Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Web-Betriebssystem: Facebook kopiert die Google-Methode

Von

Das gefällt mir! Lies das! Schau dir das mal an! Milliarden solcher Empfehlungen geben Facebook-Nutzer ihren Freunden jeden Monat. Nun drängt Facebook mit seiner Meinungs-Infrastruktur ins Netz, Web-Seiten können wohl bald die "Gefällt mir"-Schalter einbinden. Das ist Expansion nach Google-Logik.

Facebook-Logo: 200 Millionen Mitglieder rufen die Seite jeden Tag auf Zur Großansicht
AFP

Facebook-Logo: 200 Millionen Mitglieder rufen die Seite jeden Tag auf

Jeden Tag loggen sich 200 Millionen Mitglieder bei Facebook ein und streunen im Durchschnitt 55 Minuten auf den Seiten herum. Facebook ist das größte soziale Netzwerk der Welt. Nun arbeitet die Firma daran, dass sich das ändert. Facebook will nicht mehr nur ein - wenn auch ziemlich großes - Web-Angebot von vielen sein, sondern mehr und mehr Teil der Infrastruktur anderer Angebote werden.

Konkret sieht das so aus: Über die Schnittstelle Facebook Connect können Web-Seiten-Betreiber ihren Lesern eine umständliche Anmeldung ersparen. Wer einen Artikel kommentieren möchte, muss sich auf Seiten wie Mashable.com nicht eigens registrieren, sondern einfach mit seinem Facebook-Konto anmelden. Vorteil für die Seitenbetreiber: Das geht schneller, die Leser nutzen dieses Angebot eher, und sie kommentieren höflicher, weil die Facebook-Identität meistens nicht so leicht abzustreifen ist wie ein anonymer Pöbel-Zugang zu Kommentarforen.

Facebook baut dieses Infrastruktur-Angebot für externe Web-Seiten aus. In dieser Woche wird das Unternehmen auf der Facebook-Entwicklerkonferenz F8 eine neue Schnittstelle vorstellen, melden die " New York Times" und die " Financial Times" übereinstimmend. Das neue Vernetzungsangebot: Seitenbetreiber sollen Facebooks Gutfinde-Knopf auf ihren Seiten einbauen. Mit einem Klick auf die Aussage "Gefällt mir" kann ein Facebook-Nutzer alles mögliche loben - Fotos, Texte, Kommentare anderer, Verweise auf Web-Seiten.

Etwas Vergleichbares hat kürzlich Twitter angekündigt: Über das Programm "@anyhwere" sollen Twitter-Nutzer künftig von Partner-Websites aus direkt Tweets absetzen können - darüber, dass sie dieses Buch gerade gelesen haben und es ihnen gefallen hat, oder darüber, dass dieses Kochrezept hier leider gar nicht funktioniert.

Facebook bietet ein 400-Millionen-Publikum

Facebooks Plan klingt noch simpler, ist es auch, und gerade das ist so genial an diesem Interaktions-Auslöser: Die Nutzer müssen nicht lange Meinung und Formulierungen reflektieren, sondern schnell und impulsiv klicken. Da alle Kontakte eines Mitglieds jede dieser Meinungsäußerungen sehen (XY findet dies und jenes gut), verteilt der Gutfinde-Knopf Aufmerksamkeit in Freundesnetzen.

Im Durchschnitt findet ein Facebook-Mitglied neunmal im Monat etwas so gut, dass das alle Freunde erfahren müssen. Wenn Facebook diese Mundpropaganda-Maschine aufs Netz loslässt, werden viele Anbieter begeistert darauf anspringen. Wer verzichtet schon auf 400 Millionen potentielle Leser, Kunden, Interessenten, die kostenlos von ihren Freunden auf das Angebot gelockt werden?

Warum arbeitet Facebook daran, sein Angebot übers gesamte Netz zu verteilen? Ein Blick auf das Google-Geschäftsmodell könnte eine Antwort geben. Die Suchmaschine sammelt, analysiert und veredelt die Informationsfülle im Web und die Klicks der Google-Nutzer zu Wissen, das Google allein bieten kann. Google analysiert zum Beispiel, welche Seiten besonders häufig verlinkt und welche bei bestimmten Suchanfragen überdurchschnittlich häufig von den Nutzern aufgerufen werden.

