Internet-Design Diese Webseite ist nicht hässlich. Das ist Punk

Blaue Links, Standardschrift, einfarbiger Hintergrund - so sahen Webseiten früher aus. Nun lebt der Look der Neunziger wieder auf.

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Pascal Deville findet Schönheit, wo andere nur Hässlichkeit sehen. Für seine Webseiten-Sammlung auf Brutalistwebsites.com wühlt Deville sich beispielsweise durch Buchstabenwüsten auf dem Bildschirm, mit ozeanblau eingefärbten Links in Standardschriften.

Manche würden sagen: Neunzigerjahre-Trash aus der Frühzeit des Internets. Überholt. Deville, Kreativdirektor bei einer Schweizer Agentur, sieht das anders, zumindest solange es sich um moderne Webseiten handelt. Er fasst sie als Teil einer Protestbewegung namens Web Brutalism auf.

Der Begriff Web-Brutalismus lehnt sich an einen Architekturstil der Moderne an, den Brutalismus. Brutalistische Gebäude, zum Beispiel von Le Corbusier, entstanden ab den Sechzigerjahren überall auf der Welt und stehen für einen rohen, unbearbeitet wirkenden Stil: Mitunter würde man solche Gebäude auch einfach als Betonklötze bezeichnen.

Heute kann jeder eine perfekte Webseite haben

Übersetzt man diesen Stil ins Netz, heißt das: einfache Seiten ohne Chichi, mit simplen Mitteln erstellt. Die Betonklötze des Netzes. Als bekannte Beispiele für brutalistische Webseiten nennt Deville das Portal Craigslist.com und den Nachrichtenaggregator "Drudge Report".

Klare visuelle Merkmale zu definieren, damit tut sich Deville aber schwer. "Es geht nicht nur darum, was man sieht. Sondern auch darum, wie es gemacht wurde", sagt er. Bevor er eine Seite in seine Sammlung aufnimmt, schaut er sich auch den Source-Code der Seite an. War das Absicht so oder ist das einfach Stümperei?

Hier können Sie sich durch einige Beispiele aus Devilles Sammlung klicken:

Heute sieht man dank standardisierter Web-Templates, dank Blogging-Plattformen wie Wordpress überall perfekte Webseiten, auch bei Privatpersonen. Der Web-Brutalismus ist die Gegenbewegung, sagt Deville. "Er lehnt sich gegen die vorherrschende Perfektion auf und spielt bewusst mit Elementen des Unperfekten."

Die Seiten stammen oft von Webdesign-Profis

Für Deville ist die Abwendung vom allgegenwärtigen cleanen, ultra-übersichtlichen Look vieler Webseiten eine Form der Protestkultur: "Das ist kein Trend, sondern eine Bewegung, wie bei den Skateboardern oder den Punks."

Deville schätzt, dass 90 Prozent der Seiten seiner Sammlung von Profis gemacht wurden. Das gehört also tatsächlich so, in den meisten Fällen. Und es sind gerade die Internetnutzer, die sich am intensivsten mit Design beschäftigen, die sich nun wieder für das rohe, unbearbeitet wirkende Design interessieren, das früher die einzig mögliche Darstellungsmethode von Internetseiten war.

"Die Seiten können hochmodern gemacht sein, niemand muss uralten Code verwenden", sagt Deville. Als Retro würde Deville den Web-Brutalismus also auf keinen Fall bezeichnen. Wo genau die Grenze liegt, will er aber nicht definieren. Der Kontext zählt. Wer sich seine Sammlung durchsieht, bekommt trotz solch unscharfer Definitionen schnell ein Gefühl für den Stil, den Deville meint.

"Unsere Webseiten waren verdammt hässlich"

Die Rückkehr zu Seiten im Look der Neunzigerjahre kann dabei auch viel mehr sein als nur Nachdenken über Design und Ästhetik: Ein kanadischer Webdesigner namens Justin Jackson hat vor Kurzem unter dem Titel "I'm a fucking Webmaster" einen Text veröffentlicht, der die politische Komponente des Web-Brutalismus liefert.

Darin kritisiert Jackson, dass immer mehr Webseiten überladen sind und ihre Erbauer vergessen hätten, worum es im Kern gehe: Inhalt. "Unsere Webseiten waren verdammt hässlich", gibt Jackson zu, schreibt aber auch: "Sie waren einfach. Aber sie waren fokussiert. Keine Ablenkungen, es gab nur die Frage: Welche Idee willst du ausdrücken?"

