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Web 2.0 Summit: Internet-Riesen freuen sich auf Datenschätze

Von , San Francisco

Auf dem Web-2.0-Gipfel debattieren Ebay, Twitter, Microsoft und Co. über neue Geschäftsmodelle, Privatsphäre und die Zukunft der Branche. Vor allem aber feiert sich die Netz-Elite selbst -  die Datengräber wittern große Geschäfte mit persönlichen Informationen.

Web 2.0 Summit: Steve Ballmer lästert über Android Fotos
REUTERS

Michael Dell ist gut drauf, wie alle hier. Jeans, Sakko, das Hemd zwei Knöpfe offen - der Gründer und Geschäftsführer von Dell trägt den klassischen Dress für offizielle Anlässe der Tech-Branche und erzählt fröhlich, wie er das Geschäft von Dell derzeit dreht, weg von Produkten, hin zu Service. "Wir verkaufen keine Kisten mehr, sondern Lösungen", sagt Dell. Im Gesundheitssystem etwa, wo Dell inzwischen zum Marktführer für IT-Systeme aufgestiegen ist, kommt es darauf an, die zahllosen Daten, die an verschiedenen Orten liegen, zusammenzufassen, zu archivieren und für alle Beteiligten erreichbar zu machen.

Auf dem "Web 2.0 Summit", wo sich von Montag bis Mittwoch in San Francisco die Big Shots der Netzwelt tummeln, dreht sich alles um Daten und Informationen. Gegründet zur Neuorientierung nach dem Dotcom-Crash Anfang des Jahrhunderts, findet das Gipfeltreffen in diesem Jahr zum achten Mal statt, unter der Ägide von "Wired"-Gründer John Battelle und Netzlegende Tim O'Reilly. Drei Tage lang diskutiert die Internet-Elite die künftigen Trends, inmitten des leicht antiquierten Dekors aus üppigen Kronleuchtern und dickem Teppichboden im "Palace Hotel".

Die Rednerliste liest sich, als ob sich die Web-Industrie zum Klassenausflug versammelt hätte: Microsoft-Chef Steve Ballmer, Ebay-CEO John Donahoe, Ober-Twitterer Dick Costolo, Foursquare-Gründer Dennis Crowley oder LinkedIn-Mitgründer Reid Hoffman sind dabei. Dazu allerlei Experten, Investoren, Trendgurus und Wagniskapitalgeber.

Die Manager, Entrepreneure und Geldgeber sind angetreten, "The Data Frame" auszuloten, so das Motto des diesjährigen Gipfels. 2010 wurden mehr Daten durchs Netz geschickt als in allen vorangehenden Jahren zusammen. Menschen laden Filme und Musik aus dem Netz herunter, sie laden über Smartphones ihre Facebook-Freunde in das Restaurant ein, in dem sie gerade sind, sie suchen online günstigere Angebote, während sie im Geschäft vor einem Paar Schuhe stehen.

Ebay etwa bastelt dafür gerade an einem Bilder-Suchsystem, analog zu den klassischen, auf Wörtern basierenden Suchmaschinen: Kunden können die Schuhe fotografieren und dann ähnliche Modelle im Netz oder direkt bei ihrem Händler finden. "Die Grenzen zwischen online und offline verschieben sich", sagt Ebay-Chef Donahoe.

Ubermedia öffnet ein eigenes Netzwerk

Was man getrost als groteske Untertreibung verbuchen kann. Tatsächlich bedeutet die Datenexplosion eine Revolution für ganze Industrien: Der Musikdienst Spotify etwa verkündete vergangenen Monat eine Kooperation mit Facebook. Nutzer können jetzt die Lieder und Playlisten sehen, die ihre Freunde gerade hören - ohne auch nur einen einzigen Song selbst gekauft zu haben.

Oder Chime.In, das neue soziale Netzwerk, das Altmeister und Tech-Unternehmer Bill Gross von Ubermedia auf dem Gipfeltreffen präsentierte: Anstatt wie bei Twitter oder Facebook mehr oder weniger wahllos Freunde und Follower anzuhäufen, sollen sich die Chime.In-Nutzer entlang gemeinsamer Hobbys und Interessen zusammenfinden. Der Clou: Ubermedia verspricht den Usern, dass sie Werbeerlöse, die auf ihrer persönlichen Seite anfallen, behalten dürfen. Nur wenn Ubermedia die Reklame vermittelt, will die Firma die Hälfte der Einnahmen behalten.

Schneller, individueller, differenzierter - die Datenmengen, die die Phantasien der Unternehmen beflügeln und den Konsumenten immer besser maßgeschneiderte Angebote versprechen, lassen Datenschützern in Deutschland die Haare zu Berge stehen. Nicht so in den USA.

Zwar ist auch die Privatsphäre Gipfel-Thema, doch selbst Regierungsvertreter setzen hier lieber auf freiwillige Vereinbarungen zwischen Firmen und Kunden. "Wir müssen endlich aufhören, Privatsphäre und Business als Gegensatz zu sehen", sagt Ann Cavoukian, "Information and Privacy Commissioner" aus dem kanadischen Ontario. "Ihr müsst die Lösungen finden, Privatsphäre zu sichern, ohne das Wachstum zu gefährden", appellierte Cavoukian an die versammelten Netz-Entrepreneure. Der Unternehmergeist soll es schon richten.

"Jobwachstum nicht durch Steuern behindern"

Denn auch das wird auf dem Gipfel deutlich: Einer der wenigen Branchen, die in den USA noch Erfolge feiert, will niemand Steine in den Weg legen. Lieber spottet der Vertreter der Behörde für Konsumentenschutz über seine regulierungswütigen europäischen Kollegen, und San Franciscos Bürgermeister Edwin Lee, in dessen Stadt 1500 Tech-Firmen mit 27.000 Beschäftigten heimisch sind, verspricht, "das Jobwachstum nicht durch Steuern zu behindern".

So kann sich die Netz-Industrie, die sich längst vom eher lethargischen Rest der US-Wirtschaft abgekoppelt hat, auf dem Gipfeltreffen ungestört selbst feiern. "Wir können uns wahnsinnig glücklich schätzen, die Internet-Branche erlebt derzeit eine beispiellose Zeit", sagt Mary Meeker von der weltweit führenden Wagniskapital-Firma Kleiner Perkins Caufield & Byers, die unter anderem bei Facebook, Spotify und Twitter investiert ist. E-Commerce werde weiter extrem wachsen, ebenso der Tablet- und Smartphone-Markt, der Plattform-Wechsel vom Web zur Cloud werde wieder ganz neue, radikal neue Möglichkeiten schaffen.

Und "the next big thing", was wird es ein? "Es sitzt auf beiden Seiten Eurer Köpfe", sagt Meeker: "Die Ohren." Alles rund um Musik, Soundsysteme im Auto, Geräuscherkennung, Ausblendung von Störgeräuschen werde der Wachstumsmarkt der Zukunft.

Für den Bürgermeister ist das noch Zukunftsmusik. Er hat ein handfesteres Problem: die Parkplatznot in San Francisco. "Bitte entwickelt eine App, die Autofahrer auf dem Smartphone warnt, wenn ihr Wagen abgeschleppt zu werden droht", ruft er den Gipfelteilnehmern zu.

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