Aus vielen solcher Details und der schieren Masse an Nutzern und analysierten Seiten leitet Google eine ganz brauchbare Einschätzung darüber ab, welche Seiten bei welchen Suchanfragen besonders empfehlenswert sind. Twitter versucht, ähnlich gute Antworten auf die Frage zu finden, worauf jetzt gerade viele Menschen ihre Aufmerksamkeit richten und was sie davon halten.

Das Web füttert Facebook mit Spielmaterial

Bei Facebook zeichnet sich ein ähnlicher Pakt wie bei Googles Suchmaschine ab. Der Google-Deal ist für alle Seitenbetreiber dieser: Sie lassen Google ihr Angebot analysieren, vielleicht stimmen sie die Gestaltung sogar auf Googles Suchtechnologie ab und stärken dadurch die Position des Aufmerksamkeitsverteilers Suchmaschine im Web. Im Gegenzug bekommen sie ein wenig Aufmerksamkeit, idealerweise von Menschen mit einem gewissen Grundinteresse, die nach Dingen gesucht haben, die sie nun bei dem angeklickten Angebot finden.

Der Facebook-Deal ist für Inhalteanbieter ein ganz ähnlicher: Sie füttern das Netzwerk mit Material, das Reaktionen der Mitglieder provoziert. Spielmaterial, das Aufmerksamkeit bei Facebook bindet, neue Erkenntnisse über Interessen der Mitglieder liefert, Reaktionen provoziert. Im Gegenzug bekommen die Anbieter der Inhalte mehr Aufmerksamkeit durch Empfehlungen im Freundeskreis.

Google und Twitter wehren sich gegen Facebooks Web-Expansion

Wenn Google für viele Nutzer ein Betriebssystem des Web ist, dann schickt sich Facebook an, eine Mischung aus Kneipe und Telefonnetz zu werden: Google destilliert und zentralisiert aus dem Web und den Klicks seiner Suchmaschinen-Nutzer das Wissen darüber, welche Angebote zu welchen Suchanfragen passen. Facebook analysiert heute Beziehungsgeflechte und Vorlieben der Mitglieder. Wenn Seitenbetreiber Facebooks Dienste mehr und mehr ins Web einbinden, kann ein schlauer Algorithmus aus daraus vielleicht einmal die Vorlieben bestimmter demografischer Gruppen ableiten.

Wenn das klappt, könnte Facebook einmal ein so zentraler Aufmerksamkeitsverteiler im Web werden, wie es Googles Suchmaschine heute ist. Google weiß, was Leute lesen wollen, die bewusst Suchanfragen eintippen. Facebook könnte wissen, was Studenten in München und Frauen über 40 in Florida gerade gut finden. Das dürfte Material sein, mit dem sich ein Werbenetzwerk basteln lässt, das ähnlich gut funktioniert wie Googles Gelddruckmaschine der kontextsensitiven Text-Werbung neben Suchergebnissen.

Facebooks Konkurrenten sehen die Ausbreitung der Schnittstellen des Netzwerks im Web mit Sorge - und reagieren: Google, Microsoft, Yahoo und einige andere Anbieter unterstützen einen neuen Standard namens XAuth, den Web-Seiten-Anbieter ähnlich wie Facebook Connect nutzen können. Der "New York Times" sagt ein Google-Manager zu diesem neuen Wettbewerbsfeld im Web: "Es ist viel zu früh, um das letzte Kapitel in Sachen digitale Identität zu schreiben."

Das kann sein. Während dieser Artikel entstanden ist, haben Facebook-Mitglieder ihren Freunden rein statistisch neun Millionen Fotos, Notizen und Verweise auf Web-Seiten, Nachrichten oder Blogs empfohlen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Soziale Netzwerke
Facebook
DPA
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
DPA
Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

