WDR reanimiert die 50'er Internetzen wie anno dunnemals

Am 1. Januar wird der WDR 50 Jahre alt - und sowas will gefeiert werden. Im Internet tricksen die Kölner mit einer "Webseite von 1956": Das wirkt erstmal seltsam, macht aber eine Menge Spaß, wenn man sich darauf einlässt.


"Im Radio", erklärt Rüdiger Becker aus der Kulturredaktion von WDR 3, "können wir das ja nicht einfach so."

Gemeint ist, die Zeit zurück zu drehen. "Ursprünglich hatten wir die Idee, einen ganzen Tag lang einfach mal Radio zu machen, wie sich das 1956 angehört hat." Dann kamen die Bedenken. Becker: "Aber was ist mit den Leuten, die mittendrin zuschalten? Im Radio können wir ja kein Spruchband laufen lassen: 'Vorsicht fake!'."

Also entstand die Idee mit der Web-Sonderseite.

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Jubiläumsseite: Internet anno 1956

Die, so die eigens gestrickte, selbstironische Legende, stamme aus dem Jahr 1956, was Inhalte wie Stil ja klar dokumentieren. Im Keller des WDR-Archivs habe man das Ding wiedergefunden und fluggs reanimiert. Jetzt besitzt der WDR neben seinen zahlreichen aktuellen Seiten eben auch eine ganz gehörig unaktuelle: www.textrundfunk.de

Und die thematisiert und feiert weniger den Sender, als vielmehr die Nachrichten- und Themenwelt, in der der sich damals bewegte. Heiße politische Nachrichten gibt es da zu lesen und - im Original - zu hören: Die vom Sturz des NRW-Ministerpräsidenten Karl Arnold (CDU) durch den SPD-Politiker Fritz Steinhoff beispielsweise. Ein Erdbeben in der politischen Landschaft der jungen Republik, das auch "die Augen des Auslands" auf Deutschland lenkte: Schließlich verlor die Regierung Adenauer auf diese Weise ihre "Zweidrittelmehrheit im Bund". Von solchen Problemen träumen heutige Politiker wehmütig.

Doch auch die "weichen" Themen der Zeit fehlen nicht. Oberschenkeltief im thematischen Muff der Fünfziger Jahre watend bahnt man sich den Weg durch die Seiten "Für die Frau". Das neue, rebellische Jahrzehnt kündigt sich an in den Berichten über die zunehmenden "Meutereien von Halbstarken". Herrlich selbstironisch nehmen die Beiträge ihre Themen vordergründig richtig ernst, bis hin zum Kommentar über das unverständliche Aufbegehren der jungen Generation.

Und ja, irgendwo in den Seiten verborgen ist auch die Geschichte des WDR selbst und - in eigener Sache - dieser seltsamen kleinen Zeitreise erzählt. Die befremdet nur ganz kurz: Klar ist das ein logischer Bruch, die Dokumentation einer Ära einfach in ein Medium zu verlegen, dass es damals noch gar nicht gab. Es funktioniert trotzdem, und es macht Spaß.

Fazit: Ein Surftipp, der zu einer lebendigen Themenreise in die Fünfziger einlädt.

Frank Patalong



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