Start-up WyWy: Der Kampf um den zweiten Bildschirm

Von Stephan Dörner, Wall Street Journal Deutschland

Im Kampf um die Aufmerksamkeit des Zuschauers konkurrieren TV-Geräte immer häufiger mit Smartphone und Tablet. Das deutsche Unternehmen Wywy sieht darin einen Milliardenmarkt. Per App sollen Zuschauer ihren TV-Konsum begleiten - und mit anderen teilen.

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Smartphones: Treuer Begleiter beim Fernsehen?

Erst seit Dezember 2012 gibt es die Wywy-App - und doch gilt das Unternehmen schon jetzt als eine der heißesten Gründungen aus Deutschland. Im Sommer sammelte das Start-up aus München 2,5 Millionen Euro Wagniskapital ein. Die App erkennt das gerade laufende Fernsehprogramm automatisch und ermöglicht den Live-Austausch mit anderen, die dasselbe sehen.

Die Kapitalgeber schätzen, dass Wywy sich auf einem vielversprechenden Markt eine gute Ausgangsposition gesichert hat: Die Inhalte für den sogenannten "Second Screen", der zweite Bildschirm neben dem großen Fernseher, der sich künftig an das jeweilige TV-Programm anpassen könnte. Wywy stellt dazu eine App für das iPhone zur Verfügung - eine Android-Version soll bald folgen. Sie verspricht "Mehr Spaß beim Fernsehen". Nutzer sollen sich mit der App auf dem Smartphone mit anderen Zuschauern über TV-Sendungen austauschen können, vor allem während der Sendung. Außerdem können Wywy-Nutzer nachvollziehen, welche Sendungen Freunde schauen und mögen - zumindest, so lange sie sich mit der App einchecken.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.
"Wer den Second Screen-Markt knackt, hat die Chance einen Milliardenmarkt zu bedienen", sagt Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de. Das Fachportal hatte Wywy kürzlich zum Start-up des Jahres 2012 gekürt. Das sieht auch Wywy-Mitgründer und Geschäftsführer Andreas Schroeter so. In Deutschland sei der Second-Screen-Markt noch sehr klein, "nicht nennenswert". In fünf Jahren dagegen sei der Markt vermutlich enorm wichtig, glaubt Schroeter und verweist auf den vier Milliarden Euro schweren TV-Nettowerbemarkt in Deutschland. Ein Teil des Geldes werde in den kommenden Jahren in den Second-Screen-Markt fließen, ist Schroeter überzeugt.

Die Mode im Fernsehen direkt online kaufen

Denn denkbar ist vieles, um den zweiten Bildschirm zu Geld zu machen: "Zum Beispiel 'Germany's Next Top Model': Plötzlich laufen die Models mit der Kleidung einer bestimmten Modemarke über den Bildschirm - beispielsweise. Dann könnte man rein theoretisch genau in dieser Sekunde die Mode zum Online-Kauf anbieten - vielleicht noch in Verbindung mit einem 10-Euro-Gutschein", führt der Gründer aus. Dazu muss Wywy nicht einmal mit dem TV-Sender zusammenarbeiten. "Weil wir das Satellitensignal in Echtzeit bekommen und verarbeiten und dementsprechend Formate drumherum schaffen können, müssen die Sender nicht unbedingt mitmachen. Bei 'Germany's Next Topmodel' ist es natürlich sinnvoll, mit dem Sender zusammenzuarbeiten. Anderseits wissen Sie bei vielen Sendungen schon vorher, was für Outfits da kommen."

In den USA nutzen laut einer aktuellen Studie des Marktforschers Nielsen heute schon 85 Prozent der Besitzer von Tablets und Smartphones mindestens einmal im Monat die Geräte während des Fernsehschauens - immerhin 40 Prozent der Tablet- und Smartphone-Besitzer sogar sogar täglich. Schroeter erwartet ähnliche Zahlen mit einer gewissen Verzögerung auch für Deutschland.

