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Soziologe im Interview: Buddeln in Facebooks Datenschatz

Facebook-Logo in schwedischem Rechenzentrum: Über 4,74 Ecken oder weniger sind alle Nutzer miteinander verbunden Zur Großansicht
AFP

Facebook-Logo in schwedischem Rechenzentrum: Über 4,74 Ecken oder weniger sind alle Nutzer miteinander verbunden

Cameron Marlow ist der Haussoziologe von Facebook. Der gewaltige Datenschatz des sozialen Netzwerks ist sein Forschungsmaterial. Im Interview erzählt er von der Anatomie der Facebook-Gesellschaft - und von Stalking-Vorwürfen gegen sein Team.

Cameron Marlow ist der Haussoziologe von Facebook. Marlow hat am Massachusetts Institue of Technology promoviert. Das Data-Team des Unternehmens hat vor zwei Jahren erstmals das komplette Netzwerk analysiert und eine Studie über die Anatomie von Facebook vorgestellt. Die Fragen stellte Tobias Moorstedt.

Frage: Der Wissenschaftler Robin Dunbar behauptet, der Mensch könne 150 soziale Kontakte pflegen. Für mehr reiche die Rechenleistung unseres Gehirns einfach nicht aus. Gilt die sogenannte Dunbar-Zahl also auch im Internet?

Marlow: Unsere Studie zeigt, dass sich das Online-Sozialverhalten nur maximal wenig vom Offline-Sozialverhalten unterscheidet. In der realen Welt haben die meisten Menschen einen Kreis von engsten Freunden. Und auch Facebook-Nutzer, die mehr als 500 Freunde haben, pflegen nur zu einem Dutzend von diesen eine enge Beziehung und schreiben persönliche Nachrichten.

Frage: Kann ich in Ihrem Anatomieatlas sehen, über welche Ecken ich mit einem Fischer in Sibirien oder einem jungen Künstler in Mexiko-Stadt verbunden bin? Gibt es so etwas wie eine soziale Straßenkarte?

Marlow: Da muss ich sie enttäuschen. Die Studie besteht nicht aus tatsächlichen Karten, auf denen jeder Kontakt mit einer Linie symbolisiert wird. Diese Datenmassen würden auch die schnellsten Computer in hundert Jahren nicht bewältigen. Wir haben stattdessen mit Kollegen der Universität Mailand einen Algorithmus entwickelt, der die "Zahl der Ecken" statistisch bestimmt. Wie die 4,74 Ecken in Wirklichkeit aussehen, kann man sich ja bildlich vorstellen: Sie leben in der Großstadt, kennen vermutlich jemanden, der einen Russen kennt, der wiederum viele Verbindungen nach Moskau hat, wo auch ein paar Menschen aus Sibirien leben.

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Facebook-Daten: Wer spricht wann über was?
Frage: Tatsächlich stammt ein ehemaliger Mitbewohner von mir aus St. Petersburg. Gibt es so etwas wie "Superverbinder", die viele internationale Freunde haben und im Netz besonders wichtig sind?

Marlow: Nein, wir haben keine derartigen sozialen Drehkreuze gefunden. Tatsache ist, dass fast alle Nutzer ein paar Langstreckenfreundschaften haben. Gleichzeitig bestehen 84 Prozent aller Kontakte auf Facebook zwischen Menschen aus demselben Land. Soziale Netzwerke sind paradoxe Konstrukte: Sie bilden ein intimes, lokales, dichtes Netzwerk ab und erlauben es gleichzeitig, über wenige Ecken jeden Menschen auf der Welt zu erreichen.

Frage: Wie definiert der Haussoziologe von Facebook eigentlich Freundschaft?

Marlow: Manche Menschen finden ja, Facebook passe mit all seinen bunten Bildern, lustigen Spielen und vielfältigen Kommunikationskanälen nicht zum großen alten Wort Freundschaft. Aber ich denke, das Produkt verdeutlicht ganz gut, was es bedeutet, befreundet zu sein: nämlich den gegenseitigen Wunsch, mehr übereinander zu erfahren, Interessen und Zeit miteinander zu teilen.

Frage: Was hat Sie besonders überrascht?

Marlow: Man lernt oft Dinge, die den Blick auf die Welt verändern. Ein Beispiel ist eine Studie, die wir vor dem Valentinstag 2012 durchgeführt haben. Wir haben aktuelle Songlisten und Veränderungen im Beziehungsstatus der Nutzer analysiert und fanden so heraus, welche Musik die Menschen nach einer Trennung hören. Ich hätte auf traurige Songs von The Cure oder so getippt. Aber die meisten haben den Soundtrack der Vampirserie "Twilight" gehört. Aus diesem Anlass haben wir auch die romantische Dynamik auf Facebook untersucht. Von den 260 Millionen Nutzern, die seit 2008 mit anderen Facebook-Mitgliedern liiert waren, sind 65 Prozent noch mit ihrem ersten Partner zusammen - die anderen 85 Millionen Nutzer bilden ein dichtes Netz aus Partnern, Ex-Partnern und Ex-Ex-Partnern. Da ergeben sich manchmal sehr interessante Verbindungen, die "Links of Love".

Frage: Nicht alle Nutzer schätzen Ihre Arbeit. Auf der Profilseite des Data Team hat ein Nutzer geschrieben: "Verschwindet aus meinem Account, ihr verdammten Stalker."

