Kriminalität im Netz Das Darknet ist besser als sein Ruf

Der Attentäter von München kaufte seine Waffe im Darknet. Doch ein Hort des Bösen ist es deshalb noch lange nicht. Das "dunkle Netz" könnte in Zeiten der Überwachung sogar das bessere Internet werden.

Netzwerk-Kabelstecker
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Glaubt man so manchem deutschen Politiker, ist Darknet ein Synonym für einen dunklen Ort des Bösen, der ausgeleuchtet, besser noch verboten gehört. "Es darf doch wohl nicht wahr sein, dass man sich jede Waffe dieser Welt durch anonymes Surfen im Internet beschaffen kann", zeterte CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl. "Wir können im Rechtsstaat keine Inseln der Rechtlosigkeit tolerieren", sagte Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann von der CDU zwei Tage später.

Vergangenen Sonntag war bekannt geworden, dass der Amokschütze von München sich seine Tatwaffe, eine Glock 17, übers Darknet besorgt haben soll. Das lenkte wieder einmal die Aufmerksamkeit auf die klandestine, nicht einmal sonderlich große Nische im Netz, von der viele Bürger fast ausschließlich im Zusammenhang mit Drogenhandel und Kriminalität etwas mitbekommen.

Ein aktueller Lagebericht des Bundeskriminalamts (BKA) zu Cybercrime beschreibt eine "zunehmende Verlagerung von Delikten aus der analogen in die digitale Welt". Auf eine Nachfrage zur Bedeutung des Darknets ergänzt das BKA: "Wir stellen fest, dass in den letzten Jahren innerhalb des Darknets eine Vielzahl von kriminellen Handelsplattformen gegründet wurden, die dem Modell der legal zugängigen Onlinemarktplätze folgen." Es gebe "eine breit gefächerte Auswahl" an Illegalem zu kaufen.

Darknet wird auch für Deutschland wichtiger

Richtig ist: Ein Darknet bietet aufgrund seiner Architektur deutlich mehr Anonymität, als das offene Internet (siehe Infokasten weiter unten). Dieser virtuelle Hinterraum für Eingeweihte lockt auch Kriminelle. Doch Darknets sind auch ein wichtiges Werkzeug für Oppositionelle und Aktivisten in autoritären Regimen, für Whistleblower, für Journalisten und für Menschen, die sich überwacht fühlen, wenn sie ihren normalen Browser öffnen. Das "dunkle Netz" ist deshalb weit besser als sein Ruf.

"Das Darknet ist das Internet, wie man es sich eigentlich wünschen würde. Ein Netz ohne Zensur und Überwachung, mit all seinen Vor- und Nachteilen", sagt Linus Neumann, ein Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC). Dass in der deutschen Debatte die Darknet-Kriminalität so eine große Rolle spielt, hängt laut Neumann auch damit zusammen, dass man in einer relativ freien Gesellschaft lebt. "In einem Land wie China landest du schneller im Darknet, weil du deine Kommunikation stärker schützen musst."

Die Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen (ROG) weiß, wie wichtig die Darknet-Kommunikation in Ländern wie Syrien oder Iran ist, in denen man mit freier Meinungsäußerung im Netz vorsichtig sein muss. Darknets seien trotzdem kein Thema, das nur weit entfernte Länder betreffe, sondern gerade auch für Deutschland relevant, sagt ROG-Geschäftsführer Christian Mihr.

"Auch hier wird das Internet immer mehr überwacht", sagt Mihr. "Und wir haben in vielen anderen Ländern schon gesehen: Mit zunehmender Überwachung steigt die Zahl derer, die die Anonymität von Darknets schätzen lernen."

Dass sich in Darknets auch Illegales abspiele, ist Mihr klar. In Deutschland sei das per Tor erreichbare Darknet vor allem ein Umschlagplatz für Drogen. "Aber wenn wir eine freie und pluralistische Gesellschaft wollen, muss es auch Orte wie das Darknet geben können. Wir haben ein Recht auf anonyme Kommunikation", sagt er. "Das Darknet ist ein Ort, der alles hat, was es in der normalen Welt auch gibt - mit besonders extremen Ausschlägen an den Rändern." Eine Gleichsetzung von Darknet und Kriminalität hält Mihr deshalb für "brandgefährlich".

Bemerkenswert unaufgeregt: das BKA

Annegret Falter meint, dass das Darknet auch für Whistleblower wichtig ist, also für Menschen, die auf Missstände in Unternehmen oder Behörden aufmerksam machen wollen. Die Vorsitzende des Vereins "Whistleblower Netzwerk" kritisiert, dass es in Deutschland nach wie vor keinen gesetzlichen Whistleblower-Schutz gebe. "Vielmehr werden Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit zunehmend bedroht durch neue gesetzliche Regelungen wie die zur Vorratsdatenspeicherung oder Datenhehlerei."

