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Warblogging: Ganz andere Kriegsnachrichten

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2. Teil: Im zweiten Teil: Nachrichten, völlig anders: Privatleute sammeln, tragen zusammen, vergleichen und kommentieren. Profis erzählen online mehr, als sie vor der Kamera können oder dürfen. Und natürlich versucht auch der Propaganda-Apparat, das Blog für sich zu nutzen. Weiter...

Die Frage ist und bleibt unbeantwortet. Kaum jemand spricht Salam eine detaillierte Kenntnis des Irak ab. Seit Montag "funkt" er wieder, nachdem er, wie er sagt, zwei Tage lang keinen Zugang zum Internet hatte. Wann auch immer CNN größere Entwicklungen zu melden hat, braucht Salam nicht lang, die Nachrichten aus der Perspektive der Betroffenen zu ergänzen. Längst gehört die Website zu den populärsten im Internet überhaupt, längst finden sich Mirror-Sites, die die Last der Seitenaufrufe verteilen und die Seite zugänglich halten, wenn zu viele Menschen darauf zugreifen.

Schülerdemo in Berlin: Breiter gesellschaftlicher Konsens gegen den Krieg - Blogs liefern passende Nachrichten aus der "Graswurzel"-Perspektive
AP

Schülerdemo in Berlin: Breiter gesellschaftlicher Konsens gegen den Krieg - Blogs liefern passende Nachrichten aus der "Graswurzel"-Perspektive

Der Erfolg der Salam-Pax-Seite dokumentiert, wie unbefriedigend der stete, sachliche Nachrichtenstrom aus dem Krieg für die Zuschauer in aller Welt ist. Dass das Nachrichtenmaterial, dass es auf den Bildschirm schafft, in hohem Maße zensiert ist, ist mittlerweile jedem klar. Als europäische Medien Bilder von gefallenen und von gefangenen amerikanischen Soldaten von arabischen Sendern übernahmen, protestierte die US-Regierung ganz offiziell: In den USA waren die erschütternden Dokumente nur bei CBS kurzzeitig zu sehen, alle anderen Sender verzichteten auf die Ausstrahlung der die Kriegsmoral potenziell untergrabenden Bilder.

Inzwischen droht Medien, die auch nur die Gesichter der Soldaten zeigen, eine Klage vor amerikanischen oder britischen Gerichten, denn die Zurschaustellung von Gefangenen verstoße gegen internationale Konventionen.

Warblogger schert das nicht, und unter der von beiden Seiten betriebenen Kanalisierung und Filterung von Informationen leiden auch die Profis vor Ort. Auch Medien-Korrespondenten - teils über die Web-Plattformen ihrer Arbeitgeber, teils zumindest angeblich aus privater Initiative - schreiben ihre Blogs. Das mag sich aus dem Frust der Journalisten erklären, zu viele Informationen in den Mainstream-Nachrichten nicht unterbringen zu können, es mag oft aber auch geschicktes Marketing oder einfach eine gute Taktik sein.

Profi-Blogs: Ventil, Werbung, Propaganda?

Kevin Sites etwa, CNN-Korrespondent im nördlichen Irak, weist in seinem professionell produzierten Blog einerseits deutlich darauf hin, wer er ist und für wen er arbeitet, distanziert sich aber zugleich und macht klar, dass sein Blog ein rein privates sei: Das ist nicht zuletzt für CNN gut, denen zu oft vorgeworfen wird, zu nah an den offiziellen Sprachregelungen zu kleben, und die zudem als erste erfahren mussten, dass jede Berichterstattung über das von irakischer Seite verordnete Maß hinaus zur Ausweisung der Korrespondenten führen kann.

Anders als im Golfkrieg von 1991 ist CNN nun nicht der letzte Sender in Bagdad, der dort noch ausharrt, sondern der Erste, der gehen musste. Wie gut, dass man vorher einen Deal mit dem US-Militär gemacht hatte, dessen Vormarsch aus der propagandawirksamen Panzer-Perspektive zu dokumentieren.

Egal ob CNN nun selbst hinter dem Kevin Sites Warblog steht oder nicht: Der Tagebuch-schreibende Angestellte liefert zur Zeit die menschliche Perspektive zur technisch-martialisch geprägten "Hurra, wir kommen"-Newsschiene. Das ist gut so, denn Sites ist garantiert echt, und er ist näher dran als viele andere. Schade, dass ihn am Freitag jemand mit einem Maulkorb einfing: Als CNN in Bagdad die Koffer packen musste, zog man auch bei der Website des meinungsfreudigen Sites den Stecker. Der plant nun - die viel versprechenden Logzahlen im Sinn - offenbar schon die Fortführung des Warblogs in Buchform.

Glaubwürdig ist, was den richtigen "Spirit" hat

Dass Blogging ein attraktives Format für die Präsentation der eigenen, subjektiven Perspektive ist, hat auch die BBC begriffen. Bei der "alten Tante" finden sich die "War-Diaries" der Korrespondenten ganz geradeaus auf der Newsseite. Zyniker glauben, dass professionelle vom eigen-engagierten Weblog schon daran unterscheiden zu können, wie viel originäres Gefühl herüberkommt. Die BBC-Korrespondenten geben sich da kühl.

