganzen Reihe kostenloser Angebote, wo man ein Blog hinterlegen kann, machen es für jedermann möglich, weltweit lesbar zu publizieren. Damit nicht genug. Jeder Beitrag kann durch die Kommentierungsfunktionen der Blog-Software zum Auslöser einer lebendigen Diskussion werden. Das klingt für manche nach Stammtisch, für andere nach der Wiederkehr des Forums: Dort sollen die Erfinder der Demokratie einst in freier Diskussion die Richtung der Politik mitbestimmt haben.

Zum Forum im antiken Athen gibt es übrigens noch eine augenfällige Parallele: Dort traf sich mitnichten das Volk, um seine Geschicke zu bereden, sondern die vermögende männliche Elite. Die sieht heute so aus: "So sind 50 Prozent der befragten 34 Jahre und jünger, knapp 80 Prozent sind männlich und verfügen über Hochschulreife bzw. ein abgeschlossenes Studium."

Der Satz beschreibt die Nutzerschaft politischer Blogs im Vorfeld zur Bundestagswahl 2005, wie sie der Politologe Roland Abold in seiner Studie "Wahlkampf in der Blogosphäre" erfasst hat.

Großer Zirkus, wenig Publikum?

Diese Web-Nutzer seien überdurchschnittlich Internet-affin, politikinteressiert und ganz und gar nicht zahlreich: "Auch im Jahre 2005 werden die Möglichkeiten der internetbasierten Kommunikation und Artikulation nur von einer kleinen Gruppe der Bürger intensiv genutzt." Selbst innerhalb der Gruppe der "politisch stark Interessierten", die Abold über eine Online-Befragung unter Blog-Nutzern erfasste, machten nur "etwa ein Viertel der Befragten regelmäßig von den Möglichkeiten des Internet als Diskussionsmedium Gebrauch". Trotzdem kommt er zu dem Fazit, dass sich politische Weblogs "als wichtige Form des internetbasierten Meinungs- und Informationsaustausches etabliert" hätten.

Jan-Hinrik Schmidt: Bloggender Forscher

Jan-Hinrik Schmidt: Bloggender Forscher

Das sieht auch der Kommunikationswissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt so, der sich seit rund eineinhalb Jahren sowohl akademisch als auch bloggend mit dem Thema befasst.

Seiner Meinung nach beruht die Bewertung von Blogs anhand ihrer Leserzahlen auf einem Missverständnis: Schließlich würden Blogs nicht nur von Multiplikatoren geführt, die Meinung und Nachricht verbreiten, sondern erreichten eben auch wieder vornehmlich Multiplikatoren. Im Klartext: Ihre relative Wichtigkeit im öffentlichen Diskurs liege gerade auch darin begründet, dass Blogs eben nicht "Massenmedium" seien, sondern Forum von Meinungsaustausch innerhalb besonders interessierter oder qualifizierter Gruppen. Weil das so sei, fänden bestimmte Blogs eben auch eine überproportionale Wahrnehmung in Kreisen der Politik und der Medien.

Wie groß die Blogging-Öffentlichkeit tatsächlich ist, machen die Blogs selbst erst seit relativ kurzer Zeit öffentlich. Der "Schwanzvergleich" bei Blogcounter.de beispielsweise veröffentlicht in Form einer Top 100-Liste die Logstatistiken führender Blogs (allerdings nur die von Blogs, die einen entsprechenden Counter dieses Anbieters einsetzen). Das Bildblog etwa, wahrscheinlich Deutschlands bekanntestes Medienblog, kam am Dienstag, 13. September, auf fast 32.000 Visits und fast 55.000 Seitenaufrufe und ist damit Spitzenreiter.

Die Top 10 der Blogs: Weitgehend politikfreie Zone

Die Top 10 der Blogs: Weitgehend politikfreie Zone

Das ist relativ viel: Vergleicht man die Zahl mit der IVW-Liste, die die monatlichen Logstatistiken zahlreicher deutscher Medientitel erfasst, wird die Dimension klar.

Von wegen "klein"

Erfolgreiche Blogs wie Bildblog kicken demnach längst in einer Liga mit großen regionalen Zeitungstiteln, bekannten Zeitschriften und populären Beratungsseiten. Hochgerechnet auf einen Monat kann sich Bildblog mit Titeln wie "Cinema", der Frauenzeitschrift "Amica", dem "General Anzeiger Bonn", dem "PC Magazin", der "Schwäbischen Zeitung" oder dem Handy-Portal Xonio messen. Das mag nicht die allererste Garde der erfolgreichen Online-Publishing-Titel sein, doch es ist bereits die zweite Reihe: Die bei weitem meisten Lokal- und Regionalzeitungen können von den Besucherzahlen, die Bildblog erntet, nur träumen.

Die Polit-Blogs allerdings auch. In den Top 100 findet sich das erste ausgewiesene politische Blog auf Platz 32, das in den Medien hoch prominente Lautgeben.de brachte es am 13. September mit knapp über 700 Visits gerade mal auf Platz 41.

Auf der anderen Seite haben sich im Online-Publishing Titel etabliert, die sie auch in den Augen der Politik zu echten Massenmedien machen. "Bild" mit seinen 31 Millionen Visits im August gehört dazu, "Focus" (13 Millionen), Heise Online (fast 21 Millionen) oder RTL (25 Millionen). Bei ihnen laufen Artikel, die im Extremfall in 15 Minuten so viele Aufrufe erleben können, wie das Bildblog insgesamt am Tag (SPIEGEL ONLINE erzielte im August 53 Millionen Visits).

In der Quotenwelt der Politik lässt das die Blogs nahezu verschwinden.

