Was ist Heimat? Unser Zuhause ist das Internet

Von Günter Hack

Web-Skeptiker sprechen von "Sucht", für viele Nutzer ist der permanente Austausch im Internet ein Gefühl von Heimat. Dort treffen Menschen aufeinander, im besten Fall entsteht daraus Wunderbares. Deswegen muss das Netz als kommunikativer Raum unbedingt bewahrt werden.

Website-Reflektion: Un-Orte, an denen Gedanken zur Heimat werden Zur Großansicht
Getty Images

Website-Reflektion: Un-Orte, an denen Gedanken zur Heimat werden

Gibt es so etwas wie Heimat im Web? Zunächst: Heimat ist eine kleine elektrochemisch erzeugte Wirklichkeit im Gehirn. Eine dieser wärmenden Ideen wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gott, Bielefeld oder der Traum von einer guten Tasse Darjeeling, die jeweils ein sehr flexibles Verhältnis zur Realität haben.

Heimat ist also ein Phänomen, das aus regelmäßig aktualisierten Mustern neuronaler Impulse hervorgeht. Das macht sie den Wirklichkeiten des Netzes ähnlich, die ebenfalls auf ständige Zufuhr von Energie und Aufmerksamkeit angewiesen sind.

Auch sind Netz und Heimat Kontaktumwelten, die permanent gepflegt werden wollen. Das macht sie keinesfalls gemütlich, sondern eher anstrengend: Permanenter Zwang zur Selbstaktualisierung auf Rechenzentren in schwedischer Kälte, der Blick in Facebooks rissiges Gesicht. Die Heimat wäre keine wahre, wenn man sie nicht auch verlassen wollte.

Das Heimatgefühl des Users gilt manchen externen Therapeuten als Sucht. Es gibt aber keine Internetsucht, nur einen unwiderstehlichen Wunsch nach Expansion und Angleichung. Jedem guten Hirn wird es unter der Schädeldecke sehr schnell langweilig. Es sucht nach seinesgleichen, es will raus, sich dehnen und strecken. Es sucht das Kontakt-High.

Und da Netz und Hirn einander strukturell ähneln, herrschen ideale Bedingungen für ein Kontakt-High nach dem Rezept von William Burroughs: Wenn die anderen auf Netz sind, bist du es auch. Mit Schwarmdenken hat das nichts zu tun. Für das Kontakt-High sorgt nicht das Netz selbst, sondern die spannungsvolle Differenz zwischen dem User und dem Anderen. Am Internet ist für Menschen nur eines nachhaltig interessant: Menschen. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Peripheriegerät.

Das Netz soll ein Kaufhausbau werden

Der Archäologe Tonio Hölscher schreibt in seinem Buch über die frühen griechischen Städte, dass es zwischen Polis und Wildnis Randzonen gegeben habe, in denen sich die Jugend aufzuhalten pflegte. Jede Kultur braucht diese undefinierten Gebiete, um sich erneuern zu können, Un-Orte, an denen Gedanken zur Heimat werden.

In unseren Städten sind Zwischenräume teuer und knapp, wo sich die Mallrats tummelten, stieren Überwachungskameras von der Decke. Durch Walter Benjamins Galerien flanieren Sicherheitsmänner, weht Pfeffersprayaroma.

Die europäischen Gesellschaften verhärten auf ihrem langsamen Rückzug in sich selbst an der Oberfläche. Es ist ein Symptom der Schwäche, das manche gerne auch aufs Netz übergreifen sähen, das ja keine virtuelle Parallelwelt ist, sondern durch und durch real, so wie Magnetismus und Elektrizität. Der Energieverbrauch der Datencenter ist gewaltig, in der Cloud herrscht ständiges Gewitter.

Das Netz soll ein Kaufhausbau werden, wenn es nach ihnen geht, einer aus den siebziger Jahren, ohne Fenster, überall Ladendetektive, die aufpassen, dass niemand die Leere aus den Regalen mitnimmt.