Der Trend zur Berichterstattung von unten wurde auch vom Pentagon nicht verschlafen. Ob und in welchem Maße das US-Verteidigungsministerium Pro-Kriegs-Warblogs mit Informationen füttert, ist nicht bekannt: In freier Wildbahn sind die allerdings in etwa so häufig wie Wolpertinger.

Zumindest eine Website ist jedoch seit langem als angeblich "ehrenamtliche" Dokumentation des Afghanistan-Krieges durch einen US-Soldaten bekannt. "L.T.Smash" berichtet "live from the Sandbox", was sich in aller Regel auf kernig-patriotische Parolen beschränkt und mehr über soldatischen Humor, als über die Lage vor Ort aussagt: John Wayne lässt grüßen. Zurzeit scheint der angeblich einfache Reserveoffizier mit einem Ohr im Irak zu sein, mit dem anderen am Hindukusch.

Schön, dass ein einfacher, gerade erst wieder eingezogener Reservist so viel erfährt und das dann publikumswirksam allabendlich über seine Website erzählen darf. Das ist die viel beschworene Transparenz einer modernen Armee: Wir drücken Mister Smash die Daumen, dass ihm kein Sand in die Tastatur des Laptop weht. Übrigens: Alles läuft zurzeit prächtig, an allen Fronten. Schreibt er.

Warblogging ist gelebte Skepsis

Viel Chancen, mit solchen Seiten viel Wirkung zu erzielen, hat Herr Smash wohl kaum - gute Log-Statistiken hin oder her. Echtes Warblogging entsteht auf Leser- wie Schreiberseite aus dem Gefühl, über die herkömmlichen Newskanäle nicht hinreichend informiert zu werden. Was manche Blogger aus diesem Antrieb heraus mitunter auf die Beine stellen, ist beachtlich.

Keine professionelle Medien-Website schafft es, eine solche Vielzahl von medialen und privaten Quellen nonstop zu beobachten und die Informationen zu bündeln, wie die wirklich guten Blogs. Mit Warblogging.com und Warblogs.cc entstanden binnen Tagen echte Übersichtsseiten, die nicht nur den Weg zu viel versprechenden Warblog-Quellen erschließen, sondern auch versuchen, eine permanente Beobachtung der Medien zu gewährleisten.

Die letzten Freitag gemeldete Eroberung von Umm Kasr entpuppte sich als Propaganda-Mär: Die Hafenstadt ist noch immer nicht völlig unter Kontrolle
REUTERS

Die letzten Freitag gemeldete Eroberung von Umm Kasr entpuppte sich als Propaganda-Mär: Die Hafenstadt ist noch immer nicht völlig unter Kontrolle

Mitunter entsteht schon aus dieser Synopse verschiedener Nachrichtenquellen eine neue Perspektive: Weil verschiedene Medien ein und dieselbe Nachricht anders interpretieren, gewinnt der Blog-Leser an Überblick und Deutungsmöglichkeiten. Genau das sucht er dort, was für die inhaltliche Ausrichtung der bei weitem meisten Warblogs starke Konsequenzen hat: Warblogging ist gelebte Skepsis. Wer den herkömmlichen Nachrichtenquellen einfach glaubt, verirrt sich eher selten dorthin.

Entsprechend mischen sich in den Quellensammlungen der Warbloggs offizielle Militär- und Regierungsquellen beider Kriegsseiten mit Nachrichtenagenturen, Zeitungen und TV-Kanälen, mit alternativen News-Strukturen wie Indymedia oder den Newsseiten der Hilfsorganisationen bis hin eben zu den tatsächlichen oder angeblichen Augenzeugen.

Weil das so ist, entwickeln sich die Warbloggs derzeit zum Nachrichten-Netzwerk der Oppositionsbewegung gegen den Krieg. Nirgendwo finden sich bessere und lebendigere Berichte auch von der "Heimatfront": Als in den USA Demonstranten zu verhaftungswürdigen Verkehrsbehinderern wurden, verbreiteten sich ihre Erzählungen schnell über das Blogging-Netzwerk im Internet.

Genau da liegt die Chance der Weblogs: Mit ihnen erlebt im immer kommerzieller geprägten Internet die informelle, freie Kommunikations- und Nachrichtenplattform ihr Revival. Ob immer alles echt und wahr ist, lässt sich von den Blogs so wenig sagen wie von den abendlichen Fernsehnachrichten.

  • 1. Teil: Ganz andere Kriegsnachrichten
  • 2. Teil: Im zweiten Teil: Nachrichten, völlig anders: Privatleute sammeln, tragen zusammen, vergleichen und kommentieren. Profis erzählen online mehr, als sie vor der Kamera können oder dürfen. Und natürlich versucht auch der Propaganda-Apparat, das Blog für sich zu nutzen. Weiter...
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