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Wahlkampf im Netz: Wenn Politiker bloggen gehen...

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Die Deutschen bloggen viel zu wenig, beklagen Anhänger von Webtagebüchern allenthalben. Wer die Blogs von Politikern gelesen hat, weiß, dass das durchaus von Vorteil ist.

Eurofighterin Koch-Mehrin: "Gehen Sie mit Guido Wohnmobil fahren!"

Eurofighterin Koch-Mehrin: "Gehen Sie mit Guido Wohnmobil fahren!"

Silvana Koch-Mehrin ist eine selbstbewusste Frau. Die FDP-Abgeordnete zeigte im März im Magazin Stern ihren nackten Babybauch - Parteikollegen waren entzückt. "Man kann auch mit Kind sein Leben organisieren", verkündete Koch-Mehrin und erklärte auch gleich wie: Monatlich 1200 Euro bezahlt sie für Krippenbetreuung, Kinderfrau und Babysitter. Kein Problem für die Powerfrau, die gemeinsam mit ihrem Mann monatlich über deutlich mehr als 14.000 Euro Einkommen verfügt.

Seit Anfang Juni bloggt Frau Koch-Mehrin auch noch nebenher. Ihr Tagebuch trägt den Namen eines Kampfflugzeugs: Eurofighter. Auch andere Abgeordnete sind dem Blog-Fieber verfallen - man muss ja schließlich mit der Zeit gehen. Aber wollen wir wirklich wissen, was Petra Pau (PDS) spät abends in ihrer 3-Zimmer-Wohnung in Berlin-Hellersdorf ("sanierte Platte") durch den Kopf geht? Und durch welche Dörfer Martina Krogmann (CDU) tagsüber tourt?

Auch Brigitte Zypries (SPD), Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und Katherina Reiche (CDU) beglücken Surfer täglich, zumindest aber einmal pro Woche mit ihren Notizen. Der Informationsgehalt ist in der Regel beschränkt. Das merken die Surfer ziemlich schnell - und hauen den Politikern ihre Phrasen um die Ohren.

"Auf zur Realitätsverlustpartei"

"Gehen Sie mit Guido Wohnmobil fahren aber lassen Sie die Finger von Deutschland und Europa!", muss Koch-Mehrin in ihrem Tagebuch lesen, sofern sie überhaupt hineinschaut. "Ich drück die Daumen", schreibt ein User namens Tom, "auf zur 4,9-Prozent Superreichen- und Realitätsverlustpartei".

Justizministerin Zypries: "Bei frischem Kaffee ergab sich schnell das erste Gespräch"
MARCO-URBAN.DE

Justizministerin Zypries: "Bei frischem Kaffee ergab sich schnell das erste Gespräch"

FDP-Politiker scheinen besonders gern zu bloggen, laut der Website wahl.de bringen sie es auf 17 Tagebücher, die Sozialdemokraten kommen auf 8, CDU und Grüne auf 7, PDS und Linkspartei auf 4. Mancher Blog ist allerdings noch nicht einmal befüllt.

Koch-Mehrins Parteifreund Hermann Otto Solms erregt sich auf seiner Seite unter anderem darüber, dass die neue Einkommenssteuerkartei für Berlin aus sieben Bänden mit 4400 Seiten besteht. "Wer soll sich denn darin zurechtfinden?", klagt er. "Wie unsinnig ist ein System, das nur durch solch einen Gesetzeswust bestehen kann?"

Derartige Systemkritik nehmen die Surfer dem FDP-Mann Solms jedoch nicht ab. "Sie hatten in den 16 Jahren lange genug Gelegenheit, etwas zu ändern", kommentiert ein User mit dem Pseudonym lieberbadener. "Diese Scheinheiligkeit kotzt einen an." "Verantwortlich für diesen Wahnsinn sind doch ganz offensichtlich die etablierten Parteien", schreibt ein anderer.

Realitäts-Check für Volksvertreter

Was als direkter Draht zum Bürger gedacht war, entpuppt sich in Wahrheit zum Blitzableiter des Frusts der Bürger. Teilweise seitenlange Konvolute werden den Politikern ins Webtagebuch geschrieben - ein so wohl kaum beabsichtigter Realitäts-Check für die Volksvertreter. Geklagt wird über Hartz IV, arrogante Ossis, korrupte Berufspolitiker und die Sozis, die in sieben Jahren nichts auf die Reihe gekriegt haben.

Mancher Blog wirkt ungewollt komisch. Justizministerin Brigitte Zypries etwa beschreibt ihre Erlebnisse beim Wahlkampfauftakt am 6. August in Darmstadt. Zwei Tage später berichtet Zypries, was das Lokalblatt "Darmstädter Echo" über ihren Wahlkampfauftakt berichtet.

Hermann Otto Solms: "Wer soll sich denn darin zurechtfinden?"
AP

Hermann Otto Solms: "Wer soll sich denn darin zurechtfinden?"

Für alle, die nicht dabei sein konnten: Es hat nicht geregnet, die Genossinnen und Genossen haben "einen schönen Stand" aufgebaut. Und: "Bei frischem Kaffee ergab sich schnell das erste Gespräch über die Ziele der SPD im Wahlkampf."

So, so.

Weiter geht's im Stil von "Mein schönstes Wahlkampferlebnis": Der Stand in Darmstadt sei sehr gut besucht gewesen; viele Menschen hätten auch Zeit für längere Gespräche mitgebracht; es habe "zum Teil einstündige Diskussionsgruppen" gegeben.

Die Darmstädter Diskussionsfreude scheint jedoch nicht so recht ins Web überspringen zu wollen: Im Zypries-Blog verewigen sich nur eine Handvoll Leute. Woran's wohl liegt?

Ähnlich wenig Feedback bekommt auch Jörg Tauss, der Medienexperte der SPD. Er schreibt unter anderem, dass er tatsächlich selbst schreibt, was in seinem Blog zu lesen ist, und nicht etwa Ghostwriter oder Referenten, wie es ein Bösewicht aus der CDU behauptet. Außerdem berichtet Tauss von seinen frisch aufgefüllten Wodka-Vorräten. Na Sdarovje!

Clevere Zweitverwertung

Andrea Nahles (SPD) beglückt ihre Blog-Community mit einem exklusiv vorab veröffentlichten Interview. Die Quelle des Stückes: das SPD-Parteiblatt "Vorwärts", Regionalausgabe Rheinland-Pfalz.

Katherina Reiche (CDU), einst als Familienexpertin in Stoibers Schattenkabinett gehandelt, folgt dem Beispiel von Andrea Nahles und stellt einfach ein Interview auf ihre Seite, das sie gegeben hat. Immerhin nicht mit einem Parteiorgan, sondern dem Wissenschaftsmagazin "Technology Review". Zweitverwertung nennt man so was unter Journalisten.

Immerhin, das muss man Nahles und Reiche zugute halten, sie verstehen etwas von Ökonomie.

Das trifft auch auf Rainer Stinner (FDP) zu, der von einem Treffen mit einem Parteifreund berichtet: "Am Ende des Gespräches fragt er mich nach der Konto-Nummer meines Spenden-Kontos. Ein sehr angenehmes Gespräch."

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