Die Tablet-Nutzer sind meist im Alter von 25 bis 34 sowie 55 und 64 und nutzen das Gerät, um Informationen zu suchen, zu surfen und E-Mails zu schreiben. Hier ist das Gerät also eher ein Konkurrent um die Aufmerksamkeit des Fernsehgeräts. Anders sieht es bei den Smartphone-Nutzern am TV aus: Sie sind jünger und es sind mehr Frauen dabei - und sie nutzen das Gerät typischerweise neben dem E-Mailen auch für Social Media und Shopping. Über Social-Media-Kanäle wie Facebook und Twitter tauschen sie sich über die gerade laufende Sendung aus.

Immer mehr Zuschauer kommentieren TV-Sendungen auf Twitter

Die Zahl der Kommentare, die auf Twitter und anderen sozialen Netzwerken über Fernsehsendungen veröffentlicht werden, ist im vergangenen Jahr explodiert: von 8,8 Millionen im Juli 2011 auf 75,5 Millionen ein Jahr danach, so eine Analyse des Unternehmens Bluefin Labs. Besonders beliebt: Casting-Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" und Serien wie "Vampire Diaries". In Deutschland besonders beliebt bei Twitter ist der "Tatort".

Doch warum sollten die Nutzer weg von Facebook und Twitter und stattdessen Apps wie die von Wywy nutzen? Das Unternehmen will die Zuschauer mit Prämien locken. Mit jedem Einchecken für eine Sendung bekommen sie Punkte, die sie später eintauschen können - derzeit beispielsweise für einen Gutscheine bei Zalando oder Amazon. "Der derzeit bestlaufende Gutschein kommt von Lieferando für Pizza". Für diesen Gutschein müsse man sich in etwa zehn bis 15 Sendungen einchecken, schätzt Schroeter. Das sei jedoch eine Sonderaktion - bei anderen Gutscheinen müssen mehr Sendungen gesehen werden.

Treueprämien mit Punktesystem

Mit dem Punktesystem von Wywy sind beispielsweise auch Treueprämien denkbar. "Zum Beispiel könnte eine Eintrittskarte unter allen Nutzer verlost werden, die sich in jede einzelne Folge von 'Deutschland sucht den Superstar' eingecheckt haben", sagt Schroeter. Ähnliche Modelle sind auch für das wiederholte Schauen von Fernsehwerbung denkbar. Wywy spricht derzeit mit den Sendern - doch dort herrscht noch Skepsis. "Weil das Thema noch so neu ist und weil sie auch noch selber viel ausprobieren wollen, sind die ein bisschen zurückhaltend", sagt Schroeter. Die Sender warteten vor allem auch noch darauf, wer sich auf dem Markt durchsetzen wird.

Die Deutschen sind ein Volk der Punktesammler - und so funktioniert dieser Teil der App hierzulande besonders gut. "10 Prozent der Nutzer sehen, sobald sie sich eingecheckt haben, erstmal die verfügbaren Gutscheine an", sagt Schroeter. Das System kann natürlich ausgetrickst werden, denn das Einchecken bedeutet nur, dass man das Smartphone einige Sekunden vor den Fernseher hält. Gewisse Sicherheiten, die beispielsweise verhindern, dass sich ein Nutzer alle paar Sekunden in eine andere Sendung eincheckt, sind eingebaut.

Interaktiver Beifall und Buh-Rufe

Die Unterhaltung über eine Sendung und das Punktesammeln sollen nur ein Teil der "Second-Screen-Erfahrung" sein, die in Zukunft möglich ist. "Wir wollen vom öffentlichen Chat über einen privaten Chat nur mit Freunden bis hin zu Möglichkeiten, dass ich zum Beispiel bei einer Casting-Show für meinen Kandidaten applaudieren oder auch buhen kann". Auch zahlreiche andere Interaktionen sind denkbar: Eine Abstimmung in politischen Talkshows oder während eines Fußballspiels. "Beim Elfmeter kann man während des Spiels fragen: Geht er rein oder nicht?", sagt Schroeter. Denkbar ist das auch als Rückkanal in die Sendung. "So könnte der Moderator einer politischen Talkshow beispielsweise sagen: 'Frau Merkel, siebzig Prozent Ihrer Wähler stimmen Ihnen aber nicht zu'", sagt Schroeter.