Die Webseite, auf der Jackson seine Gedanken veröffentlicht hat, ist ein perfektes Beispiel für den Web-Brutalismus. Weißer Grund, schwarze Schrift, blaue Links. Gefettet hat Jackson diesen Satz: "Wir müssen uns daran erinnern, dass eine Webseite im Kern ganz simpel gehalten ist." Jüngere Internetnutzer müssten lernen, eine einfache HTML-Webseite so zu lieben, wie man es früher getan habe, fordert Jackson.

Heute seien viele Webseiten unnötig komplex, was Teilhabe am Netz erschwere. Früher war weniger Glanz und Glitter, dafür mehr Selbermach-Romantik. Heute sehen viele Nutzer das standardisierte Facebook-Profil als perfekten Ausdruck ihrer Person an - auch für Deville eine absurde Entwicklung.

Auf Inhalte konzentrieren

Nicht alle Webseiten-Betreiber, deren Produkte Deville in seiner Sammlung aufführt, können mit dem Begriff des Web-Brutalismus etwas anfangen. Das wird in einigen Antworten deutlich, die Seitenbesitzer Deville in seinem Fragebogen gegeben haben. "Ich sehe unsere Seite überhaupt nicht als roh und zerklüftet an", antwortet zum Beispiel ein Befragter.

Die Seite "Hacker News" wiederum beantwortet die Frage von Deville, warum sie eine brutalistische Webseite haben, mit der Begründung, die Seite sei "designt, um sich auf interessante Inhalte zu fokussieren". Ein anderer Befragter gibt als Begründung für den brutalistischen Look seiner Seite schlicht zur Antwort: "Punk Rock".


Zusammengefasst: Heute ist es so leicht wie nie, eine professionell aussehende Webseite ins Netz zu stellen. Die Bewegung des Web-Brutalismus lehnt sich dagegen auf - und baut bewusst unperfekte Seiten, Beispiele zeigt diese Fotostrecke. Der Name ist dem Architekturstil des Brutalismus entlehnt, der für einen rohen, unbearbeiteten Look steht.

