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Wahlkampf im Internet: Blogger nehmen Parteien auf die Schippe

Von Kerstin Jansen

Je näher der 18. September rückt, desto mehr Websites zur Bundestagswahl gehen online. Das Internet-Magazin Politik-Digital listet mehr als 70 solcher Seiten auf. Wer sich durchklickt, findet vom Angie-Rap bis zur privaten Abrechnung mit dem Kanzler fast alles.

"Mein Parteibuch": Das Blog von SPD-Mitglied Marcel Bartels

"Mein Parteibuch": Das Blog von SPD-Mitglied Marcel Bartels

Marcel Bartels ist ein politischer Mensch. Seit Mai ist er Mitglied der SPD in Neukölln und beschreibt in einem Online-Tagebuch, "wie ich mich durch den Eintritt in eine Partei verändere". Auf der Seite "Mein Parteibuch" erzählt Bartels zum Beispiel vom seinen Treffen mit "unserem Bürgermeister Klaus" (Wowereit) auf dem Landesparteitag in Berlin oder von einer nächtlichen Plakat-Klebe-Aktion: "Das gibt nicht mal Schwielen an den Händen." Allerdings werden die täglichen Einträge immer merkwürdiger. Am 17. Juli veröffentlichte Bartels einen abstrusen Chat mit "silvi85", in dem er seine diffuse Befürchtung äußerte, von Politikern umgebracht zu werden. Die Websozis distanzierten sich schleunigst.

Eines der aktuellsten Blogs: die Seite "Kamikaze-Demokratie" des Ute Zinner Verlags. Fast täglich beglücken Carsten Dobschat und "crocodilesnap" die User mit ihrer Meinung zum Wahlkampf. Und das mit deutlichen Worten: Am 11. August schrieb "crocodilesnap" zu der Behauptung von CSU-Chef Edmund Stoiber, die Bayern seien klüger als die Menschen in Ostdeutschland: "Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger außerhalb Bayerns, ich möchte mich für die Äußerungen unseres bayerischen Landesvaters persönlich entschuldigen und ausdrücklich distanzieren."

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Bundestagswahl: Wählst du noch oder bloggst du schon?
Auch im "Küchenkabinett" wird der Wahlkampf heiß diskutiert. Unter den ausschließlich männlichen Autoren: Philip, der "optimistische Schwarzmaler" und "Lokalpatriot aus Lippe", oder Sebastian, der "fröhliche Ex-Zyniker", der festgestellt hat, dass man die Welt lieben muss, um klar zu kommen, und seitdem gelegentlich grundlos kichert.

Besonders aktiv: Küchen-Kabinettskollege Michael, der selbst gerne Bundespräsident wäre. Zum TV-Duell wettert er: "Schröder und Merkel waren gestern. Das wird doch totlangweilig. 'Schicksalswahl, Herr Bundeskanzler', 'Richtungswahl, verehrte Frau Merkel.' Gähn." Eine gute Show verspricht er sich eher von der geplanten Fernseh-Runde der Kanzlerkandidatin mit Guido Westerwelle, Oskar Lafontaine und Joschka Fischer - "ganz ohne den Friedhofsheckenflair des potentiellen Kanzleramts. Großer Spaß!"

Protest gegen Angela Merkel

Bei vielen Websites ist schon der Name Programm. Bestes Beispiel: die Seite "Stoppt-Merkel". Dabei bloggen auf dieser Seite nicht nur Schröder-Fans. Marco Herack hat zum Beispiel seine ganz eigene Logik, Unionskandidatin Angela Merkel nicht zu wählen. Er schreibt: "Es wird sich erst etwas Entscheidendes ändern, wenn die Schmerzgrenze erreicht ist. Und Schröder bringt uns diesem Ziel wesentlich schneller näher." Einige Kommentare sind jedoch alles andere als sachlich. "Anonymous" zum Beispiel schreibt am 9. August: "Jetzt haben wir den Ossis schon die Mauer aufgemacht, das reicht schon. Aber eine Ossi als Kanzler, armes Deutschland."

Etwas mehr Humor beweisen die Initiatoren von "Angela Nein Danke", angelehnt an den Slogan "Atomkraft - nein danke!". Hinter dieser Seite verbirgt sich denn auch eine Gruppe von Atomkraftgegnern, die meinen: "Wahlkampf muss Spaß machen!" Deshalb beglücken die Macher ihre Surfer nicht nur mit aktuellen Nachrichten zum Wahlkampf, sondern auch mit Bildercollagen von Angela Merkel oder einem Foto-Memory.

Noch kreativer waren Dirk, Mark, Hinnark, Nele und Carsten - alle "junge Menschen zwischen 20 und 30". Sie drücken ihren Protest gegen Merkel in einem Rap aus und fragen: "Angela, was hast du bloß mit diesem Land vor? Rücken deutsche Kfor-Truppen im Irak vor?" Die beiden Angie-Songs gibt es auf der Internetseite mit dem verdrehten Namen "Gegen Jeder Für Sich".

Eher sachlich kommen dagegen die Kommentare auf der Seite "Jugend für Merkel" daher, hinter der der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) Niedersachsen steht. Hans Bratnase aus Lüdenscheid schreibt am 10. August: "Für die aktuelle Politik der Bundesregierung habe ich kein Verständnis mehr. Frau Doktor Merkel ist Deutschlands letzte Chance." Marcel Knebel aus Bottrop macht der CDU-Chefin sogar einen Heiratsantrag - wenn auch eher unfreiwillig: "Ich habe einen Traum: Ich schließe mein Studium gut ab, bekomme einen guten Job, und kann mich dann endlich um meine Familienplanung kümmern. Mit Schröder nicht zu machen, aber Angela ist dafür meine Frau."

Konservative weniger aktiv

Eines der wenigen konservativen Weblogs kommt aus Nordbaden. Auf "Nunquam retrorsus" bloggt ganz einsam "PNK" vor sich hin. Wer sich hinter diesem Kürzel verbirgt, bleibt im Verborgenen. Nicht aber seine Meinung über Bundeskanzler Gerhard Schröder. Zu dessen Fernsehauftritt bei Sabine Christiansen schreibt er: "Ich musste leider, leider abschalten, da ich weder das selbstgefällige Gehabe des Kanzlers, noch die Fragetechnik (falls man das so nennen kann) von Frau Christiansen in Kombination länger als eine Minute am Stück ertragen konnte."

Hochkarätig besetzt ist das "Wahltagebuch" der Heinrich-Böll-Stiftung. Seit dem 8. August schreiben auf dieser Seite Politik- und Medienprofis wie die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne), die sich über die "ewig pubertierende" Sängerin Nena aufregt. Oder Politikprofessor Claus Offe, der gleich einen ganzen Aufsatz zum Verhältnis von SPD und Linkspartei abliefert. Seine Analyse: "Die SPD ist auch deshalb wehrlos gegen die Linkspartei, weil sie ihr das Mistbeet selbst hergerichtet hat, auf dem diese nun prachtvoll gedeiht."

Sehr professionell und informativ: "wahlblog05", ein Projekt der Initiative für interaktive Demokratie. Die Seite ging schon wenige Stunden nach Ankündigung der Neuwahlen am 22. Mai online - angeblich als erstes Wahl-Blog überhaupt. Hier schreiben außer den Initiatoren Bundestagsabgeordnete und Medienexperten. Die User können auch gleich ihre Stimme abgeben: wahlblog05 stellt die Sonntagsfrage. Letztes Zwischenergebnis: Die Grünen kommen als stärkste Partei auf 29 Prozent.

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