Was Google nicht zeigt Das zensierte Weltauge

Wie unabhängig ist Google? Auf Bitten der indischen Regierung zensiert der Online-Konzern Satellitenbilder strategisch wichtiger Objekte. Es ist nicht das erste Mal: Das scheinbar so vollständige Bild der Erde weist immer mehr Lücken auf.

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Das hat schon etwas atemberaubendes: Dieser strahlende blaue Ball im All, den uns Google Earth (GE) einige Sekunden gönnt, bevor die wilde Fahrt beginnt. Hinab, hinab geht es dann mit zunehmender Geschwindigkeit, Rücksturz zur Erde hätte Commander McLane vom Raumschiff Orion das genannt, ein schwindelerregendes Erlebnis. Dann bremsen wir ab, einige Kilometer über dem Ziel, beginnen zu gleiten - bis wir über unserem Ziel schweben.

Eben kein voller Überblick über die Erde: Google Earth weist zahlreiche gewollte blinde Flecken auf
Google Earth/SPIEGEL ONLINE [M]

Eben kein voller Überblick über die Erde: Google Earth weist zahlreiche gewollte blinde Flecken auf

Die meisten Google-Earth-Neulinge sehen sich in diesem magischen Moment quasi selbst von oben. Sie sitzen irgendwo in dem Haus, über dem sie virtuell schweben. Sie zoomen heran, suchen ihre Wohnung, ihr Zimmer, schauen, ob da jemand in Einfahrt oder Garten zu sehen ist. Entdecken ihr Auto, das Kinderplanschbecken, was auch immer - wie bei Google "googeln" sich die meisten zunächst einmal selbst.

Weil das aber schnell seinen Reiz verliert, beginnt für die meisten Google-Earth-Nutzer die Weltreise - und ganz besonders gern dahin, wo man sonst nicht hinkommen kann oder darf. Kaum jemand, der nicht schnell damit beginnt, die Grenzen der Software auszuloten: Was zeigen die mir und - viel interessanter - was zeigen sie mir nicht?

Die Debatte, ob Google Earth ein Sicherheitsrisiko darstellt, begann nur wenige Tage, nachdem die Software im Jahr 2005 veröffentlicht worden war. Bis heute gehören Abbildungen von Militärflughäfen, Atomkraftwerken und anderen strategisch wichtigen Zielen zu den populärsten Fundstücken, die die Earth-Nutzer in Blogs und Foren veröffentlichen und diskutieren.

Wobei eines klar scheint: Was wirklich wichtig ist, bekommt man in vielen Ländern längst nicht mehr zu sehen. Am Wochenende kam Google der eindringlichen Bitte der indischen Regierung nach, doch die Bilder von Verteidigungsanlagen und anderen potenziellen militärischen Zielen zu zensieren. Es wird Google - wie immer in solchen Fällen - eine Menge Kritik einbringen. Der Vorwurf jedoch, Google käme solchen Ersuchen zu leicht nach, ist wohl kaum gerechtfertigt: Das Ersuchen der indischen Regierung datiert auf den 19. Oktober 2005.

Schneller reagiert Google, wenn solche Bitten aus dem westlichen Lager kommen. Zwar kann man sich allgemein bekannte Gebäude wie White House oder Pentagon von oben ansehen, nicht aber den Amtssitz des US-Vizepräsidenten. Zahlreiche Nato-Flughäfen weisen verschwommen verpixelte Bereiche auf, auf denen so gut wie nichts zu erkennen ist. Militärcamps im Kosovo sucht man genau so vergeblich wie den Königspalast in Utrecht, Militäranlagen in Großbritannien oder das Forschungszentrum von IBM in New York.

Weit brisanter als bei Google Earth ist die Darstellung der Bilder im Rahmen der älteren Google Maps-Software. Dort bekommt man zwar keine Informationen, die man nicht auch bei Earth bekäme, aber dafür bequem eingebunden in den Kontext eines Kartenapparates: Maps liefert Lagebestimmung und Anfahrtbeschreibung gleich mit - wenn man will auch die unter Umgehung des Vordereingangs (siehe Bildergalerie). Kein Wunder, dass von Kraftwerksbetreibern bis zu Militärs immer mehr Instutionen Zensur einfordern.

Interessant wird es da, wo man nichts sieht

Die Liste wächst ständig. Das ist wenig überraschend: Viele als geheim eingestufte Anlagen fallen erst durch die Satellitenbilder überhaupt auf - entweder weil man sie sieht, oder weil man eben nichts sieht.

Ein besonders absurdes Beispiel dafür lieferte im Frühjahr 2006 der schwedische Geheimdienst. Dessen Hauptquartier erscheint auf zur Veröffentlichung freigegeben Luftbildern gar nicht: Stattdessen sieht man - Photoshop sei Dank - ein idyllisches Stückchen Wald. Auch auf Landkarten ist das zu entdecken, dort allerdings sieht man auch, dass es eine Stichstraße in den Wald hinein, aber nicht hinaus gibt.

Was das soll, zeigt die Überprüfung bei Google Earth: Da sieht man, dass vom Wald nicht viel mehr als der Rand erhalten ist - innen gibt es zahlreiche, durch die Straße verbundene Gebäude. Für Terroristen oder Spione anderer Nationen wäre so etwas tatsächlich Gold wert: Der Abgleich solcher in Abstufungen zensierten Materialien ermöglicht mitunter wirklich die genaue Lokalisierung.

Auch aus solchen Gründen ist das Gros des GE-Materials alt. Die Bilder datieren bis zu drei Jahre zurück. Im Zweifelsfall erfährt man so, dass im Winter vor drei Jahren auf irgendeinem Flughafen zwei, drei Stealth-Bomber gestanden hatten. Da gibt es aktuelleres Material, an das man auch heran kommt: Kritiker der zunehmenden Zensur von GE und auch der Konkurrenzangebote von Microsoft verweisen gerne darauf. Wer das Kleingeld hat, bekommt erheblich aktuelleres und besseres Material von kommerziellen Sat-Foto-Dienstleistern.

Den Trend hin zur partiellen Blindheit wird das kaum stoppen. Zu schwer wiegen die Argumente der GE-Kritiker: Jeder Irre, argumentieren nicht nur Regierungen wie die von Südkorea oder die Betreiber des Atomkraftwerks in Lucas Heights, Australien, habe mit GE Zugang zu Informationsquellen, die sich noch vor wenigen Jahren nur Dienste mit Zugang zu Spionagesatelliten leisten konnten. Wie wahr das ist, begreifen die meisten Nutzer schon beim ersten GE-Blick in den eigenen Garten: Was im ersten Augenblick so viel Spaß macht, hinterlässt dann schnell ein mulmiges Gefühl.

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