Solche Regeln könnten dazu führen, dass Whistleblower oder Journalisten eingeschüchtert werden - über das Darknet hingegen könnten Hinweisgeber anonym Datensätze hochladen. Falter rät Whistleblowern angesichts der schlechten Rechtslage sogar dazu, das Darknet zu benutzen.

Bemerkenswert unaufgeregt ist in der aktuellen Debatte um das Darknet bislang das BKA geblieben. Es führt derzeit 85 Verfahren wegen möglichen Waffen- und Sprengstoffhandels im Darknet. Fünf illegale Plattformen seien 2015 in Deutschland aus dem Verkehr gezogen worden, dank einer international angelegten Polizeiaktion, sagte BKA-Präsident Holger Münch diese Woche in Wiesbaden.

Viele Nutzer machen Fehler, die die gewünschte Anonymität gefährden. Ermittler nutzen das aus und enttarnen Händler oder Kunden, die sich im Darknet sicher glaubten. Am Donnerstag erst hat das Landgericht Heidelberg einen Sportschützen zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hatte im Darknet illegal mit Waffen gehandelt.

BKA-Chef Münch bewerte die Bedeutung des "dunklen Netzes" beim Thema Waffenbeschaffung insgesamt zurückhaltend, heißt es. Auch er teile die Auffassung, dass das Darknet für die Kommunikation von Dissidenten wichtig sei, sagte er in Wiesbaden.

Und sogar aus dem Innenministerium kamen zuletzt vergleichsweise besonnene Töne: Dessen Sprecher Tobias Plate sagte, das Darknet an sich sei "weder gut noch böse" - sondern neutral.

Was ist das Darknet?
Was ist mit Darknet gemeint?
Wer im Internet surft, öffnet seinen Browser und kann dann Webseiten wie www.spiegel.de besuchen - oder er googelt Inhalte. Das Darknet, das "dunkle Netz", kann man sich demgegenüber als virtuellen Hinterraum vorstellen, der schwerer zu erreichen und anders gebaut ist als das offene Internet.

Dort gibt es keine zentralen Server. Stattdessen verbinden sich viele einzelne Computer zu Netzwerken. So entstehen exklusive Kreise, die Nutzer nicht einfach per Google-Suche finden. Es gibt also nicht nur ein Darknet, sondern viele solcher Netzwerke. Sie arbeiten unterschiedlich, aber das Ziel ist immer: Die Nutzer sollen anonym bleiben können. Die Daten in den Darknets werden in der Regel verschlüsselt übertragen, deshalb ist das Darknet schwer zu überwachen.

Doch auch dort gibt es Dinge, die Nutzer des World Wide Web (WWW) kennen dürften: Chaträume, soziale Netzwerke und Online-Shops voll illegaler Angebote, die zum schlechten Ruf beitragen.

Wie komme ich ins Darknet?
Wer in ein Darknet gelangen möchte, kann das nicht mit einem herkömmlichen Browser. Der dunkle Teil des Netzes ist nur über spezielle Software zu erreichen. Je nach Darknet ist der Zugang unterschiedlich kompliziert.

Das wohl bekannteste Darknet ist über den sogenannten Tor-Browser erreichbar. Viele nutzen ihn, um auch beim Surfen im WWW anonym zu bleiben. Tor nutzt dafür eine Technik namens "Onion Routing".

Anfragen werden dabei auf wechselnden Routen über verschiedene Server umgeleitet, die jeweils nicht das eigentliche Ziel kennen. Nach dem Passieren verschiedener Stationen gelangt die Kommunikation über einen Exit-Knoten wieder ins Netz. Sender und Empfänger sollen so anonym bleiben. In der Vergangenheit sind dennoch immer wieder Tor-Nutzer enttarnt worden.

Vom WWW abgesehen, kann man mit den Tor-Browser Seiten aufrufen, auf die man mit normalen Browsern keinen Zugriff hat. Im Darknet existieren nämlich sogenannte Hidden Services. Das sind in der Regel anonym betriebene Webseiten und Server, die nicht über die IP-Adresse oder eine klassische Adresse wie google.de oder spiegel.de angesteuert werden. Hidden-Service-Adressen enden auf .onion und bestehen aus langen Zahlen- und Buchstabenkombinationen. Derzeit gibt es über 50.000 .onion-Adressen. Um sich zurechtzufinden, gibt es für Interessenten an den Seiten unter anderem eine Art Wikipedia zur Übersicht.