Die tobenden Verkäufer aus den fensterlosen Kaufhäusern können sich nicht vorstellen, dass das Netz, anders als alle anderen Verbreitungsmedien, nicht ganz und gar ihnen gehört und ihnen nie gehören wird. Sie können sich erst recht nicht vorstellen, dass das Netz überhaupt kein Medium ist. Noch ferner liegt ihnen der Gedanke, dass das Kontakt-High unter den Usern besseres Entertainment liefern könnte als sie selbst, dabei filmen ihre eigenen Teams nur noch das Netz ab, entnehmen ihm laufend Texte, Daten und Ideen.

Die vornehmste Aufgabe von Zivilgesellschaft und Staat besteht nun darin, das Netz als öffentlichen Raum zu sichern, der allen und niemandem gehört, ganz wie die Software, aus der es gemacht ist. Eine kluge Verfassung für eine netzgestützte Gesellschaft muss dafür Sorge tragen, dass Kommunikation nicht von Kontrolle überlagert und erstickt wird: Ein fein austariertes postkybernetisches Programm also, das uns nach Jahren blinden Ringens zurücktreten lässt und Überblick verschafft; dessen Entwicklung die besten Köpfe in den kommenden Jahrzehnten voll auslasten wird.

Bis dahin ist Heimat die Komplementärfarbe, die der Bildschirm auf deine Netzhaut gebrannt hat.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Was ist Heimat?
insgesamt 257 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Was ist Heimat?
chirin 05.04.2012
Zitat von sysopWenige Begriffe sind so diffus und gleichzeitig so emotional aufgeladen wie "Heimat". Wo liegt dieser Ort? Der Ort der Geburt oder der, wo man Wurzeln geschlagen hat? Ein geistiger oder sehr konkreter, physischer Ort? Ausdruck einer Idee oder gänzlich konkret voller Geschmack, Bildern und Aromen? Irgendeine Heimat beansprucht nahezu jeder Mensch auf der Erde. Was ist Heimat für Sie?
Heimat hat auch etwas mit "vertraut" zutun. Insofern, ich habe mehrere "Heimaten" und meine vielen Verwandten in aller Welt - auch. Meine engste Heimat ist eigentlich nach dem Krieg , ich zwischen meiner Mutter und meinem Bruder , fühlte mich beschützt. Und ich fahre desöfteren nach Berlin -Mitte und suche die alten Orte auf- sofern die noch da sind. Und dann kommt das "Achja" Erlebnis, z.B. das kleine Schreibwarengeschäft meiner Mutter und der Gemüsehändler nebenan mit der Tochter Helga und im Erdgeschoß die einzige Toilette, um die ich mich mit der Helga heftig stritt - mit in die Wange beißen. Auch das ist Heimat und mein Cousin fuhr, wenn er bei uns aus aller Welt weilte , gern zum Mariannenplatz in Kreuzberg, da wohnte er, leider haben sich dort die Bewohner verschlechtert und das Bethanien gibt es auch nicht mehr. Und nun habe ich meine Heimat in Steglitz und mein Cousin in Costa Rica, meine Tante in Norwegen, die andere Tante in Afrika, eine in Ungarn und eine im Iran. Die Tochter in Amerika- tja - und jeder fühlte sich immer noch bei uns zu hause und wohl, das liegt vielleicht am Essen oder am Geruch oder weil wri uns alle voll vertrauen? Aber wo meine Lieben wohnen, ist für mich auch Heimat.
2. zu Hause
toskana2 06.04.2012
Zitat von sysopWenige Begriffe sind so diffus und gleichzeitig so emotional aufgeladen wie "Heimat". Wo liegt dieser Ort? (...)
Alt und abgedroschen und dennoch wahr: Heimat ist der Ort, wo ich mich zu Hause fühle und wo mein Herz ruhig schlägt. Wo Umgebung und Menschen "mir bekannt vorkommen". Und wo der eine oder der andere Duft, der Baum oder die Steine mich an meine Kindheit erinnern. Elvis brachte es in einem Lied "banal" aber zutreffend zum Ausdruck: Zu Hause ist, wo das Herz ist ("Home is where the heart is").
3. Seelenfrieden
Heitgitsche 06.04.2012