Fotostrecke
Facebook: Die privaten Fotos des Herrn Zuckerberg
Identitäts-Technologie
OpenID
Ein Konzept, das das Passwort-Chaos abschaffen soll: Indem man sich an einer einzigen Stelle einloggt, sei es der Webmail-Account oder das eigene Weblog, soll man automatisch auch für alle möglichen anderen Angebote angemeldet sein. Weil die irgendwo im Hintergrund zwischen verschiedenen Sites Daten ausgetauscht werden. MySpace, neben Facebook das größte Social Network der Welt, ist OpenID gerade beigetreten: Mit seinem MySpace-Login kann man sich künftig auch auf anderen Seiten wie der Blogsuchmaschine Technorati anmelden. Der Haken: Wie viele andere Große auch, ist OpenID für MySpace eine Einbahnstraße. Mit seinem Technorati-Login wird man sich auch weiterhin nicht bei MySpace anmelden können. Andere Branchengrößen wie Yahoo und Google, die ebenfalls beigetreten sind, machen das genauso. So viel Eigennutz zementiert die Zersplitterung digitaler Identitäten. Immerhin: Giganten wie Google, IBM, Microsoft, VeriSign und Yahoo sind der OpenID Foundation beigetreten. Vielleicht öffnen sie die Einbahnstraßen irgendwann.
Data Portability
Nutzer sollen ihre Daten, alles, was sie in bestimmte Plattformen hineingesteckt haben, von dort mitnehmen und anderswo wieder auspacken können. Konkret: Würde Dataportability so funktionieren, wie die Fürsprecher sich das vorstellen, könnte man sein Xing-Profil komplett nehmen und es in Facebook importieren - das Profilbild, die Freundesliste, Hobbys etc., würden hier ein- und dort wieder ausgepackt. Das würde den auf mehreren Plattformen einquartierten heavy usern das ständige Wiedereintippen, Wiederhochladen und Wiederzusammensuchen ersparen. Weit ist man damit aber noch nicht gekommen: Zwar haben sich Yahoo, Ebay, Photobucket und Twitter im Mai 2008 unter der Flagge des "Data Availability" Projektes zusammengeschlossen. Wenn das mal fertig ist, sollen Daten wie Fotos, Videos, Profilinformationen, Lieblingsfilme und -musik sowie Freundeslisten quer über die teilnehmenden Plattformen synchronisiert werden können. Wer bei MySpace ein neues Profilbild einstellte, würde dann ganz automatisch auch sein Profilbild bei Twitter ändern. Yahoo ist auch, inzwischen gemeinsam mit anderen Branchengiganten wie Google, Facebook und Microsoft im Data Portability Project vertreten - einer Arbeitsgruppe, die solche Transfers ganz allgemein möglich machen will. Konkrete Ergebnisse gibt es allerdings noch nicht.
Googles Friend Connect, Facebook Connect
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat es bei einer Entwicklerkonferenz im Juli 2008 angekündigt, Google etwas Ähnliches schon Monate zuvor vorgestellt - was prompt Ärger mit Facebook auslöste. Beide Systeme sollen im Prinzip das einlösen, was das Data Portability Projekt verspricht: Nutzerdaten aus Profilen transportabel zu machen, so dass man seine Freunde andernorts leicht wiederfinden kann und nicht immer wieder neue Webformulare ausfüllen muss. Die Tatsache, dass nun zwei Schwergewichte zwei konkurrierende Angebote fast gleichen Namens betreiben, lässt allerdings nicht gerade hoffen.
Friendfeed, Lifestream, Socialthing und das neue Facebook
Friendfeed ist ein Web-Dienst, der in den vergangenen Monaten unter Tech-Bloggern und Branchenkennern für einige Aufregung gesorgt hat. Andere Dienste wie Socialthing oder das deutschsprachige Lifestream.fm wollen das gleiche: Die Dienste gehen gewissermaßen den dem Dataportability-Konzept entgegengesetzten Weg: Statt Informationen einer Person auf unterschiedlichsten Plattformen parallel zu synchronisieren, ziehen Friendfeed und die anderen sie zusammen. Man kann dort seinen eigenen Netz-Aktivitätsstrom bündeln. Flickr-Fotos, Blogeinträge, Webshop-Wunschlisten, Lieblingslieder bei LastFM, Netz-Bookmarks bei del.icio.us und so weiter. FriendFeed ist ein Trichter, der alle möglichen Netz-Beiträge einer Person vereint - und es gleichzeitig erlaubt, den so erzeugten Datenströmen anderer Nutzer zu folgen. Der Input bleibt dezentral, der Output dagegen wird auf diese Weise zentralisiert. Die Splitter einer digitalen Online-Identität werden zwar nicht wirklich zusammengesetzt, aber doch zumindest an einem Ort gesammelt. Facebook hat sich von diesem Modell nun etwas abgeschaut - die neuen Profilansichten, die im Juli 2008 vorgestellt wurden, erinnern ein bisschen an FriendFeed. Auch bei Facebook kann man sich nun gebündelte Aktivitätsströme ansehen, aus Flickr-Fotos und diversen Facebook-internen Aktivitäten.


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: