Lobo an deutsche Trump-Fans Ihr habt Demokratie nicht richtig verstanden!

Auch in Deutschland gibt es Menschen, die Donald Trump glühend verteidigen. Wer ihre Argumentation in den sozialen Netzwerken analysiert, erkennt schnell Parallelen zu einer hiesigen Bewegung.

US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump
AFP

US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump

Eine Kolumne von


Der nicht unbedingt unterberichtete Newskomplex Donald Trump stößt in sozialen Medien regelmäßig auf Verwunderung, Verstörung oder offen antiamerikanische Herablassung. Wie können bloß so viele Amerikaner Trump unterstützen, selbst wenn er nicht gewählt werden sollte?

Das ist in der Tat eine Frage, auf die eine Reihe bestürzender Antworten gegeben werden kann. Sie lässt allerdings ein relevantes Detail unberücksichtigt. Es gibt nämlich auch in Deutschland überraschend viele Trump-Fans. Wenn man unter "Fans" auch diejenigen versteht, die sich noch immer dazu berufen fühlen, Trump zu verteidigen.

Nachdem ich vor einiger Zeit auf Facebook einen Kommentar über die Unvergleichbarkeit von Trump mit Clinton schrieb und dabei mit Trump-Fans konfrontiert wurde, habe ich mir deren Äußerungen an vielen Stellen im Netz angesehen. Das ist einfach, unter vielen Facebook-Postings großer Medien zum Thema findet sich eine Anzahl solcher Leute. Natürlich handelt es sich bei diesem Artikel nicht um eine nach sozialwissenschaftlichen Kriterien repräsentative Arbeit, sondern um eine punktuelle Einschätzung. Trotzdem halte ich sie für aufschlussreich, wenn man sie in den Kontext der politischen Lage stellt.

"Na und, Trump ist wenigstens ehrlich - nicht wie dieser chronisch lügende Putenhals samt Familie."

Es lässt sich objektiv feststellen, dass Donald J. Trump lügt wie niemand sonst in der politischen Öffentlichkeit. Und doch ist eine häufige Empfindung der Trump-Unterstützer, er sei "wenigstens ehrlich". Man kann dazu einen der genialsten politischen Cartoons von Paul Noth verlinken ("He tells it like it is"). Aber hier verbirgt sich noch eine andere Wahrheit. Denn für Trump-Fans funktionieren politische Aussagen nicht als messbare Fakten, sondern als Identifikationsmuster und zur Selbstdarstellung. Es geht ihnen nicht darum, ob Sätze nach objektiven Kriterien wahr sind, sondern ob sie ihr Weltempfinden stützen und sie damit zeigen können, wie sie sich selbst sehen.

Trump-Fans definieren "ehrlich" nicht als "sagt faktische Wahrheiten", sondern als "spricht aus, was ich fühle und denke". Deshalb sind (deutsche) Trump-Fans davon überzeugt, Trump sei ehrlich. Der zweite, frauenfeindliche Teil des obigen Satzes deutet auf ein weiteres Merkmal dieser Gruppe hin, das sich in diesen Teilzitaten zu den vor Frauenverachtung triefenden "Trump Tapes" spiegelt:

"So reden MÄNNER nunmal untereinander […] das sind waschechte MÄNNERGESPRÄCHE! Die Frauen brauchen sich gar nicht mal so anstellen, weil wir nun mal so sind!!!!!!"

"Vegan verschwulte deutsche Männer empört euch und lasst eurer femininen Seite freien Lauf […] Kein Wunder dass deutsche Frauen kaum noch Familien gründen wollen."

Es wird beim Studium der Beiträge deutscher (und auch anderer) Trump-Fans deutlich, dass latente bis völlig offene Misogynie ein, wenn nicht das wesentliche Identifikationsmerkmal darstellt. Die beiden Zitate von Trump-Verteidigern deuten auf etwas hin, das von Feministinnen "Fragile Masculinity" genannt wird, "zerbrechliche Männlichkeit".

Ein auf traurige Weise verletzliches Selbstbild

Tatsächlich ist die Verteidigung von Trumps sexuellen Übergriffen ja nicht nur offen frauenfeindlich. Sie offenbart auch ein auf traurige Weise verletzliches Selbstbild durch den Wunsch nach lautstarker, heftiger Abgrenzung von "vegan verschwulten" Männern und von Frauen, die sich "so anstellen". Sich persönlich angegriffen zu fühlen, ist selten ein Zeichen der Stärke. Die Großschreibung "MÄNNER" und der Schrei "weil wir nun mal so sind", begleitet von sechs Ausrufezeichen, entspricht dem Aufstampfen eines Mannes, der seinen Wesenskern in Frage gestellt sieht.

Viele Fans scheinen Trump deshalb gegen Kritik zu verteidigen, weil sie sich in ihm gern wiedererkennen würden, ein berühmter Milliardär, der Frauen so behandelt, wie sie es selbst gern täten. Daher stammt der bewundernde Unterton. Dass aber gerade Kommunikation eine zentrale Rolle spielt - "So reden MÄNNER", "empört euch" - ist kein Zufall.

"Die Welt von heute braucht Menschen wie Trump… oder auch wie Putin oder Erdogan und ähnliche, die mal dem Political Correctness Schwachsinn ein Ende setzen …!!!"

Vor einem halben Jahr habe ich analysiert, dass Trumps Erfolg als Gegenbewegung zum Konzept "Political Correctness" verstanden werden muss. Das ist auch bei deutschen Trump-Fans zu beobachten, die (wie viele andere auch) das Gefühl haben, man dürfe nicht mehr offen aussprechen, was man denkt. Es gibt dafür eine einfache Erklärung. "Aussprechen" war früher meist situative, private Kommunikation: Schall und Rauch. Mit den sozialen Medien aber haben sich Misch-Öffentlichkeiten gebildet, wo ein gefühlt privater Kommentar dokumentiert und faktisch für die Weltöffentlichkeit zugänglich wird.

Und weil ein größeres, diverseres Publikum erreicht wird als am Stammtisch, weil schnell greifende und eskalierende Empörungsmechanismen im Netz existieren - trifft das Gefühl wirklich zu. Es ist in Zeiten sozialer Medien schwerer, unwidersprochen, ohne Konsequenzen extremistisches Gedankengut auszusprechen. Die Frage ist, ob und ab welcher Intensität der Widerspruch kontraproduktiv wirkt oder aber in welchem Fall gesellschaftlich geboten ist - darum geht es Trump-Fans jedoch nicht. Sie haben die real zutreffende Empfindung, dass sie durch das Konzept "Political Correctness" nicht mehr ohne Widerspruch oder gar Konsequenzen ihre Gedanken äußern können. Was in vielen Fällen auf eine extremistische Haltung deuten kann. Oder eine illiberale, autoritäre. Weshalb es ebenso kein Zufall ist, dass im obigen Zitat Putin und Erdogan auftauchen.

"Hillary bringt WW3 zu 100%.. Trump eher nicht."

"Clinton steht für Krieg, gegen Iran und auch gegen Rußland. […] Trump hat angekündigt, die US-Truppen von der russischen Grenze und aus Syrien zurückzuziehen."

Nicht nur Trump selbst scheint eine bewundernde Nähe zu Wladimir Putin zu pflegen, auch die deutschen Trump-Fans scheinen überdurchschnittlich oft positiv von Putin eingenommen. Das geht einher mit der Überzeugung, dass "Killary Clinton" gar nicht abwarten könne, endlich einen atomaren Weltkrieg mit Russland anzuzetteln. Während Donald Trump als nationalistischer Isolationist völlig harmlos vor sich hinregieren würde. Diese Betrachtung erscheint - bei aller legitimen und notwendigen Kritik am politischen Oeuvre der Präsidentschaftskandidatin - in Sachen Clinton eine Idee übertrieben, während sie bei Trump hypernaiv alle Warnzeichen ausblendet.

Trumps Narzissmus, seine Egomanie, seinen Extremismus, seinen Nationalismus, seine Menschenfeindlichkeit, seine unkontrollierbare Impulsivität, seine Wutanfälle, seine Manipulierbarkeit, sein Unwissen, seine Simplifizierungen, seinen Hang zu radikalen Symbolhandlungen, sein verstörendes Interesse an Atomwaffen und deren Benutzung. Auch hier scheinen Trump-Fans nicht an Fakten, nicht einmal an Trumps eigenen Worten wirklich interessiert, sondern hören nur auf ihr eigenes Gespür. Und das sagt, dass die autoritäre Bande zwischen Trump und Putin einer Art Male-Bonding-Friedensvertrag gleichkäme.

"Trump tanzt nach keiner Pfeife. Deshalb die Hetze gegen ihn."

Schließlich findet sich immer wieder das Argument, Trump sei unabhängig, weshalb das politische Establishment und die böse Lügenpresse im Verein gegen ihn hetzen würden. Unberechenbarkeit lässt sich mit einer rosarotbraunen Brille und halbgeschlossenen Augen als eine Art Unabhängigkeit interpretieren. Den Kern stellt hier aber die inzwischen allgegenwärtige Kritik an der Berufspolitik dar: Sie diene nicht "dem Volk", sondern allen möglichen Interessengruppen. Das ist interessant - weil es stimmt, zumindest zu einem Teil. Hier liegt nämlich ein bisher selten beschriebenes, aber doch flächendeckendes Missverständnis vor, was genau Demokratie ausmacht. Und das sind nicht nur Wahlen, sondern eben auch Gespräche und Verhandlungen mit Interessengruppen.

