Web-Bekenntnisse Amerika sagt "Sorry!"

Der im Amt bestätigte Präsident George W. Bush mag auf Versöhnung setzen, doch vielen jungen US-Wählern ist seine Wiederwahl peinlich. Im Web bitten einige die Welt humorig um Verzeihung - oder gleich darum, geheiratet zu werden, um aus "Bush-Country" fort zu kommen.

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"Sorry World": Bush-Gegner suchen Solidarität

"Sorry World": Bush-Gegner suchen Solidarität

Humor ist, wenn man trotzdem lacht, definierte einst der schlesische Dichter O.J. Bierbaum. Diese nur schwer ins Englisch zu übersetzende Regel scheinen sich zahlreiche junge Amerikaner zu Herzen genommen zu haben, die wenige Tage nach Ablauf der US-Wahlen ihre ganz persönlichen Kommentare im Web hinterlassen.

Wie ein Waldbrand verbreitete sich nur einen Tag nach der Wahl der Link zu einem der wohl originellsten politischen Kommentare aus dem privaten Bastelkeller: "sorryeverybody.com" stand für kurze Zeit auf einem privaten Server, zog Besucher aus aller Welt an - und Beifall wie Hassmails.

Schwer traurig: Charles und Kayla

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In der Nacht von Freitag zu Samstag dann verschwand die Webseite. "Unser Server", berichtet der Betreiber der Webseite, der lieber anonym bleiben möchte, "ist unter der Last der Seitenaufrufe zusammen gebrochen. Die Seite sollte innerhalb der nächsten Stunden wieder stehen." Mittlerweile gibt es auch eine deutsche Website mit dem Namen sorryeverybody.de, den den US-Server spiegelt.

Was wahrscheinlich Zehntausende von Surfern aus aller Welt anzog und zum Lachen brachte, war der so spontan wie humorig-satirisch servierte Protest gegen den Ausgang der Wahl. "Sorry World", hieß es auf der Eingangsseite, "wir haben es versucht". Unterzeichnet ist das mit "die Hälfte Amerikas" und verbunden mit dem Aufruf an junge Amerikaner, ihre Entschuldigung an die Welt für die Wiederwahl George W. Bushs doch bitte als Foto einzuschicken.

Neue Weltordnung: United States und "Jesusland" (im Web kursierendes Bild, Ursprung unbekannt)

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15 witzige Entschuldigungs-Botschaften an die Welt sind nun noch zu besichtigen: Auf einer studentischen Homepage an der Universität San Francisco findet sich ein "Mirror" der "sorryeverybody"-Domain, die aber bald wieder online gehen soll. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verspricht ihr Macher rund 1300 frische Sorry-Bilder: "Die kümmerlichen 16 Bilder, die auf der ersten Seite zu sehen waren, waren alles, was wir hochladen konnten, bevor der Server zusammenbrach."

Doch selbst die haben es schon in sich. Cool mit Zigarette im Mundwinkel, mit Schmollmund und Dackelblick, mal trotzig, mal scheinbar flehentlich bitten diese jungen US-Bürger um Nachsicht, Verzeihung, Absolution: "49 Prozent von uns", sagt da einer, "hassen Bush noch immer." Eine junge Frau bittet um Gnade für Texas ("Don't blow up Travis County in Texas Pleaaaaaaaaase!"), während "Karen" verspricht: "Wir bringen das wieder in Ordnung. Versprochen."

Der Beweis: Kerry hat gewonnen (im Web kursierendes Bild, Ursprung unbekannt)

Der Beweis: Kerry hat gewonnen (im Web kursierendes Bild, Ursprung unbekannt)

Im Wahlkampf hatten die "professionellen" Anti-Bush oder Anti-Kerry-Webseiten ihre Hochzeit, jetzt zeigt sich wieder die Stärke des Netzes als Kommunikationswerkzeug. Die Zahl der wild und kreuz und quer durch Web, Chatchannel und Newsgroups verbreiteten Kommentare geht in die Tausende. Besonders "In" sind zurzeit Landkarten in zig Variationen: Sie zeigen die Neuordnung des nordamerikanischen Kontinents in die "United States of Texas" und den blauen Rest oder beweisen, dass Kerry eigentlich gewonnen hat. Eine pfiffige Weltkarte zeigt die "Midlands" der USA in Bush-Rot, den Rest der Welt in Kerry-Blau. So kann man das auch sehen.

"IQ"-Tabelle: Böser Kommentar zur Wahl

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Nicht sarkastisch, sondern zynisch ist dagegen ein "Statistik"-Gag unbekannten Ursprungs und Wahrheitsgehalts, der mittlerweile auf zahlreichen Webseiten gezeigt wird: Unter dem Titel "IQ und Politik" zeigt die Tabelle eine Korrelation zwischen dem durchschnittlichen Intelligenzquotienten der Bewohner eines amerikanischen Bundesstaates und deren Wahlverhalten. Die Botschaft: Wer Bush wählt, ist tendenziell dämlich.

Augenzwinkernden, schadenfrohen Humor beweisen dagegen die Macher von "Marry an American" - oder doch eher Galgenhumor? Die scheinbar kanadische Seite liegt in Wahrheit auf einem Server in New York.

Das ist Solidarität: "Heirate einen Amerikaner"

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Wie auch immer: witzig ist sie allemal. "Marry an American" ruft Kanadier auf, US-Bürger zu heiraten - für Adoptionen sind Erwachsene nun mal zu alt. "Nun, da George W. Bush offiziell gewählt wurde", erklärt die Seite, "werden allein stehende, sexy, liberale Amerikaner - sowieso schon eine bedrohte Spezies - nur zu begierig sein zu fliehen."

Und weiter: "Diese einsamen, verängstigten (und haben wir das erwähnt: wirklich heißen) Progressiven brauchen einen sicheren Zufluchtsort. Du kannst helfen. Öffne Dein Herz und Dein Heim. Heirate einen Amerikaner."



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