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Wall Street Journal: Neue Zeitung für die Web-Generation

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Das "Wall Street Journal" plant für Anfang 2007 eine handliche Kleinausgabe - intern "Journal 3.0" genannt. Navigation wie Inhalte der Neuentwicklung orientieren sich an dem, was die "Journal"-Macher in den letzten zehn Jahren im Web gelernt haben. Ein Modell für die Zeitung der Zukunft?

Was wollen Leser wirklich, was erwarten sie von ihrem Medium? Online-Publisher sind prädestiniert, solche Fragen zu beantworten. Zeitungsmacher pflegen da ihre Mythen, haben begründete Vermutungen, hoffen darauf, dass das gelesen wird, was sie ihren Lesern servieren - und lassen sich manchmal von empirischen Leserstudien schocken, auf deren Veröffentlichung sie dann lieber verzichten. Onliner haben Statistiken und Quoten - und das alle paar Minuten. Sie sehen und wissen, was der Leser gut und weniger gut annimmt.

Leserschwund bei Zeitungen: Immer mehr bleiben liegen
DPA

Leserschwund bei Zeitungen: Immer mehr bleiben liegen

Vor einigen Monaten legte die Verlagsleitung des "Wall Street Journal" die Online- und Printredaktionen nach zehn Jahren der Trennung wieder zusammen. "Zeitung" ist schließlich beides, verbreitet auf unterschiedlichen Vertriebskanälen. Jetzt arbeiten sich die Redakteure gegenseitig zu, und das anscheinend mit Erfolg: Inmitten der Zeitungskrise hält sich das "Journal" relativ stabil, verzeichnet nur unterdurchschnittliche Lesereinbußen. Für eine Zeitung ist das heute schon eine ganze Menge.

Online boomt dagegen, gewinnt Abonnenten (das "Journal" ist ein Pay-Angebot) und Umsatz.

Jetzt wollen die Börsen-Spezialisten einen Schritt weiter gehen, mit einem so offensichtlich naheliegenden wie überfälligen Schritt: Bei der Konzeption des nächsten Print-Produktes, intern "Journal 3.0" genannt, sollen die Erfahrungen aus dem Online-Publishing verwertet werden.

"Journal 3.0" wird zurzeit in Marktstudien getestet und noch immer verändert, soll aber bereits im Januar 2007 in den Verkauf gehen. Geplant ist es als handliches Format, als "Kleinausgabe" einer Zeitung.

Falsche Schritte?

Man kennt das aus Deutschland, wo mehrere Zeitungsverlage mit sogenannten Tabloid-Formaten experimentieren, die sich besonders bequem in der U-Bahn lesen lassen. Auch sonst geben sich die deutschen Tabloids abgespeckt: Im großen und ganzen sind sie auf Mini-Meldungen reduzierte Kompaktformate, eingedampfte Versionen ihrer Mutterblätter, die davon ausgehen, dass der mobile Leser eben nur Häppchen wolle. Google-News im Printformat, sozusagen: Agenturhäppchen für unterwegs.

Das hat einen gewissen Erfolg, doch beim "Journal" glaubt man besser zu wissen, was der Leser wirklich will. "Journal 3.0" soll Navigationselemente in der Logik von Homepages aufnehmen: Auf der Titelseite reißen Überschriften und kurze Teaser die Themen an, die im Inneren der Zeitung vertieft werden sollen. Und siehe da, das ist sogar wörtlich gemeint: Das Online-Lesen, glauben die Macher, habe die Erwartungshaltung der Leser nämlich tatsächlich verändert. "Journal 3.0" soll deshalb mehr erklärende, Kontext herstellende Stücke enthalten als reine Meldungen.

Das allerdings ist logisch und wirklich überfällig: Die Zeiten, in denen Zeitungen einfach nüchtern berichten konnten, was alles in der Welt passiert ist, sind vorbei. An Nachrichten interessierte Leser haben das in aller Regel bereits am Vortag erfahren - denn Zeitungsnachrichten sind grundsätzlich "yesterday's news", die Radio und Fernsehen in kurzen Schlagzeilen am Vortag, Online mitunter aber schon deutlich vertieft berichtet haben. Während der Zeitungsleser heute also die verlautbarte Nachricht bekommt, liest der Online-Leser bereits die Hintergrund- und Folgeberichterstattung dazu.

Das ist ein Problem, allerdings eines, das sich auch konstruktiv nutzen lässt: Man muss nur die Reihenfolge verändern. Die Macher von "Journal 3.0" werden davon ausgehen, das bestimmte, dominante Nachrichten bereits bekannt sind und versuchen, dem Leser Hintergrund, Erklärung und Kommentar dazu zu liefern. Der stete Verweis hin zu mehr aktuellen Informationen zum Thema im dazugehörigen Onlineangebot ist Teil des Konzeptes. Hier verweist also nicht die Onlineausgabe aufs Blatt, sondern das Blatt auf Online als aktuellen Nachrichtenkanal und Möglichkeit zur weiteren Vertiefung der Informationen.

Die Macher sehen das Printprodukt als Chance, die negativen Aspekte der Informationsüberflutung durch  Kontextinformationen zu bewältigen. Dazu gehört auch eine Konzentration auf Vorweg-Berichterstattungen: Bei anstehenden Ereignissen soll über die Vorab-Publizierung erklärender Kontext-Stücke Wissen geschaffen werden, das die Nachricht selbst erst interpretierbar macht. Nachgedacht wird auch darüber, Eilmeldungen und wichtige Nachrichten unter dem Label von "Journal 3.0" per Mobilfunk-Service "nachzufüttern".