Zwar nutzen die Parteien das Format der Blogs für eigene Veröffentlichungen, aber nur selten kann das überzeugen. Zwar, konstatierte das "Handelsblatt" vor einigen Tagen, sei die Zahl der bloggenden Politiker groß (über 100), "die Masse der langweilenden Volksvertreter" allerdings auch. Da gibt es Politiker, die Blogs anlegen und dort gerade einmal einen Link zur bestehenden Webseite hinterlegen. Viele andere lassen das Blog gleich ganz leer.

Schön viel Platz für Notizen: Politiker-Blogs bei Wahl.de ohne jeden Inhalt

Schön viel Platz für Notizen: Politiker-Blogs bei Wahl.de ohne jeden Inhalt

Und selbst bei denen, die es zumindest pro forma versuchen, ist oft nicht viel Verständnis fürs Format zu finden: Auf ihren Seiten landen gerne allgemeinverbindliche, salbungsvolle Mitteilungen aus der PR-Abteilung - genau das, was Blog-Leser nicht sehen wollen. Die Attraktivität der von den Parteien veröffentlichten Seiten ist dementsprechend gering.

Jan-Hinrik Schmidt hat dafür eine einfache Erklärung. "So was schreckt die Blog-Leser eher ab. Die haben dann schnell das Gefühl: Hey, hier soll ich nur manipuliert werden." Denn was ein Blog ausmacht, sei in erster Linie die Authentizität der Beiträge: subjektive Stimmen und Urteile, wie man sie in etablierten Medien weder von Politikern noch von Journalisten oft zu sehen bekomme.

Im Blog ist die subjektive Sicht also eine Tugend.

Warum auch nicht? Immerhin ist das ehrlich. Die so lange gepflegten hehren journalistischen Tugenden einer durch Stilformen und Handwerksregeln definierten Objektivität - Kommunikationswissenschaftler reden hier von einer "hergestellten" Objektivität - waren nie frei von Selbstbetrug.

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Forum - Weblogs - Zu hohe Erwartungen?
insgesamt 52 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Rus, 14.09.2005
kein interesse. keine tipps. ausser - buch kaufen. ;-) ne, also ich hab da bisher nichts mit anfangen können. gleichgesinnte können sich auch in foren treffen, obwohl, wenn jemand aufgrund seines gewichtes ( zum abnehmen ) quer durch die staaten läuft und das als weblog reinsetzt, ist das ein erlebnisbericht und von daher schon interessanter mal drüber zu schauen.
2.
Daniel Kulla, 14.09.2005
Der Vorteil von Blogs gegenüber Foren besteht hauptsächlich in der Abwesenheit von Gruppendisziplin. Blogs erzeugen und verstärken individuelle Standpunkte, die sich ohne Tagesordnung oder erzwungenen Konsens austauschen können. "Foren sind eh ganz schön deutsch", sagte Bob, "deshalb lese ich da meistens nur mit. Die Ältesten bestimmen den Konsens, alle anderen laufen im Minenfeld herum und schießen um sich. Wenn man irgendwas fragt, wird man sofort in irgendeine Fraktion einsortiert. Das stimmt völlig, daß sich da ganz üble Welten aufgebaut haben, weil es überhaupt keinen Abgleich mehr mit der Wirklichkeit gibt. Dann schon lieber Bloggen. Da ist jeder nur eine Durchgangsstation und kann aber sein Ding machen. Das ist in Deutschland auch auffällig wenig verbreitet." Tascha nickte: "Oh ja, da habe ich gerade erst in der c't gelesen, ausgerechnet der IT-Redakteur vom Focus - naja - meinte, daß in Frankreich jeder zweite Oberschüler ein Blog hat, und hier gibt es ganz wenige. Und er meinte, daß liegt an der mangelnden rhetorischen Kultur, an Technikfeindlichkeit und daran, daß es keine starken Zugpferde gibt, auf die sich alle beziehen." http://myblog.de/classless/art/1383126 _________ Weiterführende Literatur: "Die Blogosphäre", Frank Unger http://neuronal.twoday.net/files/magisterarbeit
3.
DJ Doena 14.09.2005
Blogs werden meiner Meinung nach in Ihrer Bedeutung zu hoch angesiedelt. Sie sind nur eine neue Inkarnation des Internets. Seit es dieses gibt, lässt es die Menschen interaktiv partizipieren. War es am Anfang noch das Usenet (http://de.wikipedia.org/wiki/Usenet), waren es später zu Zeiten des WWW die Gästebücher, die Kommentarfunktionen und die Webforen. Und jetzt eben die Blogs. Nur weil es 60 Millionen Blogs gibt, sind sie noch nicht besonderes. Ich möchte nicht wissen, wieviele Webforen es gibt, in denen von Star Trek bis "Weblogs - Zu hohe Erwartungen" alles ausdiskutiert wird,.
4. Auf die Katzenbilder achten
Marcel Bartels, 14.09.2005
---Zitat von sysop--- Nicht alle Weblogs sind freilich lesenswert, nicht jeder Blogger ist ein Talent. Was halten Sie von der Weblog-Flut? Lesen Sie Internet-Tagebücher? ---Zitatende--- Da möchte ich denn auch was zu sagen, lesenswert sind freilich nur Weblogs mit Katzenbildern. ;-) Besten Gruß Marcel vom Parteibuch http://www.mein-parteibuch.de/
5.
sand222, 14.09.2005
---Zitat von DJ Doena--- Und jetzt eben die Blogs. Nur weil es 60 Millionen Blogs gibt, sind sie noch nicht besonderes. Ich möchte nicht wissen, wieviele Webforen es gibt, in denen von Star Trek bis "Weblogs - Zu hohe Erwartungen" alles ausdiskutiert wird,. ---Zitatende--- Stimme ich voll zu!
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