Web-Communities: Das Internet als Klassengesellschaft

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MySpace für Doofe, Facebook für Akademiker, Xing fürs Geschäft? Die Web-Communities von heute sind längst keine klassenlosen Räume mehr, in denen alle auf Augenhöhe kommunizieren. Die Netzgesellschaft differenziert sich rasant aus - bis hin zum persönlichen Suchmaschinenmarketing.

"Die höheren Kasten der High School sind zu Facebook umgezogen. Das war zivilisierter, und weniger kitschig. Die niedrigeren Klassen waren üblicherweise zufrieden, bei MySpace zu bleiben."

Kaste? Klasse? Im Internet?

Social Networks (mit Profilfotos von SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeitern): "Gesellschaftliche Spaltungen der nächsten Generation"

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Die zitierten Sätze stammen von einem 17-Jährigen aus Kalifornien. Aufgezeichnet hat sie die Ethnographin Danah Boyd, eine Forscherin, die sich seit Jahren mit den sozialen Auswirkungen digitaler Vernetzung befasst. Bemerkenswert sind sie nicht nur wegen der Begrifflichkeit, die aus dem 19. Jahrhundert zu stammen scheint. Sondern auch wegen der zentralen These, die Boyd in zahlreichen Gesprächen mit anderen US-Teenagern bestätigt fand: "MySpace ist inzwischen mehr so eine Art Ghetto", zitiert die Forscherin eine 14-Jährige.

Die Social Networks in den USA, glaubt Boyd, sind nicht die Gemeinschaft stiftenden Orte des Dialogs, für die sie mancher hält: "Das Internet ist der öffentliche Raum der nächsten Generation. Unglücklicherweise bringt es auch die gesellschaftlichen Spaltungen der nächsten Generation mit sich." MySpace entwickle sich mehr und mehr zum Netzwerk der Unterprivilegierten, während Facebook die akademisch gebildete, überwiegend weiße Mittel- und Oberschicht der USA anspreche.

"Das sieht arroganten Stereotypen sehr ähnlich"

Boyd benutzte in einem Vortrag bei der Fachtagung "Personal Democracy Forum" für ihre Beobachtungen sogar den Begriff "White Flight". Der bezeichnet eigentlich die Entwicklung, dass weiße Stadtbewohner in den USA sich oft in die Vorstädte zurückziehen, während Innenstädte zunehmend von Schwarzen bewohnt werden. Boyd aber bezog ihn auf die Nutzer-Bewegungen von einer Community zur anderen - und betrat damit in den auf Political Correctness bedachten US-Akademikerkreisen potentiell vermintes Terrain. "Ihre 'Ethografien' sehen ignoranten/arroganten Stereotypen verblüffend ähnlich", schimpfte ein Kommentator in Boyds Blog.

Tatsächlich aber gibt es neben Boyds Interviews mit Teenagern auch statistisches Material, das zeigt, dass Merkmale wie Herkunft und Bildungsstand eine Vorhersage darüber erlauben, in welchem Social Network sich jemand zu Hause fühlt. Eszter Hargittai, Kommunikationswissenschaftlerin an der Northwestern University, befragte in den Jahren 2007 und 2009 jeweils Gruppen von Erstsemestern an US-Colleges nach ihrem Community-Nutzungsverhalten. Sie fand ein sehr ähnliches Muster.

Die Latinos, in ihrer allerdings vergleichsweise kleinen Stichprobe, nutzten im Vergleich zu anderen häufiger MySpace und seltener Facebook, ebenso wie diejenigen, deren Eltern eine besonders schlechte Ausbildung hatten (weniger als einen Highschool-Abschluss). Je besser die Ausbildung der Eltern, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand bei MySpace vertreten war. Nur 30 Prozent der Weißen in Hargittais Stichprobe nutzte 2009 noch MySpace. Die MySpace-Nutzerzahlen, das sei nebenbei erwähnt, stagnieren, während Facebook weiter rasant wächst.

Das deutsche Netz ist auch kein Hort der Gleichheit

Eine großangelegte Studie des Pew American Life Project kam zu einem ähnlichen Ergebnis: "MySpace-Nutzer sind typischerweise eher Frauen, Latinos oder Schwarze, haben einen High-School-Abschluss oder ein bisschen College-Erfahrung." Facebook-Nutzer dagegen seien "eher Männer und haben einen College-Abschluss". Danah Boyd wiederum hat beobachtet, dass Facebook-Nutzer im Teenager-Alter tendenziell deutlich herablassender über MySpace-Nutzer sprechen als umgekehrt. Die Arroganz der Privilegierten?

Auch das deutsche Netz ist übrigens weit davon entfernt, eine egalitäre Ansammlung von Freunden jenseits von Klasse, Bildungs- und sozialer Schicht zu sein. Das Hans-Bredow-Institut in Hamburg hat erst kürzlich untersucht, wie Jugendliche und junge Erwachsene hierzulande mit dem Web 2.0 aufwachsen - und fand auch hier deutliche Unterschiede, zumindest was die formale Bildung der Nutzer angeht. In den "VZs", also Holtzbrincks Communities für Schüler, Studenten und ehemalige Studenten, tummeln sich erwartungsgemäß eher Menschen mit höherer formaler Bildung - auch schon im SchülerVZ. Dort findet man überproportional viele Gymnasiasten.