Die Wywy-Macher wissen: Wer fernsieht, will sich entspannen und nicht arbeiten. Die Nutzer müssen daher nicht selbst angeben, was sie sehen - das erledigt die App für sie automatisch. Wywy hat dazu die notwendige Technologie eingekauft und weiterentwickelt.

Automatische Inhalterkennung via Tonabgleich

Automated Content Recognition - automatische Inhaltserkennung - heißt das Zauberwort. "Die erlaubt es zu erkennen, was der Nutzer gerade schaut", erklärt Schroeter. Das wird über einen Abgleich des Tons beim Zuschauer mit der Live-Analyse der verschiedenen Satellitensignalen erreicht.

In einem Test des Wall Street Journal Deutschlands funktionierte das mit den großen Sendern ZDF, RTL sowie RTL2 - nicht aber beim ZDF Infokanal, Arte und 3sat. "Es ist als Start-up eben immer eine Frage des Geldes, wie breit man Sender abdeckt", sagt der Gründer. Die wichtigsten Kanäle sollen jedoch auf absehbare Zeit erkannt werden - derzeit fehlen unter anderem noch Spartensender und Bezahlsender wie Sky. Das System erlaubt einerseits zu erkennen, ob der Nutzer wirklich vor dem Fernseher sitzt, andererseits wird gemessen, mit welcher Verzögerung das Fernsehkanal beim Zuschauer ankommt - denn das variiert je nach Empfangsmethode.

Bei Wywy wird die Technik von der israelischen Firma Idioma geliefert, inzwischen eine hundertprozentige Tochter von Wyey. Wyey-Investor Cipio Partenrs war zuvor schon bei Idioma investiert und wollte von den beiden Gründern wissen, wie sich diese noch besser nutzen lasse. Ursprünglich wurde die Technik zur TV-Marktanalyse genutzt - ein Geschäft ohne große Wachstumsaussichten. "Wie Sie sich vorstellen können gibt es da einen Platzhirschen in jedem Land, damit ist der Markt dann verteilt und es ändert sich nicht mehr viel", führt Schroeter aus. Das Management von Cipio kannte Mitgründer Schmidt bereits durch die Zusammenarbeit bei anderen Projekten und wandte sich an die beiden Gründer, um mehr aus der Technologie zu machen.

Schröter und sein Mitstreiter Schmidt erinnerten sich an ihre Studententage: Damals legten sie die TV-Kanäle jeweils auf dieselben Nummern, um sich schnell via Telefon über das gerade laufende Fernsehprogramm austauschen zu können. "Wir wollten schnell telefonieren können und sagen 'Schalt mal auf Kanal 8, da kommt gerade…'", führt Schroeter aus. Der Schlüssel, um die Idioma-Technik für den "Second-Screen"-Markt fit zu machen, lag dann darin, die Erkennung der Inhalte inzwischen in Echtzeit möglich ist - damit übernimmt die App die Synchronisierung beim Austausch über das Fernsehprogramm.

Deutsche App als Beispiel für die Technik

Die App für Deutschland ist die bislang einzig verfügbare von Wywy. Sie ist eine Art Schaukasten für die internationalen Geschäftskunden von Wywy zu Demonstration der Technologie. Konkurrenten sind hierzulande die Apps von Couchfreunde und Zapitano. Das Unternehmen plant auf dem internationalen Markt derzeit nicht selbst aktiv zu werden, sondern will seine Erkennungstechnik anderen Firmen vor Ort lizenzieren. Derzeit gäbe es "sehr sehr tiefe Gespräche" mit möglichen internationalen Lizenznehmern der Technik aber "noch nichts, was unterschrieben ist", sagt Schroeter. "Das ist auch in anderen noch so neu, dass teilweise auch noch das Verständnis dafür geschaffen werden muss", erklärt er.

Zuletzt haben Cipio Partners und Mitgründer Schmidt 2,5 Millionen Euro in der jüngsten Finanzierungsrunde im Juli in Wywy in das Unternehmen investiert. Cipio brachte außerdem seinen Anteil an der israelischen Firma Idioma ein. Mit einem kleinen Teil der investierten Summe wurde die komplette Firma durch Wywy übernommen. Heute arbeiten zehn Mitarbeiter in München für das Unternehmen und 9 in Israel, wo die Erkennungstechnologie weiterentwickelt wird. "Wir haben von den 2,5 Millionen Euro noch sehr viel übrig", sagt Schroeter.