"Journal 3.0" ist nicht das einzige derzeit in Entwicklung befindliche Zeitungsprojekt, das Erfahrungen aus dem Online-Publishing auf die Printwelt zu übertragen versucht - aber wohl das ambitionierteste. So dampfte kürzlich die "New York Times" ihre Seitenfressenden Serviceformate ein und verlagerte ihre TV-Programmübersicht einfach auf die Webseite - per Datenbank lässt sich besser Überblick schaffen als per Tabelle. Obwohl das "Wall Street Journal" mit seiner Fachkundschaft und seinen sehr spezialisierten Informationen natürlich ein Sonderfall in der Printlandschaft ist, wird die Branche den Verlauf des Experimentes mit Interesse verfolgen.

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Forum - Wie soll die Zeitung der Zukunft aussehen?
insgesamt 49 Beiträge
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1.
DJ Doena 02.06.2006
Nichts ist so alt wie die Nachricht von Gestern. Ich (28) habe nie damit angefangen, eine Tageszeitung zu lesen und ich kenne auch niemanden in meiner Generation, der das tut. Will ich tagesaktuelle Nachrichten haben, dann lese ich entweder SpOn oder gucke TV-Nachrichten. Was ich allerdings lese sind der Spiegel im Abo und die c't. Die Spiegelthemen sind idR längerfristig relevant oder klären über Vorfälle auf, die sich über Monate/Jahre hinweg erstrecken. Aber auch dem Spiegel ist es in den letzten Jahren mehrfach passiert, dass sie ein groes Titelthema haben, die Zeitung am Montag den Abonennten zugestellt wird, aber das Thema seit Sonntag Abend obsolet ist, weil sich die Ereignisse überschlagen haben.
2. Eine Zeitung sollte so aussehen,
GuenterMuc, 02.06.2006
wie die FAZ, bevor man sich dort entschlossen hat, farbige Fotos zu drucken. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie man versuchte den Lesern die Notwendigkeit zu erklären (Anzeigenkunden wollen ihre Inserate farbig gedruckt, also wolle man diese Möglichkeit auch für den redaktionellen Teil nutzen). Und seitdem geht es kontinuierlich bergab. Rote, serifenlose Schriften - einfach nur noch grausam. Die Süddeutsche, als geborener Münchner immerhin die Zeitung meiner Jugend, traue ich mich schon gar nicht mehr aufzuschlagen, so verunstaltet ist diese mittlerweile. Gut, immer noch besser als hier in GB, wo, mit Verlaub gesagt, eine Zeitung beschissener aussieht als die andere. Wobei der Guardian hier sicher am übelsten ist. Klein, bunt, viele Fotos, viele Zeichnungen, viele Grafiken, dafür aber inhaltsleer.
3.
dericon, 02.06.2006
---Zitat von DJ Doena--- Aber auch dem Spiegel ist es in den letzten Jahren mehrfach passiert, dass sie ein groes Titelthema haben, die Zeitung am Montag den Abonennten zugestellt wird, aber das Thema seit Sonntag Abend obsolet ist, weil sich die Ereignisse überschlagen haben. ---Zitatende--- Passiert vor allem bei politischen Themen. Da meistens Politik am Tag passiert, sind Abendausgaben oft aktueller in diesem Punkt - gut genug auch noch für's Frühstück. Ich würde mir bei Abendzeitungen ein größeres Angebot wünschen. Und vor allem ein Bus&Bahn-freundlicheres Zeitungsformat ... nicht größer als Zeitschriften.
4. zeitung bei de zukunft
default.user, 02.06.2006
zeitung braucht man nicht, wenn jedem der zugang in das weltweiteweb gewährleistet wird, jederzeit. ich denke, in 10 bis 15 jahren hat sich das thema zeitung eh erledigt, schon weil die träger dieser kulturation ausgestorben sein werden. man spart viel papier und farbe, was doch zu begrüßen ist. was eine zeitung gut macht, ist deren glaubwürdigkeit. ob ich ne zeitung in der hand habe oder ins netz glotze, ist doch völlig latte. man merkt schon, dass des alles nicht ganz koscher ist. weg mit dem klopapier grüße vom subproletariat
5.
GuenterMuc, 02.06.2006
---Zitat von default.user--- zeitung braucht man nicht, wenn jedem der zugang in das weltweiteweb gewährleistet wird, jederzeit. ich denke, in 10 bis 15 jahren hat sich das thema zeitung eh erledigt, schon weil die träger dieser kulturation ausgestorben sein werden. man spart viel papier und farbe, was doch zu begrüßen ist. was eine zeitung gut macht, ist deren glaubwürdigkeit. ob ich ne zeitung in der hand habe oder ins netz glotze, ist doch völlig latte. man merkt schon, dass des alles nicht ganz koscher ist. weg mit dem klopapier grüße vom subproletariat ---Zitatende--- Jetzt gehöre ich zwar zu jenen Menschen, die das Haus ohne Notebook so gut wie nie verlassen, aber trotzdem will ich meine FAZ nicht am Bildschirm lesen. Hab' das e-paper der FAZ mal für 14 Tage ausprobiert. Es ist einfach nicht vergleichbar, die Haptik spielt für den Leser einer Zeitung einfach eine zu große Rolle. Da gebe ich in den paar Jahren, die mir bis zu meinem Tode noch bleiben (obwohl ich immer gehofft hatte älter als 50 zu werden) gerne noch die paar Pfund zusätzlich im Monat aus, um mir dieses Gefühl nicht nehmen zu lassen.
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