Selbstvermarktung per Google-Anzeige

Hamburger Hauptschüler etwa, so Jan Schmidt vom Bredow-Institut, hätten in Gesprächsrunden berichtet, sie seien eher auf der ursprünglich belgischen Plattform Netlog vertreten. Dort lassen sich Profilseiten, ähnlich wie bei MySpace, viel stärker den persönlichen Bedürfnissen der Nutzer anpassen - mit knallbunten Hintergrundgrafiken oder eingebundenen Videos zum Beispiel. MySpace selbst spielt in Deutschland generell eine eher untergeordnete Rolle, genau wie Facebook. Die VZ-Profile wiederum sind, wie beim großen Vorbild Facebook, eher schlicht gehalten, Hintergrundfarbe ist stets weiß, wilde Design-Experimente werden den Nutzern nicht erlaubt.

Wie und wo man sich online präsentiert, hängt eben maßgeblich davon ab, wen man dort als Publikum vermutet. Am deutlichsten wird das in auf professionelle Nutzung ausgerichteten Netzwerken wie Xing oder LinkedIn: Das Design ist nüchtern und starr, Fotos und Videos werden hier nicht vorgeführt, schließlich geht es um die Selbstdarstellung des beruflichen Ich, nicht der Privatperson.

Für Erwachsene jenseits des Teenager-Alters sind Netzwerke längst zu Orten der digitalen Selbstvermarktung geworden - was zum Beispiel der Ansturm auf die "Vanity URLs" bei Facebook anschaulich illustriert. Als das Unternehmen verkündete, man werde demnächst die Adresse facebook.com/IhrName beanspruchen können, die dann direkt aufs eigene Profil verweisen werde, war der Ansturm gewaltig.

Der erste Google-Eindruck zählt

Die gute alte Homepage kommt zurück, könnte man also sagen. Digitale Selbstdarstellung, die Kontrolle über den ersten Google-Eindruck wird täglich wichtiger, gerade für Freiberufler oder Menschen auf der Suche nach einem neuen Job.

Genau auf diesen Markt zielt auch das deutsche Angebot MyOnID: Es ist eine Mischung aus Business-Community, Webseiten-Baukasten - und persönlicher Google-Manipulation. Die Betreiber versprechen ihren Kunden, durch Suchmaschinenoptimierung dabei zu helfen, dass das säuberlich gepflegte Profil bei einer Google-Suche auch schön weit oben landet.

Gegen eine Extra-Gebühr kann man sich von MyOnID sogar zum beworbenen Produkt machen lassen: Für sechs Euro pro Monat kaufen die Betreiber auch Suchmaschinenanzeigen, die dann bei Google in der rechten Spalte neben den Ergebnissen auftauchen, wenn jemand nach dem Namen des Kunden sucht - wie sonst die Verweise auf Webshops, Ebay und Co. Folgerichtig können Premium-Kunden auch hier eine "Vanity URL" beanspruchen: Wer sich den eigenen Namen als Domain gesichert hat, kann sein MyOnID-Profil auch über diese Adresse ansteuerbar machen. Die Betreiber sprechen denn auch von "Personal Branding": "Hier stellen sich Nutzer als Marke dar."

Wer zahlt, das ist die Botschaft, bekommt dafür Kontrolle über das, was man im Netz über ihn findet. Mit Geld gegen den großen Gleichmacher Google.

Von einer klassenlosen Gesellschaft ist die Weltgemeinde der Internet-Nutzer jedenfalls weit entfernt. "Eines", sagt Danah Boyd, "muss man im Zusammenhang mit Social Media im Gedächtnis behalten: Das Internet spiegelt bestehtende Entwicklungen wider und verstärkt sie."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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1. ich lebe real life
faustjucken_de 13.07.2009
mir schleieerhaft, was manche leute ihre zeit mit myspace, facebook und co verplempern...
2. Falsche Fragestellung
joe_leads 13.07.2009
Die Frage ist vermutlich eher, welche Benutzergruppe am ausdauerndsten ist, die typische MySpace-Seite zu ertragen: vollkommen überfrachtet, lädt ewig, unerträgliches Layout, gerne mit pinkfarbenem Text auf magenta Hintergrund, irgendeine doofe Musik, die sofort losplärrt, und endlose Listen mit kitschigen animierten Gifs, mit denen sich Leute fürs "adden" bedanken, null Inforamtionsgehalt. IMHO ist MySpace eher eine Art digitales Poesiealbum für pubertierende 14-jährige Mädels und eine Beleidigung für jeden Intellekt, als Kommunikationsplattform für normaldenkende Menschen. Dafür brauche ich auch keine "Sozialstudie", die mir ein "Kastensystem" im Internet erklären will.
3. Alles gut
ccmehil 13.07.2009
Dann bin ich ja bei den gehobenen Diensten angemeldet. Wer sich etwas auskennt, der hat das eh schon geahnt. MySpace ist auch so 90s.
4. <->
silenced 13.07.2009
Jetzt fühl ich mich aber richtig "schlecht". Weder bei Facebook, noch bei MySpace, ja nichtmal bei StudiVZ oder sonstigen "Communities". Ich beschränke mich vielmehr auf spezifische Foren zu den Themen für die man sich interessiert und Kontakte werden entweder über den seit 1999 existierenden AIM-Account aufrechterhalten oder durch den IRC. In welche "Klasse" muß ich mich nun einordnen? Für alles andere gibt es das "Real Life", aber das im Netz ja sowas wie "social suicide". Mir persönlich tun die MySpaceler, FaceBookler + VZ'ler eigentlich nur leid.
5. Unreal
DJ Doena 13.07.2009
Zitat von silencedFür alles andere gibt es das "Real Life", aber das im Netz ja sowas wie "social suicide". Mir persönlich tun die MySpaceler, FaceBookler + VZ'ler eigentlich nur leid.
Mir hingegen ist nicht klar, was am Internet ein "unreal life" sein soll, es sei denn man spielt gerade UT.
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