Das Geld soll zum auch in die Weiterentwicklung der Technologie gesteckt werden. So soll künftig in Echtzeit erkannt werden, wenn eine bestimmte Werbung läuft, um in derselben Sekunde die Werbung auch auf dem Smartphone anzuzeigen. Möglich wäre es dann, die Werbung direkt mit einem Sonderangebot auf dem "Second Screen" zu verbinden, wodurch das beworbene Produkt sofort gekauft werden kann. "Direkt die Rasierklingen bei Gilette online kaufen oder eine Probefahrt bei BMW vereinbaren", nennt Schroeter als Beispiele. "Das ist auch der Grund, warum ich die Marktgröße entsprechend einschätze."

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland

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1.
grana 19.01.2013
Zitat von sysopIm Kampf um die Aufmerksamkeit des Zuschauers konkurrieren TV-Geräte immer häufiger mit Smartphone und Tablet. Das deutsche Unternehmen Wywy sieht darin einen Milliardenmarkt. Per App sollen Zuschauer ihren TV-Konsum begleiten - und mit anderen teilen. Wall Street Journal Deutschland: Second-Screen-App Wywy - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/wall-street-journal-deutschland-second-screen-app-wywy-a-878408.html)
Seit 2 Monaten habe ich ein Panasonic Eluga Smartphone, nicht nur, dass ich damit unter der Dusche telefonieren kann, nein es ist sogar in der Lage mir alles möglich blitzschnell auf den Bildschirm zu jagen und man kann es sogar erkennen, aber... Fernsehen ist etwas anderes, bei einem Tablet, eigentlich kaum mehr als ein tragbarer Fernseher mit erweiterten Programm (schon mal versucht einen längeren Text darauf zu tippen) gibt es natürlich gewisse Möglichkeiten. Das Gerät dazwischen nennt sich übrigens Samsung Note. Vielleicht irgendwann auch mal meins ;-)
2.
chavezding 19.01.2013
Oh. Da hat jemand den Artikel nicht gelesen... Die App ist gut, aber noch nicht zu Ende gedacht.
3. Braucht kein Mensch
lakeburn 19.01.2013
Wie immer die Frage bei so abstrusen Ideen: wer soll sowas benutzen wollen? Wer will tatsächlich beim gemütlichen Abhängen vor der Glotze nebenher hektisch irgendwelche Chats ins Handy tippen, und dabei das Tor des Jahres verpassen? Wenn es überhaupt funktioniert: seit Jahren versuchen sich verschiedene Firmen daran, Werbeunterbrechungen zu erkennen und auszublenden. Ein marktfähiges System gibt es auch 2013 noch nicht. Von einem funktionierenden "Wywy" ist man da noch weit entfernt. Und Content Recognition gibt es schon länger und wird von verschiedenen Firmen angeboten (Magix, Fraunhofer, Zynaptiq), da herrscht am Markt eine gewisse Auswahl... kann mir nicht vorstellen daß man dazu bis nach Israel fahren muss. Bestimmt haben da andere Gründe noch eine Rolle gespielt.
4. Startup?
clausde 19.01.2013
Naja, wenn man die Rezensionen liest, dann wird man sich diese App momentan nicht antun. Wenn Anwender zu Testusern werden, dann bekommt der Begriff Risikokapital eine neue Deutung. Wie Vieles in der IT, zu schnell auf dem Markt. Der Nächste macht es besser und der kommt bestimmt. Denn interaktives Fernsehen ist durchaus reizvoll.
5. Kann mir jemand diese Altersangabe erlaeutern?
hdudeck 19.01.2013
"Die Tablet-Nutzer sind meist im Alter von 25 bis 34 sowie 55 und 64" Was ist mit denen zwischen 35 und 54? Koennen die nicht lesen oder Computer/Tablets benutzen? Woher kommen diese Daten? Gelten die nur fuer D oder auf der ganzen Welt? Ich benutze ein Tablet seit 3 Jahren und liege genau in dieser Luecke. Und ich bin ein Vielnutzter (2 Stunden)
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