Marlow: Ja, es gibt diese kernige Sprache, die auf Facebook gepflegt wird. Wir orientieren uns aber an den ethischen Richtlinien der Sozialforschung, anonymisieren Daten und holen uns, wenn nötig, eine Zustimmungserklärung der Nutzer. Wir sehen nur Zahlenreihen und Tabellen. In früheren Zeiten wurden die Menschen von Forschern und Hilfskräften zu Hause angerufen oder mussten unter Aufsicht Fragebögen ausfüllen - eigentlich ein größerer Eingriff in die Privatsphäre.

Frage: Wo liegen weitere Grenzen der Analyse von Facebook-Nutzerdaten? Was können Sie nicht über die Mitglieder und die Menschheit herausfinden?

Marlow: Zunächst einmal wissen wir nicht, wie Facebook sich zum Rest der Welt verhält. Es gibt einfach kein anderes soziales Netz dieser Größenordnung, mit dem wir unsere Ergebnisse abgleichen können. Ich kann also nur über unseren eigenen Kosmos sprechen. Und nie darüber, wie soziale Netzwerke im Allgemeinen die Welt verändern. Das ist manchmal recht frustrierend für einen Wissenschaftler.

Frage: Ihre Studien haben oft schöne Namen wie "Soziale Netzwerke und soziales Wohlbefinden", die auch als Werbeslogans taugen würden. Würden Sie auch Daten veröffentlichen, die Facebook als Quelle schlechter Einflüsse zeigen? Eine Studie über Network-Mobbing zum Beispiel?

Marlow: Die Leute wollen klare Aussagen: Das Internet ist gut oder böse, macht einsam oder beliebt. Facebook ist eine Technologie wie der Rundfunk oder der Verbrennungsmotor, deren Effekt von ihrem Gebrauch abhängt. Ich will Facebook nicht als Heilsbringer darstellen. Aber wir wollen wissen, unter welchen Bedingungen soziale Medien nützlich oder schädlich für Menschen sind. Die Antwort ist: Es kommt darauf an. Das mag langweilig klingen. Aber so ist Statistik.

Gekürzter Auszug aus dem Buch "Big Data. Das neue Versprechen der Allwissenheit", erschienen in der edition unseld bei Suhrkamp. Eine frühere Fassung des Interviews erschien 2012 unter dem Titel "Gefühle bleiben für unsere Computer ein Rätsel" im Heft 4/2012 der Zeitschrift "Neon".

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1. na klar ...
gherlt 31.12.2013
>und holen uns, wenn nötig, eine Zustimmungserklärung der Nutzer. irgendwo in den Nutzungsbestimmungen, verloren zwischen den Überlassen aller Nutzungsrechte und dem Verzicht auf jegliche Forderungen
2. Der einzige Grund,
tam_venceremos 31.12.2013
weshalb ich Facebook immernoch nutze (wohlgemerkt Fake-Name), ist dass man mit keinem anderen Medium mit derart vielen 'Freunden' über die verschiedenen Plattformen hinweg kommunizieren kann. Wenn man jemandem auf FB eine Nachricht schickt, erreicht er diesen entweder auf dem Handy oder dem PC, oder man schreibt es gleich auf die Pinnwand, sodass derjenige auch noch von anderen erinnert werden kann. Solch eine 'Zuverlässigkeit' gibt es einfach nirgendwo sonst.
3. Es ist schon komisch
Teddi 31.12.2013
dass die Leute sich irgendwie weigern zu kapieren, dass Internet & Co ganz einfach ein öffentliches Medium ist. Da kann man sich noch so viele Verschlüsselungen ausdenken, wie man will, irgendein Hacker wird den Code brechen, wenn er darauf erpicht ist. Darum schützt man sich am besten, indem man nichts in das Medium eingibt, das einem peinlich oder zu wichtig ist. Natürlich sollte auch hier das Brief- und Bankgeheimnis gesetzlich geschützt sein, aber ein "einbruch" ist immer möglich, genau wie ein örtlicher Banküberfall. Es ist meine Meinung, dass sich ein internationales Gremium bilden muss, das eine spezielle Gesetzgebung für die elektronische Kommunikation ausarbeitet, welcher sich alle beteiligten Länder unterwerfen. Aber den "totalen Schutz" wird es nie geben können, das liegt in der Natur dieses Mediums.
4. Fake-Account
gesternwarheutenochmorgen 31.12.2013
Gute Idee Facebook nur mit einer gefakten Identität zu nutzen. Das hilft auch wenn die App im Hintergrund den gesamten Smartphone- bzw. Rechnerinhalt kopiert. Tipp: Mal die Rechte überfliegen. Wenn der Mist erstmal installiert ist, ist es schon zu spät. Als erstes gehen Telefonstatus und Identität durch den Äther, gefolgt vom Telefonbuch mit allen Kontakten. Damit reißt man übrigens auch die mit rein, die sich diesem Mist bislang wirklich völlig entzogen hatten und nur das Pech hatten im Telefonbuch von so einem Experten zu stehen.
5.
asdfred 31.12.2013
Zitat von sysopAFPCameron Marlow ist der Haussoziologe von Facebook. Der gewaltige Datenschatz des sozialen Netzwerks ist sein Forschungsmaterial. Im Interview erzählt er von der Anatomie der Facebook-Gesellschaft - und von Stalking-Vorwürfen gegen sein Team. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/was-ein-forscher-mit-facebooks-datenschatz-anstellt-a-934893.html
Auch wenn ich es nicht benutze: Frau Merkel halten sie ihr Wahlversprechen und verbieten sie endlich dieses Facebook.
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