Web 2.0: Zerreiß mich, kopier mich

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Revolution im Web: Der Schaukasten wird zum Baukasten. Flickr und Youtube waren nur der Anfang. Nachrichten, Musik, Bilder, Videos – alles taugt zum Remix. Werkzeuge gibt's online. Willkommen im Zeitalter der "MashUps!"

William S. Burroughs wäre begeistert, Inhaber von Urheberrechten dagegen werden entsetzt sein. "Jede erzählende Passage", schrieb der Erfinder der "Cutups" einst, "oder jede Passage, sagen wir, poetischer Bilder, kann beliebig oft variiert werden, und alle Variationen können in sich interessant und gültig sein." In der Praxis nahm Burroughs eine Schere, zerschnitt Seiten mit Text und setzte sie neu zusammen. Borroughs erfand, gemeinsam mit seinem Freund Brion Gysin, gewissermaßen den literarischen Remix. Abmahn-Anwälte gab es im Paris der späten Fünfziger vermutlich nicht.

Karte von New York mit Verkehrskameras: Polizeifunk optional zuschaltbar

Karte von New York mit Verkehrskameras: Polizeifunk optional zuschaltbar

"Mashup" nennen die Remixer von heute es, wenn etwa DJ Danger Mouse - auf rechtlich höchst zweifelhaftem Terrain - das "Black Album" von Jay-Z mit dem "White Album" der Beatles zu einem "Grey Album" vermischt (und damit einen Download-Hit erschafft). "Mashups" sind Urheberrechte mit Füßen tretende, anarchische, dekonstruktivistische Kunstwerke - und manchmal besser als das Original. Nirvana trifft Britney, Madonna meets Metallica.

Danger Mouse ist inzwischen kein von Klagen bedrohter Outlaw mehr, sondern der Produzent der "Gorillaz". Als Teil des Duos Gnarls Barkley schaffte er den ersten Nummer-Eins-Hit in Großbritannien, der nur per Download zustande kam. Mit "Crazy", einem Stück, dessen eigentümliche Rhythmik wieder an die "Mashup"-Ästhetik erinnert.

Alles ist Rohmaterial

Inzwischen hat sich der Begriff aber vom Rohmaterial Musik gelöst. Im neuen Mitmach-Web, in dem jeder für jeden Unterhaltung, Information, Meinung und Unsinn produzieren und präsentieren kann, ist "Mashup" das dominierende Prinzip. Blogger remixen Nachrichten, Hobbyfotografen mixen Fotos - zum Beispiel bei Flickr -, Hobbyprogrammierer remixen ganze Webseiten. Privates und professionell Erstelltes wird eins. Alles ist Rohmaterial.

Die erste Stufe der weltvernetzten Gesellschaft, in der jeder zum "Content Provider" wird, war die Ära der privaten Webseiten. Dann kamen die Blogs. Multimedia schwappte durch die Breitbandleitungen und plötzlich waren Bilder, Klänge und Videos selbstverständlicher Bestandteil des globalen Unterhaltungs-Informations-Mischmasch. Jetzt greifen die Vorausmarschierer unter den Netzbürgern hinein in diesen gigantischen Datenwust, greifen sich Schnipsel heraus und basteln Collagen.

YouTube ist von heute - spätestens seit dem grausigen "Sonnenlischt"-Song ist das Videoportal, eines von vielen, auch hierzulande allgemein bekannt - Jumpcut.com und Eyespot.com sind für morgen. Auf diesen Seiten kann man all das, was man mit der eigenen Videokamera produziert oder aber bei einer der zahllosen Videoschnipsel-Seiten findet, remixen. Neu schneiden, mit Musik oder einer anderen Tonspur hinterlegen, bei Jumpcut sogar mit vergleichsweise ausgefeilten Videoschnitt-Effekten bearbeiten - und das alles online. Die einzige Software, die man braucht, ist ein Browser mit den entsprechenden Plugins, schon hat man ein Do-it-yourself-Mtv.

Die Schere-und-Papierkleber-Freiheit von damals

Die so entstandenen Video-Mashups werden einer Gemeinschaft zur Verfügung gestellt, die sie kommentieren, weiterempfehlen - oder aber an sich nehmen und wieder neu abmischen, oder wiederum als Steinbruch für eigene Werke nutzen kann. "Alles bloß Daten" könnte das Motto dieser Emanzipationsbewegung lauten - es ist, als ob die Schere-und-Papierkleber-Freiheit der Schülerzeitungsproduktion von früher sich nun auf alles erstreckt, was da draußen an medialen Inhalten herumschwirrt. Ein globales Kunstprojekt - und ein Alptraum für all jene, die mit den Urheberrechten an diesen Inhalten Geld verdienen wollen.