[QUOTE=chirin;9961614]Heimat hat auch etwas mit "vertraut" zutun. Insofern, ich habe mehrere "Heimaten" und meine vielen Verwandten in aller Welt - auch. Meine engste Heimat ist eigentlich nach dem Krieg , ich zwischen meiner Mutter und meinem Bruder , fühlte mich beschützt. Und ich fahre desöfteren nach Berlin -Mitte und suche die alten Orte auf- sofern die noch da sind. Und dann kommt das "Achja" Erlebnis, z.B. das kleine Schreibwarengeschäft meiner Mutter und der Gemüsehändler nebenan mit der Tochter Helga und im Erdgeschoß die einzige Toilette, um die ich mich mit der Helga heftig stritt - mit in die Wange beißen. Auch das ist Heimat und mein Cousin fuhr, wenn er bei uns aus aller Welt weilte , gern zum Mariannenplatz in Kreuzberg, da wohnte er, leider haben sich dort die Bewohner verschlechtert und das Bethanien gibt es auch nicht mehr. Und nun habe ich meine Heimat in Steglitz und mein Cousin in Costa Rica, meine Tante in Norwegen, die andere Tante in Afrika, eine in Ungarn und eine im Iran. Die Tochter in Amerika- tja - und jeder fühlte sich immer noch bei uns zu hause und wohl, das liegt vielleicht am Essen oder am Geruch oder weil wri uns alle voll vertrauen? Aber wo meine Lieben wohnen, ist für mich auch Heimat.[/QUOTE Seelenfrieden auf dem Friedhof eines kleinen Dorfes im Sudetenland. 2 Gräber stehen noch. Eines mit einem Photos des frühverstorbenen Bruders meines Großvaters. Einige in der Familie ähneln ihm.
4.
pcpero 06.04.2012
Zitat von sysopWenige Begriffe sind so diffus und gleichzeitig so emotional aufgeladen wie "Heimat". Wo liegt dieser Ort? Der Ort der Geburt oder der, wo man Wurzeln geschlagen hat? Ein geistiger oder sehr konkreter, physischer Ort? Ausdruck einer Idee oder gänzlich konkret voller Geschmack, Bildern und Aromen? Irgendeine Heimat beansprucht nahezu jeder Mensch auf der Erde. Was ist Heimat für Sie?
Where ever I lay my hat, that's my home. (Paul Young)
5. Finger weg ...
Colara 06.04.2012
Na, isses kaputt? Suchen wir es nun in der Zeitung? Das ähnelt dem Kind, das am Morgen seine Sandburg zertreten und am Abend darüber gejammert hat ... Nehmt Eure dreckigen diffus-link-liberalen Griffelfinger von Begriffen, die ihr mit dem angehäuften Reflexionsmüll der letzten Jahrzehnte nicht wieder zusammensetzen könnt. Die unübersetzbare Heimat ist als Ort Herstellungsraum seßhafter Gemeinschaft und ihrer Sittlichkeit; damit deren für den Einzelnen anschaulicher Lebensprozeß. Darin inbegriffen sind alle Gefühle, Erinnerungen, Prägungen, Sprech- Hör-, Schmeck-, Handlungsweisen - aber auch die Generationenfolge, das Werden und Vergehen derer, die bedingungslos für uns oder wir bedingslos für sie da sind. Ein immer mehr zur MassenGesellschaft deformiertes Gebilde wie das da draußen ist am Ende Ausdruck vollendeter Gemeinschaftszerstörung - das sodann die Heimat zu vermissen und zu suchen beginnt. Viel Glück, Spiegeleier.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Internet
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -23-
Zur Person
  • Günter Hack
    Günter Hack, geboren 1971 im bayerischen Kelheim, ist seit 1993 im Netz. Er absolvierte eine Ausbildung als Schriftsetzer, war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität St. Gallen und arbeitete als Journalist und Schriftsteller ("ZRH", 2009). Seit 2006 lebt und arbeitet er in Wien.


Leseraufruf
  • Was ist für Sie Heimat?

    Schicken Sie uns Ihre Fotos und schreiben Sie dazu, was darauf zu sehen, warum es für sie eine Bedeutung hat.

    Eine Auswahl der Einsendungen wird bei SPIEGEL ONLINE veröffentlicht. Mit der Einsendung von Bildern erklärt der Absender, dass er die Rechte an dem Material besitzt und mit der honorarfreien Veröffentlichung einverstanden ist.


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.