Web-Experiment: Google will Übersetzer vermitteln

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Neuer Dienst im Netz: Google testet intern ein Portal, das die Leistungen menschlicher Übersetzer im Web bündelt. Der Konzern will so Übersetzungen hoher Qualität in mehr als 40 Sprachen erreichen. Doch mit der Teilnahme würden die Profis sich womöglich langfristig selbst überflüssig machen.

Manchmal arbeiten Menschen doch besser als Computer. Googles kostenloser Automatenübersetzer macht aus der Überschrift " Teure Tickets, miese Bewertungen" im Englischen ganz passend "expensive tickets, rotten reviews". Beim Schritt zurück stolpert der automatische Google-Übersetzer dann aber gewaltig und interpretiert recht frei "Teuren Tickets, morsch Bewertungen".

Das könnte in ein paar Monaten anders werden.

Die Autoren des Watchblogs " Google Blogoscoped" haben Seiten eines neuen Google-Dienstes namens "Google Translation Center" entdeckt, der einige Zeit lang offen zugänglich war. SPIEGEL ONLINE konnte am Montagabend kurz hinter die Kulissen schauen - am Dienstag dann leitete Google alle Zugriffe auf das Angebot zu seiner Startseite weiter.

Hinter dem "Translation Center" verbirgt sich eine Web-Vermittlung für menschliche Übersetzer, die derzeit eine frühe interne Testphase bei Google durchläuft. Der Web-Konzern beschreibt das Prinzip des Dienstes auf den gestern zugänglichen Seiten so:

  • "Fordern Sie Übersetzungen an, finden Sie Übersetzer - ein Dokument hochladen und Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen anfordern."
  • "Übersetzen Sie und prüfen Sie übersetzte Dokumente mit Googles kostenlosen, leicht bedienbaren Online-Übersetzungswerkzeugen."

Die Screenshots der Web-Software zeigen eine recht ausgetüftelte Maske zur Auftragsvergabe und einige für Übersetzer sicher interessante Werkzeuge wie ein Archiv aller zuvor geschriebener Übersetzungen, ein Glossar, eine automatisch aufgearbeitete Übersicht aller Bearbeitungsschritte. Die wichtigsten Fragen lässt Google in dem ( von Blogoscope in Auszügen archivierten) Hilfedokument allerdings offen:

  • Wie werden Übersetzer bezahlt, oder sind es Freiwillige? Googles Antwort: "Wir bieten die Werkzeuge allen Übersetzern an." In den Geschäftsbedingungen ist ausdrücklich auch von "Zahlungen" unter den Nutzern des Dienstes die Rede. Wie die Preise aber zustande kommen sollen, ist derzeit unbekannt.
  • Wie verdient Google Geld damit? Wenn eine Bezahlfunktion (oder gar ein Auktionsdienst oder Ähnliches) integriert wird, könnte Google einfach einen kleinen Teil der Honorare als Kommission abgreifen. Allein - Google Blogoscoped zitiert einen Passus aus den Geschäftsbedingungen, in dem Google angibt, an der Abwicklung von Zahlungen und Dienstleistungen zwischen den Nutzern der Plattform "nicht beteiligt" zu sein.

Wie ein Geschäftsmodell für eine solche Online-Arbeitskraftvermittlung aussehen kann, macht der Web-Gigant Amazon vor: Das vor Jahren einmal als Buchversand gestartete Unternehmen betreibt die Minutenlöhnervermittlung "Mechanical Turk". Hier bieten Unternehmen Jobs an, die "Menschen besser beherrschen als Computer" - so stellt Amazon den Dienst dar. Für jede Aufgabe gibt es ein Honorar, zwischen wenigen US-Cent und 30 US-Dollar, je nach geschätztem Zeitaufwand und Anspruch.

Amazon benutzt diese Plattform selbst, um Minutenlöhner anzuwerben - auch für Übersetzungen. Derzeit läuft ein Qualifizierungstest, für anstehende Übersetzungsarbeiten aus dem Englischen ins Französische. Simplere Amazon-Jobs gibt es auch, zum Beispiel die "Korrektur deutscher Suchbegriffe". Als Beispiel führt Amazon auf:

"Stellen Sie sich vor, Sie und ein Freund kaufen auf einer Shopping-Website wie Amazon.de ein. Ihr Freund steht ein bisschen auf Kriegsfuß mit der Rechtschreibung und bittet Sie, ihm beim Tippen zuzusehen und seine Fehler zu korrigieren. So ist zum Beispiel 'Timberland' die korrekte Schreibweise einer Bekleidungsmarke, während 'Timbaland' die korrekte Schreibweise eines Musikernamens ist."

Mit 60 Sekunden veranschlagt Amazon den Zeitaufwand pro Suchbegriff, 2 US-Cents gibt es dafür - macht rein rechnerisch einen Stundenlohn von 1,20 US-Dollar, umgerechnet also nicht einmal einem Euro.

Googles Minutenlöhner-Portal ist gescheitert

Google ist schon einmal mit einem Portal zur Vermittlung menschlicher Arbeitskraft gescheitert. Der Dienst Google Answers wurde Ende 2006 nach gut vier Jahren des Dahinsiechens eingestellt. Bei diesem Web-basierten Rechercheangebot ließ Google ein paar Hundert freiberuflich arbeitende "Google Answers Researchers" Anfragen beantworten. Die Auftraggeber legten fest, wie viel sie für eine befriedigende Auskunft bezahlen wollten (zwischen 2,50 und 200 US-Dollar).

Schlossen Kunde und Researcher die Transaktion ab, behielt Google ein Viertel der überwiesenen Summe. In Russland und China betreibt Google noch einen vergleichbaren Dienst. "Questions and Answers" ist dort aber eher als Community angelegt: Nutzer beantworten hier Fragen kollektiv, ohne Bezahlung. So ähnlich wie bei anderen Diensten wie Yahoo Answers oder Lycos IQ.

Was treibt Google nach diesem Misserfolg dazu, sich noch einmal an einer Arbeitskraftvermittlung zu versuchen? An einer, bei der bislang keine Erlösquelle zu erkennen ist?

Die überzeugendste Erklärung formuliert der US-Technikblogger Brian McConnell bei GigaOM: "Google Translation Center wird Google nützen, wenn hier ein Reservoir an hochwertigen Übersetzungsalternativen entsteht, das in Googles Software-Übersetzer eingespeist werden kann."

In der Tat sieht das, was vom Google Translation Center bislang zu sehen war, ganz danach aus, dass Ursprungstexte und Übersetzungen zwingend auf Google-Servern gespeichert werden müssen. Weiter gedacht könnte das bedeuten: Wenn Übersetzer Aufträge über Googles Dienst abwickeln, bringen sie mit jeder Übersetzung der Google-Software ein wenig mehr Sprachgefühl bei. Bis der Google-Roboter dann irgendwann selbst merkt, dass die Schlagzeile "Teuren Tickets, morsch Bewertungen" so gar nicht deutsch klingt.

Und eines Tages vielleicht komplett auf menschliche Hilfe verzichten kann.

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