Der nächste Schritt ist bereits getan - nicht nur Multimediales lässt sich neu abmischen, sondern auch die pure Information selbst. Webseiten-Mashups gelten als Paradebeispiel für das, was allerorten mit dem sehr dehnbaren Begriff "Web 2.0" belegt wird: Das demokratische Netz, an dem alle teilhaben und zu dem alle beitragen.

Bislang sind Seiten-Mashups am häufigsten Verknüpfungen der Daten verschiedener Informationsquellen, allen voran Google Maps: Es gibt Seiten, die Wikipedia-Einträge mit den passenden Orten auf einer interaktiven Karte verknüpfen oder Reisereportage-Seiten, die Texte und Fotos über den Globus verteilen und dabei die Leserschaft tippgebend an der weiteren Planung teilhaben lassen . Es gibt Mashups von MySpace-Nutzerprofilen und Flickr-Fotostrecken mit Karten der USA. Auf einem Stadtplan von New York kann man alle verfügbaren Verkehrs-Kameras anklicken und sich Livebilder ansehen (und dabei dem New Yorker Polizeifunk lauschen, wenn man das möchte).

Auch die "Washington Post" masht mit

Ebenso einfach wie Google Maps lassen sich RSS-Feeds remixen - die klickbaren Schlagzeilen von Blogs und Nachrichtenseiten sind einfach zu rearrangieren, lassen sich wiederum mit Ortsinformationen kombinieren, mit Bildern verknüpfen oder nach Stichworten in semantischen Punktwolken anordnen. Die "Washington Post" stellt ihre RSS-Feeds seit einiger Zeit ganz offiziell zum Remix zur Verfügung.

Auch die anderen Großen haben aber verstanden, dass die Netz-Masher ihnen am Ende nur nutzen können. Google, Amazon, eBay, Yahoo - alle stellen ihre "application programming interfaces" (APIs) Entwicklern zur Verfügung. Üblicherweise gibt es gewisse Hürden - Interessenten müssen sich offiziell als solche anmelden oder doch wenigstens einen Account bei dem entsprechenden Anbieter haben - dann aber kann man mit Google Maps spielen, das eBay-Interface verschlanken oder eine Blogsuchmaschine in seine Webseite integrieren. Wer nicht programmieren kann, für den gibt es für einfache Mashups sogar Online-Editoren.

"Es gibt keine Notwendigkeit, alles zu verwenden"

Die Anwendungen reichen von aufwendig mit vielen Zutaten personalisierten Privatseiten - mit abrufbarer Amazon-Wunschliste, RSS-Feeds von Weblogs aus dem Bekanntenkreis, Verknüpfungen mit Flickr-Fotostrecken und als interessant markierten Meldungen der Nachrichten-Community-Seite del.icio.us - bis hin zu komplexen Alternativ-Startseiten. Die kombinieren dann Feeds von verschiedensten Nachrichtenlieferanten mit ein paar YouTube-Videos, Flickr-Bildern - und der Möglichkeit für Leser, eigene Schlagzeilen samt Webadresse zu diesem breiten Datenstrom hinzuzufügen.

Für den Alltags-Netznutzer bedeutet all das zunächst - wie so oft - vor allem eins: Man kann noch mehr Zeit damit verbringen, sich da draußen umzutun, sich verblüffen, unterhalten, ärgern zu lassen von den Bemühungen all der anderen. Kann sich noch überforderter fühlen von der Unmenge an interessanten, mäßig interessanten, unterhaltsamen, völlig unwichtigen oder schlicht lästigen Nachrichten, Meinungsäußerungen und Kunststückchen.

William S. Burroughs hat das schon 1974 geahnt. Da sagte er in einem Interview über seine Cutups, die Methode liefere "neue Worte, Sätze, Passagen, Bedeutungen, von denen manche nützlich sein mögen und manche nicht. Es gibt keine Notwendigkeit, alles zu verwenden."

Kurzum: Wer zuviel Auswahl hat, hat am Ende überhaupt keine Auswahl mehr - und darin liegt dann auch wieder ein Stückchen Hoffnung für die alten Medien, die sich von der neuen Copy-und-Paste-Kultur bedroht fühlen.

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Forum - Das Mitmach-Web: Medienrevolution oder Seifenblase?
insgesamt 132 Beiträge
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1.
Spiritogre, 13.04.2006
Web 2.0 ist ja viel mehr. Es sind quasi richtige Programme die da im Webbrowser ablaufen. Kan man zur Zeit bei vielen Freemailern wie Hotmail schon sehen. Da gibt es quasi keinen Unterschied in der Bedienung zum normalen Mail-Programm. Der Nachteil (derzeit?) ist, dass sie natürlich viel träger laufen als eine lokale Anwendung. Aber es ist ein interessantes Modell. Statt sich eine Software zu kaufen kann man z.B. Bildbearbeitung online (kostenlos aber mit Werbebannern auf der Seite) machen. Wichtig für die Zukunft ist eine schnelle Internetverbindung sowohl beim Download als auch beim Upload (da haperts bei den deutschen Angeboten erheblich) sowie natürlich geringe Latenzzeiten. Was die Industrie am Ende daraus macht, sowohl die Anbieter solcher Dienste als auch irgendwann mal die deutschen Internetprovider steht allerdings auf einem anderen Blatt. Etwas Zurückhaltung ist angebracht da die Industrie gerne mal die Chancen überbewertet - falsche Ideen wie kostenpflichtige bzw. zu teure Angebote die keine konkurrenz zu normaler, stationärer Software sind etwa.
2. Datenschleuder Web 2.0
SirRobin 13.04.2006
Jaja, die Interaktivität... da wundert es einen doch, das das Mitmach-Fernsehen nie funktioniert hat... Was aber viel schwerer wiegt bei all der Web 2.0-Nummer: Datensicherheit. Die Idee hinter Ajax und Co. ist ja, dass Nutzer im Browser künftig Anwendungen laufen lassen, die bislang nur auf dem Desktop liefen jetzt online verfügbar sein solle/werden/können... egal. Die Mail Applikation von live.com von MS als Beispiel, die quasi ein Outlook ist oder werden soll. Soweit OK das mit den Mails, aber wer will seine Geschäftsbriefe oder seine Excel-Sachen ONLINE bearbeiten? Da muss die Verbindung schon recht sicher sein und der Server auch, damit solche Anwendungen genutzt werden können. Firmen werden sich nach web 2.0 Bookmarks von Usern die Finger lecken - welch wunderschönes persönliches Nutzerprofil... Perfekt für den nächsten SPAM-Anlauf. Web 2.0 ist keine Spielerei, oder ne "Ich klick mal mit"-Geschichte. Da stehen wichtigen Anwendungen dahinter die noch das eine oder andere zu diskutieren geben werden. Wird spannend werden...
3. Welcome 2 teh future^^
jimKn0pfEnhanced, 13.04.2006
Irgendwann beginnt Jeder selbstständig agierende Mensch sich vom alten TV Medium zu lösen. Statt wie gehabt sich ausschließlich berieseln zu lassen und ein Medium quasi nur Passiv zu nutzen. Ihm ausgeliefert zu sein, keinen Einfluß zu haben auf den Inhalt ist eine Einschränkung eine Verkrüppelung. Nach Informations erhalt möchte man darüber diskutieren sich mitteilen, daher schreiben auch immer mehr Gruppen Blogs. Der Effekt ist, das die Menschen sich intensiver mit Informationen auseinandersetzen und eigene Ideen miteinbringen. Jeder ist Produzent und Konsument - alle partizipieren so direkt oder indirekt voneinander. Dies ist eine Art exponentielles Wachstum des Wissens, der Gesellschaft - der Globalen Gesellschaft. Das einzige was dem noch entgegenwirkt: - vorsintflutliche Kapitalismus(Vorschlaghammer Copyrights) - Einzelne Personen welche um Machterhalt ringen und die Zeichen einer neuen Ära nicht sehen - das Potential nicht sehen. - Regierungen welche Ihre Bürger daran hindern sich selbständiger zu machen. Mit freundlichen Grüßen
4. nachichten im web
schlinki, 13.04.2006
Die alten Medien werden verschwinden. www.newsvine.com ist eine Nachrichtenseite, die es richtig macht. Ich mag den Spiegel, aber brauche ich ihn überhaupt noch?
5.
Peter Königsdorfer, 13.04.2006
---Zitat von Spiritogre--- Web 2.0 ist ja viel mehr. Es sind quasi richtige Programme die da im Webbrowser ablaufen. Kan man zur Zeit bei vielen Freemailern wie Hotmail schon sehen. Da gibt es quasi keinen Unterschied in der Bedienung zum normalen Mail-Programm. Der Nachteil (derzeit?) ist, dass sie natürlich viel träger laufen als eine lokale Anwendung. . ---Zitatende--- Es hängt hauptsächlich von der Menge der involvierten Daten ab, wie träge so ein Programm reagiert. Verglichen mit der herkömmlichen Web-Programmierung laufen solche Programme aber immer schneller ab, da Daten per AYAX direkt in das DOM einer bestehende Seite eingelesen werden, statt serverseitig eine neue Seite aufzurufen. Das Problem ist halt, dass solche Scripte nicht pickelhart und zwingend laufen, sie benötigen modernes (und natürlich aktiviertes)JavaScript. Deshalb wende ich solche Scripte nur in Backends an oder als zusätzliche Helferlein, auf die man auch verzichten könnte, ohne die grundlegende Funktionalität einer Seite einzuschränken. mfG Peter
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