Wahlerfolg der Rechten Ruck im Weltnetz

Die Wahlerfolge von DVU und NPD in Brandenburg und Sachsen haben eine lange Vorgeschichte im Web. Rechte Demagogen, bei denen E-Mail "Elektropost" heißt, fischen im Internet gezielt und geschickt nach frustrierten, perspektivlosen Jugendlichen - und haben es geschafft, ihre krude Ideologie zu einem Bestandteil der Jugendkultur zu machen.

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Die "Schuloffensive" der Jungen Nationaldemokraten: Kuscheln, deutschtümeln, für die rechte Sache kämpfen

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Seit Sonntag ist es wieder ein bisschen Igitt, dieses Bundesland, in dem laut Sprichwort die schönsten Mädchen wachsen; wo das Elbsandsteingebirge lockt und beeindruckt; wo mit Orten wie Leipzig und Dresden wahre Städteperlen ihrer Entdeckung harren; wo Chipfabriken entstehen wie sonst nur im Silicon Glen; wo sich doch zwischen Hightech und Tourismus ganz zart eine Erfolgsgeschichte als "Bayern des Ostens" anzubahnen schien. Dann kam die Wahl, kam die NPD, dann zog pixelconstruct den Stecker.

Wer bitte?

Die Webdesign-Firma aus dem hessischen Borken, knapp zwölf Kilometer südlich von Kassel, hat sich auf die Produktion von Reiseportalen spezialisiert. Am Montagmittag veränderte sie ihr Produkt-Portfolio: "Auf Grund dieses erschreckenden Wahlergebnisses", heißt es in einer Pressemitteilung des kleinen Unternehmens, "sehen wir uns nicht weiter imstande, unser REISEPORTAL-SACHSEN.DE als empfehlenswertes Reiseland für ausländische Touristen zu präsentieren, und nehmen diese Seite daher vom Netz."

Das hat gesessen. Wer nun die angesprochene Adresse ansurft, landet unvermittelt beim Reiseportal Hessen. Das war möglicherweise schon vorher so, denn sonderlich aktiv scheint das Reiseportal Sachsen auch vor seiner Abschaltung nicht gewesen zu sein: Bisher kannte selbst Google die Adresse nicht.

Aber darum geht es ja auch gar nicht: Die Tage nach der Wahl sind offensichtlich eine Zeit der harten nach Aufmerksamkeit heischenden Statements. Da ist Beachtung sicher, wenn man laut und deutlich genug seinen Standpunkt im politischen Koordinatensystem kund tut.

Paradox: Ewiggestrig ist jung

Während sich die großen Parteien innerhalb wie auch einander den Schwarzen Peter zuschieben, freut sich die braune Wählerschaft über ihren Sieg.

Die ist jung, sehr jung sogar: Auch wenn das den anderen Parteien wohl kaum schmecken wird, lässt sich über die ewiggestrige NPD leider auch sagen, dass sie im Augenblick die einzige politische Partei in Deutschland ist, die sich ganz direkt und vornehmlich an Jugendliche wendet. In der Weltsicht dieser Wählerschicht verwaltet "das Establishment" die Arbeitslosigkeit und diskutiert die Frage, wie Deutschlands Rentner weiter satt zu versorgen sind, während die Rechten einen Ruck durchs Land gehen lassen - einen auch von Jungwählern getragenen Rechtsruck.

"Nationales Forum": Parteiübergreifende Diskussionsplattform für Insider (nur mit Anmeldung)

"Nationales Forum": Parteiübergreifende Diskussionsplattform für Insider (nur mit Anmeldung)

Gerade im Osten der Republik ist es ein Teil der Jugendkultur, sich den Rändern des politischen Spektrums extrem zu nähern. Wollte man das Problem klein reden, statt es hysterisch hoch zu schreiben, verwiese man nur darauf, dass der rechte Erfolg eben von frustrierten Protestlern und Jungwählern, die den Generationenkonflikt suchen, getragen worden sei.

Das allerdings wäre eine Verharmlosung

Hätten die Teens in Sachsen mitwählen dürfen, wäre das Ergebnis für NPD und DVU zwar noch höher ausgefallen. Doch das macht aus den braunen Parteien noch keine "Jugendbewegungen" ohne Nachwirkungen nach der Volljährigkeit: Sie formen Weltbilder, sie nehmen Einfluss - und sie tun dies durchaus subversiv.

Das wird spätestens dann klar, wenn man im Web, das die Rechten pathetisch "Weltnetz" nennen, so wie die E-Mail bei ihnen "Elektropost" heißt, nach Reaktionen sucht. Während es in den redaktionellen Angeboten wie in den Foren der anderen Parteien kocht nach dem Wahlsonntag, halten DVU und NPD die Bälle flach.

Funkstille im offiziellen Teil des "Weltnetz"

Diskussionsforen sucht man bei ihnen vergeblich: Was dort im "Weltnetz" veröffentlicht wird, läuft über die Schreibtische der Partei-Redaktionen. Gerade zwei Jahre ist es her, dass die NPD knapp an einem Verbot vorbeischrammte. Da gilt es, Risiken zu begrenzen.

"Der Einzug der NPD in den sächsischen Landtag", heißt es dort wohl auch darum zurückhaltend und gesittet, "hat eine ungeahnte Welle von Solidarität ausgelöst. Aus allen Teilen Deutschlands trafen Glückwünsche in der Berliner Parteizentrale ein."

Auch beim "Nationalen Forum", auf das die NPD statt einer eigenen Diskussionsplattform verweist, kommt nicht viel mehr: Das "Gästeportal" enthält einen kurzen Glückwunsch zu den Wahlergebnissen und ansonsten eine empörte Zuschrift zur "brD-Journallie" und deren "Manipulation", die sich nach Meinung des Schreibers in der Meinungsmache der "Bild" und im Umgang des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit dem NPD-Spitzenkandidaten Holger Apfel manifestierte.

Frühe Eigentore

Tatsächlich lieferte gerade der abrupte Abbruch des Nicht-Gespräches mit Apfel im ZDF den Rechten eine Steilvorlage: Die "Systemmedien", zu denen "alle Journalisten" gehörten, führten demnach derzeit nur einmal mehr ihren "Wir-müssen-etwas-gegen-Rechts-tun-Reflex" vor.

So ist das in zahlreichen Politikforen im Usenet und World Wide Web zu lesen, die alle eines gemein haben: Sie sind gekaperte Diskussionsräume. Dort aber geht es zur Sache.



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