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Warchalk: Mit Kreidezeichen ins Web

Von Mario Gongolsky

Quasi über Nacht tauchten in London merkwürdige Symbole auf zahllosen Hauswänden auf. Was soll das? Und warum verbreiten sie sich in Windeseile um die Welt? Die Antwort heißt WLAN.

Cartoon von "Goopymart": "Warchalk" findet bereits Eingang in die Pop-Kultur
goopymart

Cartoon von "Goopymart": "Warchalk" findet bereits Eingang in die Pop-Kultur

Sogar die Presse war vorübergehend ratlos. Doch im Gegensatz zum Auftauchen der mystischen Kornkreise durfte der Geheimdienst Ihrer Majestät diesmal zu Hause bleiben. Es handelt sich um so genannte Warchalk-Symbole, die anzeigen, an welchen Stellen sich die kleine Ausleuchtzone eines Wireless-Internetzugangs befindet. Im Handstreich haben Computerfreaks die britische Hauptstadt mit freien Internetzugängen durchsetzt, die jeder Laptop- und Handheldbesitzer mit einer Funk-LAN-Karte nutzen kann.

Nach einem opulenten Abendessen erzählte Matt Jones, 30, ein gefragter Londoner Webdesigner, seinen Freunden über eine Internet-Performance im Hof einer Londoner Architekturschule. Dort standen den Teilnehmern und Besuchern vorübergehend Wireless-LAN-Zugänge zur Verfügung. Wenn jeder seinen Wireless-Internetzugang zur Verfügung stellen würde, so sein Gedanke, käme man wohl in halb London mit der Funk-LAN-Karte ins Netz. Ob sich ein Zeichen verabreden ließe, um Eingeweihte zu informieren, wo ein Hot-Spot benutzt werden kann?

Hobo-Zeichensprache

Als Designer und Betreiber eines gut besuchten Weblogs und mit Kontakten in die Londoner Szene war Matt Jones wahrhaftig kein schlechter Inkubator für diese Idee. Also setzte er sich noch am gleichen Abend an seinen Rechner, um einen Zeichenentwurf zu fertigen. Bei seiner Symbolik orientierte er sich an der Hobo-Zeichensprache: In den USA der Dreißigerjahre reisten vornehmlich junge Männer illegal mit Zügen durch die USA, immer auf der Suche nach Gelegenheitsjobs.

Diese "Zugsurfer", wie man sie heute wohl nennen würde, entwickelten ihre eigene Zeichensprache, um nachfolgenden Kollegen den Weg zu Arbeit, Essen oder spendablen Bewohnern zu weisen. Üblicherweise wurden diese Symbole mit Kreide auf Wände gemalt. Perfekt, dachte Jones, denn Kreidezeichen stellen keine Sachbeschädigung dar. Der Zeichenentwurf ist einprägsam: Zwei gegeneinander stehende Halbkreise weisen auf einen offenen Funkknoten hin, ein geschlossener Kreis zeigt einen geschlossenen Node an und ein "W" im geschlossenen Kreis erläutert, dass der Funkknoten seine WEP-Verschlüsselung aktiviert hat.

Einfache Symbolik: Matt Jone' ursprünglicher "Warchalk"-Code kam mit drei Symbolen aus

Einfache Symbolik: Matt Jone' ursprünglicher "Warchalk"-Code kam mit drei Symbolen aus

Kriegskreide?

Sein Weblog erweiterte Jones um das Kapitel "Warchalk". Während man das unbefugte Eindringen in drahtlose Netzwerke beim Vorüberfahren als "Wardrive" bezeichnet, ist "Warchalk" (wörtlich Kriegskreide) eine gelungene analoge Bezeichnung für die Ausschilderung von Wireless-LAN-Spots. Zusätzlich informierte er eine handvoll Freunde per E-Mail von seiner Kennzeichnungsidee.

Binnen weniger Tage waren seine Kreidezeichen stadtbekannt, und kaum eine Tageszeitung kam umhin, die Bürger über die Bedeutung der merkwürdigen Kreidesymbole zu unterrichten.

Jones: "Ein völliger Wahnsinn!" Der Erfinder der Warchalks ist von der durchschlagenden Wirkung seiner Idee völlig überrollt worden. Überall in der Stadt laufen die Freaks nun mit Laptops und Handhelds umher, um neue Spots auszuprobieren. "An jeder Ecke Kreidezeichen."

Zudem erfahren die Warchalk-Symbole rasch sinnvolle Erweiterungen, die sich in gleicher Geschwindigkeit verbreiten, wie der Grundentwurf. Nicht nur in Großbritannien ist das Warchalk-Fieber ausgebrochen. In Montauban (Frankreich) hat man die Zeichen ebenso übernommen wie in Los Angeles.

Die LAN-Guerrilla kreuzt BT-Pläne

"Not amused" dürfte einzig die British Telecom sein. Die plant nämlich den Aufbau von 4000 großzügig bemessenen WLAN-Hot-Spots. Den Anfang mache das Hilton am Flughafen Heathrow, in den letzten Wochen kamen noch zwei Spots in der Londoner City hinzu. Die Geschäftsidee dahinter trägt den Namen OpenZone.

Jeder Besitzer eines Funk-LAN-fähigen Laptops kann sich Online-Zeit kaufen und in den Spots absurfen. Der ehrgeizige Plan sieht 20 Spots bis August 2002, 400 Spots bis zum Juni kommenden Jahres und 4000 Spots bis zum Jahr 2005 vor. Laut Presseabteilung hält die BT übrigens an ihren Plänen unverändert fest.

Weil Anwendungen im 2,4-GHz-Frequenzbereich der Wireless-LAN-Gateways nicht für die kommerzielle Nutzung vorgesehen waren, musste der Telekommunikationsriese erst noch auf eine Änderung der Nutzungsmöglichkeiten warten. In der Zwischenzeit schossen in London freie Funkzugänge wie Pilze aus dem Boden.

Frei und unkommerziell heißt aber nicht zwingend legal: Die weitaus meisten kreidemarkierten Funk-Nodes werden ohne Wissen und Zustimmung ihrer Betreiber benutzt. Was die "Warchalker" nicht daran hindert, epidemisch zur internationalen Bewegung anzuwachsen.

Also Augen offen! Die Kreidezeichen dürften bald auch Deutschland erobern.

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