Aus dem Archiv: Reiseführer ins Netz von früher
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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
bushmills 05.06.2016
1. einfarbige Hintergründe
Na endlich wieder. All das aufmerksamkeitsdefokussierende und kontrastreduzierende Gedöns zum tentativen Aufhübschen von was in der Essenz ja informationsvermittelnde Seiten sein sollen, geht mir dermaßen auf den Keks, daß ich die Anbieter der schlimmeren, also überladenen Seiten schon lange entwieder durch einen Proxy-basierten Vereinfachungsfilter laufen lasse, oder gleich ganz blockiere. Ganz toll: Photografischer Hintergrund mit (teil-)transparentem Hintergrund der Textbox - ich möchte in einem Buch ja auch bevorzugt rein weiße Seiten mit schwarzem Text, und nicht bunte Buchstaben auf Bilder gedruckt, so daß der Text zum teil nur noch zu erahnen ist. Bei der Gelegenheit will ich auch gleich noch bissel über Minimalkontrastfarbkombinationen schimpfen, die von einigen Anbietern scheinbar sehr gemocht werden, vielleicht weil hellgrau oder dunkelblau auf dunkelgrau nach deren Meinung eleganter aussieht, und der Leser dafür Schirmhelligkeit aufreißen und Umgebung verdunkeln muß. Aber nein, Darstellung scheint eine größere Rolle zu spielen als Inhalt: wurscht was da steht, solang es mal nicht langweilig schwarz- weiß ist.
Sleeper_in_Metropolis 05.06.2016
2.
Vor allem mußte man früher auf vielen Webseiten nicht ewig warten, bis die dreihundertfünfzig eingebetteten klicki-bunti-Applikationen geladen waren. Da war viel Text, einige Links und ein paar Bilder, und fertig. Geladen und Benutzbar in nullkommanichts. Heute kann man tlw. erst mal Kaffee trinken gehen, bis nach einem Seitenaufruf auch die letzte Werbeinblendung komplett geladen ist und man auf der Seite scrollen oder klicken darf.
Dromedar 05.06.2016
3. Die meisten modernen Web-Präsenzen
kranken meiner Meinung am mobile-first-design. In den meisten Fällen will ich nicht scrollen (noch nicht einmal auf dem Handy). Wenn es nicht auf einen kleine Seite passt, reduziert es, macht es übersichtlich prägnant. Eine Web-Seite, 1 Inhalt. Da ist nichts falsches darin einen Link statt irgendeinen Infinity-Scroll-Effekt oder was aufpoppendes/hereinrollendes/animiertes Irgendetwas zu haben. Von Links hat das Web seinen Namen. Und abseits vom Design: - Wenn der Inhalt dominiert, sollte ich mit wget in der Lage sein, da ohne große Probleme heranzukommen. - Und wenn schon irgend eine AJAX-Schnittstelle nötig ist, macht die API öffentlich. (Internet dient dazu Informationen so einfach wie möglich zu vernetzen, nicht so schön wie möglich) - Und die Inhalte einer Web-Präsenz sollten von dem Web-Präsentierenden kommen (abschreckendes Beispiel SPON: ~180 Requests (wtf, wozu), wenn ich die Startseite besuche, aber nur ein dutzend davon bleiben bei spiegel.de :-o, deswegen ist das trotz mobile-first-design auf mobiles fast unbedienbar und darüber hinaus eine riesige Sicherheitslücke) Das kuriose: Die wirklichen BigPlayer wie Google, Facebook, Youtube,Yahoo (hüst, wird wirklich noch oft besucht), msn, Wikipedia, halten sich im wesentlichen immer noch an das klassische, schlichte, funktionale Design (aus gutem Grund).
t.ito 05.06.2016
4. Diversifikation
interessant zu sehen wie Webdesign sich diversifiziert, ohne die Idee der Funktionalität aus den Augen zu verlieren. Ich habe mich zudem gefragt ob fefes blog auch als Brutalismus gelten würde. Dort wird ja ganz bewusst auf puren Text mit minimalster Formatierung gesetzt.
gustavsche 05.06.2016
5.
Zitat von Dromedarkranken meiner Meinung am mobile-first-design. In den meisten Fällen will ich nicht scrollen (noch nicht einmal auf dem Handy). Wenn es nicht auf einen kleine Seite passt, reduziert es, macht es übersichtlich prägnant. Eine Web-Seite, 1 Inhalt. Da ist nichts falsches darin einen Link statt irgendeinen Infinity-Scroll-Effekt oder was aufpoppendes/hereinrollendes/animiertes Irgendetwas zu haben. Von Links hat das Web seinen Namen. Und abseits vom Design: - Wenn der Inhalt dominiert, sollte ich mit wget in der Lage sein, da ohne große Probleme heranzukommen. - Und wenn schon irgend eine AJAX-Schnittstelle nötig ist, macht die API öffentlich. (Internet dient dazu Informationen so einfach wie möglich zu vernetzen, nicht so schön wie möglich) - Und die Inhalte einer Web-Präsenz sollten von dem Web-Präsentierenden kommen (abschreckendes Beispiel SPON: ~180 Requests (wtf, wozu), wenn ich die Startseite besuche, aber nur ein dutzend davon bleiben bei spiegel.de :-o, deswegen ist das trotz mobile-first-design auf mobiles fast unbedienbar und darüber hinaus eine riesige Sicherheitslücke) Das kuriose: Die wirklichen BigPlayer wie Google, Facebook, Youtube,Yahoo (hüst, wird wirklich noch oft besucht), msn, Wikipedia, halten sich im wesentlichen immer noch an das klassische, schlichte, funktionale Design (aus gutem Grund).
Ich hasse das "infinitive scroll"-Ding. Die Webpräsenz der SZ kann man jetzt nicht nur wegen Inhalte in die Tonne treten. Welt.de macht das mittlerweile auch. Funktional ist das unter aller Kanone. Webdesigner sind ja ohnehin eine Spezies für sich, die ich nicht verstehe. Die machen mir seit 2000 das Leben schwer. Als ich noch ein 56k-Modem hatte, hatten die ihre Webseiten so geschrieben, als hätte jeder eine Glasfaser-Standleitung. Später kam der ganze Flash-Mist. Sie haben recht: Die richtig guten Seiten halten sich an die Standards und machen keinen Unsinn. Die schalten auch im akzeptablen Maße Werbung. Da wird keine Werbung in den Hintergrund eingebettet und ploppt auch nichts auf. Bei Google oder Yahoo ist mir noch nie etwas aufgeploppt. Der nächste Fehler, den ich mittlerweile erlebte: Videos starten automatisch. Ich klicke viele Seiten an und lasse die im Hintergrund in einem gesonderten Tab laden, weil das ja an sich so lange so dauert. Und dann geht ein Schrottvideo los. Das ist dann schon peinlich, wenn das in der Mittagspause in der Firma passiert. Konkret der Übeltäter: welt.de Macht die Seiten schnell ladbar und Videos gehören abgeschaltet. Es kann auch nicht sein, dass mein Rechner mit 16 GB RAM und einer modernen CPU unter der Last von Zeitungszeiten ins Straucheln kommt.
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