Web-Abzocke Spammer beuten Angst vor Schweinegrippe aus

Die Schweinegrippe breitet sich aus, nun schlägt die Stunde zwielichtiger Geschäftemacher: Im Internet versprechen sie angeblich wirksame Medikamente, wollen lebenswichtige Informationen verkaufen - und machen Jagd auf leichtgläubige Opfer.

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"Madonna hat Schweinegrippe" ist eine der plumpen E-Mails überschrieben, die mit dreisten Falschinformationen im Internet Panik schüren wollen. Viele Millionen solcher Spam-Mails werden derzeit verschickt, wer auf eine der Nachrichten hereinfällt, landet schnell in den Armen skrupelloser Spammer.

Medizinerin an der Uni-Klinik Düsseldorf: Mails, die Impfungen versprechen, sind betrügerischer Spam
AP

Medizinerin an der Uni-Klinik Düsseldorf: Mails, die Impfungen versprechen, sind betrügerischer Spam

Nicht immer ist der Betrug offensichtlich: In anderen E-Mails finden sich vermeintlich seriöse Links auf weitaus weniger seriöse Online-Apotheken. Der Schweinegrippen-Spam, der derzeit durch das Netz schwappt, soll am Montag bereits 3 bis 4 Prozent des weltweiten Spam-Aufkommens ausgemacht haben, schätzt Antiviren-Software-Hersteller McAffee.

Die Spam-Nachrichten versprechen angeblich wirksame Medikamente und lebensnotwendige Ratgeber - gegen Geld, versteht sich. Wer auf eines der Angebote hereinfällt, geht im besten Falle noch leer aus. Oder es kommt schlimmer, der heimische Rechner wird von Computerviren infiziert und die Kreditkarten-Details wandern in den Untergrund. Schlimmstenfalls wird den Betrugsopfern ein gefälschtes Grippemittel angedreht, ernste gesundheitliche Folgen nicht ausgeschlossen.

Hunderte Schweinegrippen-Domains

Das weltweite Spam-Fieber ist nicht auf E-Mails beschränkt: Hunderte Websites mit allen erdenklichen Variationen des Wortes "swineflu" wurden hastig über das Wochenende registriert, berichtet die Software-Firma F-Secure in ihrem Blog. Schon jetzt hat die Liste mit den in den vergangenen Tagen neueröffneten Schweinegrippen-Seiten mehr als 250 Einträge.

Das Kalkül der Spammer und Domain-Grabber: Gerade jetzt suchen viele Menschen im Internet nach Informationen zur Schweinegrippe, wer nur schnell genug eine auf Suchmaschinen optimierte Seite bastelt und ins Netz stellt, bekommt mit etwas Glück ein paar dieser Suchenden auf seine Seite gelockt.

Auf den hastig eingerichteten Websites werden Atemmasken verkauft, Werbung geschaltet und Internet-Nutzer verunsichert. Seriöse Informationen erwarten die Ratsuchenden dort meist nicht, viele der Seiten bestehen einfach nur aus Anzeigen, sind bloß Platzhalter oder sollen über Links Besucher in weit verzweigte Werbe-Websites locken. Einige Seiten gehen jedoch geschickter vor, schüren Panik bei verunsicherten Internet-Nutzern und raten zu allerlei Einkäufen. Wie bei den Spam-Mails fischen auch hier Betrüger nach Kreditkarteninfos.

Schweinegrippen-Twitter

Längst hat die Schweinegrippe auch Blogs und soziale Netzwerke erfasst. Gerade noch war Susan Boyle das Thema der Stunde, Kandidatin beim britischen Pendant zu "Deutschland sucht den Superstar". Doch seit dem Wochenende gibt es nur noch ein Thema: Das Virus A/H1N1. Die Internet-Forscher von Nielsen Online erklärten, gegenüber all den Blogeinträgen und Twitter-Nachichten über die Schweinegrippe mache sich selbst das Medien-Phänomen Susan Boyle zwergenhaft aus.

Beim Kurznachrichtendienst Twitter sollen sich laut Nielsen Online rund zwei Prozent aller Nachrichten mit der Schweinegrippe befassen. In den sozialen Netzwerken wimmelt es nur so vor Mutmaßungen, schlechten Witzen und halbgaren Informationen.

Auch hier sollte man sich nicht auf das Hörensagen verlassen - und den verbreiteten Informationen lieber skeptisch gegenüberstehen. Verlässliche Informationen gibt es von offizieller Stelle: Das amerikanische Centers for Disease Control and Prevention informiert auf Englisch und Spanisch mit einer eigenen Rubrik, in Deutschland gibt es Informationen vom Robert Koch Institut - ganz unaufgeregt und kostenlos.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.



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