Dass beim Begriff "Lobby" unterdessen der Klang von "Kannibalismus" mitschwingen mag, liegt natürlich auch am vielfachen Missbrauch dieses demokratischen Instruments, wo Politik sich anderen, manchmal verborgenen, egoistischen oder korrumpierenden Interessen gebeugt hat. Im Bereich Netzpolitik habe ich oft kritisch darüber geschrieben und werde es weiter tun.

Zur Demokratie aber gehört zwingend zivilgesellschaftliches Engagement von allen möglichen Interessengruppen, von Gewerkschaften über Aktivisten bis zu Branchenverbänden. Ein wirklich völlig unabhängiger, nach der Wahl nur nach eigenem Gutdünken entscheidender Politiker, der sich davon gar nicht beeinflussen ließe, wäre deshalb ein Demokrator, ein gewählter Diktator. Trump-Fans offenbaren daher auch, dass sie Demokratie über das Wahlkreuz hinaus nicht in der Tiefe verstanden haben. Oder verstehen wollen.

Weshalb es wenig verwunderlich ist, dass nicht nur Teile der AfD Trump verteidigen. Sondern auch, dass der vielleicht prominenteste deutsche Trump-Fan ein alter Bekannter ist. Lutz Bachmann. Ja, passt.



insgesamt 232 Beiträge
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Seite 1
MatthiasPetersbach 12.10.2016
1.
Nun, ist es nicht eher nicht so, daß man sich da drüben (nicht nur da drüben:) eher zwischen Pest und Cholera entscheiden muß? Und daß man dann die Entscheidung eben irgendwie begründet - und sei es auch mit eher suboptimalen "Argumenten". Tut mir leid - ich halte die Frau Clinton für unwählbar und für die größte Gefahr für die ganze Welt seit Jahrhunderten. Das zu unterbieten, fällt eben selbst Herrn Trump schwer. Aber als Europäer MUSS ich da glücklicherweise keine Meinung haben.
unzensierbar 12.10.2016
2. Missverständnis
In einem demokratischen Diskurs haben Branchen, Unternehmen und Reiche nichts zu suchen. Demokratie ist nach Bedeutung die Herrschaft des Volkes. Egal wie man das jetzt auslegen will, riesige Unternehmen und Reiche sind nicht das Volk.
hardeenetwork 12.10.2016
3. Trump und AfD
... haben eines Gemeinsam. Sie gehören beide nicht ins 21.Jahrhundert, sondern bedienen sich einer verträumt, diffusen Vergangenheit, welche glücklicherweise weit zurück liegt. Fehlende oder vergessene Bildung mischt sich dazu und eine Wut, welche sich aus eigener Unfähigkeit speist.
Tschirio 12.10.2016
4. Warum...
Zitat von MatthiasPetersbachNun, ist es nicht eher nicht so, daß man sich da drüben (nicht nur da drüben:) eher zwischen Pest und Cholera entscheiden muß? Und daß man dann die Entscheidung eben irgendwie begründet - und sei es auch mit eher suboptimalen "Argumenten". Tut mir leid - ich halte die Frau Clinton für unwählbar und für die größte Gefahr für die ganze Welt seit Jahrhunderten. Das zu unterbieten, fällt eben selbst Herrn Trump schwer. Aber als Europäer MUSS ich da glücklicherweise keine Meinung haben.
...halten Sie Frau Clinton für unwählbar. Selbst wenn ich mal alles Negative bei Ihr zusammensammle was ich so im Hinterkopf habe, dann ist sie allenfalls eine schlechte Präsidentschaftskandidatin. Trump dagegen ist ein weltweites Risiko. Die Einschätzung des Spiegel-Kommentars teile ich dabei. Also, warum glauben Sie, dass Trump weniger schlecht ist als Clinton?
muellerthomas 12.10.2016
5.
Zitat von MatthiasPetersbachNun, ist es nicht eher nicht so, daß man sich da drüben (nicht nur da drüben:) eher zwischen Pest und Cholera entscheiden muß? Und daß man dann die Entscheidung eben irgendwie begründet - und sei es auch mit eher suboptimalen "Argumenten". Tut mir leid - ich halte die Frau Clinton für unwählbar und für die größte Gefahr für die ganze Welt seit Jahrhunderten. Das zu unterbieten, fällt eben selbst Herrn Trump schwer. Aber als Europäer MUSS ich da glücklicherweise keine Meinung haben.
Weshalb nun ist Clinton Ihrer Meinung nach gefährlicher als Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot,...?
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