Wer benutzt das Darknet?
Das per Tor erreichbare Darknet hat einen ziemlich schlechten Ruf als Ort für Kriminelle. Dabei ist der vermeintlich dunkle Teil des Netzes nicht illegal - zumindest solange nicht, bis man dort etwas Illegales tut.

Auf großen Darknet-Markplätzen werden allerdings viele illegale Geschäfte abgewickelt. Die 2013 geschlossene Silk Road war so ein Ort. Waffen- und Drogenhändler und auch Pädophile nutzen die technischen Möglichkeiten durchaus für ihre Zwecke.

In den Online-Shops können Kunden und Händler nur schwer belangt werden, bezahlt wird auf Darknet-Marktplätzen oft mit der Krypto-Währung Bitcoin. Um Bitcoin zu bekommen, gibt es gesonderte Onlinebörsen, wo man sein Geld in die Krypto-Währung umtauschen kann.

Doch die Anonymität, die ein Darknet bietet, ist auch ein Segen für Menschen in autoritär regierten Ländern, die sich vor Überwachung durch das Regime schützen wollen. Chinesische Dissidenten benutzen Darknet-Netzwerke genauso wie Journalisten oder Whistleblower. Auch viele ganz normale Webseiten haben Tor-Adressen, Facebook zum Beispiel ist unter https://facebookcorewwwi.onion/ zu erreichen.

Ist das Darknet das Gleiche wie das Deep Web?
Die Begriffe Darknet und Deep Web werden häufig synonym verwendet. Streng genommen gibt es zwischen Dark- und Deep Web aber einen Unterschied: den Zugangsweg. Deep-Web-Seiten lassen sich über einen normalen Browser aufrufen, Darknet-Seiten nicht.

Wenn man sich einen Eisberg vorstellt, ist das WWW die sichtbare Spitze über Wasser. Unter Wasser gibt es aber noch einen großen anderen Bereich: das Deep Web. Man findet es, wenn man weiß, wie man hinkommt.

Auch das Deep Web wird nicht nur für illegale Sachen genutzt: Große Teile des Deep Webs sind sogar unspektakulär und bestehen zum Beispiel aus riesigen Informationsdatenbanken, passwortgeschützten Seiten und solchen, die nicht für Suchmaschinen gelistet sind und die bei einer Suche folglich nicht angezeigt werden.

Kann man eine Seite also mit einem normalen Browser und ohne Zusatzsoftware öffnen, liegt sie vielleicht im Deep Web, aber nicht im Darknet.

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
Bueckstueck 30.07.2016
1. Natürlich ein Mann von der CSU
CSU-Spitzenleute sind immer ganz vorne mit dabei, wenn es gilt Unwissenheit verpackt in Hysterie zu demonstrieren.
dirk1962 30.07.2016
2. Illegale Seiten gibt es auch im Internet
Dazu eine entsprechende Verschlüsselungs Software und der Effekt ist ähnlich. Verbietet deshalb jemand das Internet? Die Äußerungen der Politik zu dem Thema ist nichts weiter als die üblichen Ahnungslosigkeit was Technik angeht. Ausserdem wird übersehen, dass sich jeder eine Waffe viel einfacher besorgen kann. Gegen Bargeld hinter vielen Bahnhöfen. Diese deshalb gleich auch abreißen? Das Darknet hat seine Berechtigung für jeden, der sein Privatleben weder mit der Polizei, noch mit Geheimdiensten teilen möchte.
Alias Alias 30.07.2016
3. Hat das Dark Net einen schlechten Ruf?
Ich glaube das nicht.
Halfstep 30.07.2016
4. Unaufgeregte Schlapphüte lesen mit
"Bemerkenswert unaufgeregt ist in der aktuellen Debatte um das Darknet bislang das BKA geblieben." Warum bemerkenswert? Dass Geheimdienste und sonstige Aufklärer schon lange ein Teil des Darknets sind, sollte ja wohl auf der Hand liegen.
rkinfo 30.07.2016
5. Darknet, Spam, Viren ... Muss das weiterhin sein ?
Das Internet wird von 1% der Nutzer mißbräuchlich verwendet um 99% der Anderen zu schädigen. Wieso sollen wir diese Illegalität ausbaden ? Man sollte die Kommunikation über dunkle Kanäle beenden und nur noch legale und seriöse Verbindungen erlauben. Die Kommunikation für vertrauliche Dinge läuft dann vielleicht wieder über Brieftauben. Wobei die Texte ggf. gemäß Grundrechten geschützt sind im Unterschied zur email. Neustart des Internet als Hochsicherheitsanwendung, was in Kombination mit persönlichem Schutz risikofrei surfen lässt. Bem: Router haben teils desaströse Sicherheit und das kann nur ein gesichertes Internet kompensieren.
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