Web-Firmen Gründerfieber im Schwyzer Valley

Startups aus der Schweiz? Jahrelang hörte man wenig von den Eidgenossen. Auf einmal erblüht dort eine bunte Dotcom-Szene und trumpft auf mit guten Ideen. Das ist nicht zuletzt dem Staat zu verdanken, der kräftig fördert - und zwei Hochschulen.

Von Helmut Merschmann


Wer jemals versucht hat, mehr als fünf Leute auf einen Termin einzuschwören, weiß, wie schwierig sich das gestalten kann. Man bittet um ein Treffen und schlägt per Mail zwei Termine vor. Kurze Zeit später trudeln wortreiche Absagen mit Alternativvorschlägen ein. Schickt man diese dann nochmals in die Runde, ist das Chaos perfekt. Viel einfacher geht’s mit Doodle. Per Online-Terminplaner lassen sich ohne viel Aufwand Meetings organisieren.

Alphörner blasen zum Angriff: Die Schweiz entwickelt sich zum Web-2.0-Gründerland
REUTERS

Alphörner blasen zum Angriff: Die Schweiz entwickelt sich zum Web-2.0-Gründerland

In eine Maske werden der Grund des Treffens und mögliche Termine gefüllt. Doodle generiert daraus eine übersichtliche Umfrage, in die sich Teilnehmer mit Namen und Wunschtermin eintragen. Fertig!

"Wir haben nach einer einfachen Lösung gesucht", sagt Doodle-Gründer Michael Näf, "wo jedem sofort klar ist, wie sie funktioniert." Doodle überzeugt, weil es so simpel ist. Der Dienst, im März 2007 gegründet, ist bereits in 19 Sprachen verfügbar und weist über eine Million Seitenbesuche pro Monat auf. Schnell hat sich das Unternehmen zum Liebling der Schweizer Dotcom-Szene gemausert. Die Investoren stehen Schlange. Michael Näf und sein Kompagnon Paul E. Sevinç konnten sich ihre Kapitalgeber aus zahlreichen Interessenten aussuchen.

In der Schweiz herrscht Gründerstimmung. Noch nie haben so viele helvetische Startups von sich reden gemacht. Damals, zur Milleniumswende, hatte man wenig von einem Goldrausch in der Schweiz vernommen. Vielleicht lag es am konservativen Klima, das man dem Alpenland häufig nachsagt. Heute sieht die Situation anders aus: Auf einem Startup-Meeting, das der britische Ableger des Web-2.0-Blogs Techcrunch in Zürich organisiert hat, versammelten sich 40 Schweizer Jungunternehmen zum 20-Sekunden-Pitch. Darunter Amazee, Cassiber, Starfruit, KeyLemon und Yes. Selbst die Veranstalter wunderten sich über die Vielzahl an Teilnehmern.

Vernetzter Handshake

Beispiel: Poken. Das junge Startup aus Lausanne hat einen Schlüsselanhänger entwickelt, der mittels RFID soziale Daten mit anderen austauscht und diese später mit sozialen Communitys wie Linked-In und Facebook vernetzt. Funk statt Visitenkarte. "Poken lässt den Handschlag wiederaufleben", lautet der dazugehörige Slogan.

Oder Kooaba: Auch dieser Service verbindet die reale mit der digitalen Welt. Die Handy-Software ermöglicht es, Fotos von realen Objekten aufzunehmen und sie in Internet-Suchanfragen zu verwandeln. Einem Filmplakat lassen sich die lokalen Kinotermine entnehmen, touristischen Sehenswürdigkeiten künftig ein paar Daten zur Geschichte.

Neue Förderprogramme

So viel Erfindungsreichtum ist den Eidgenossen einige Unterstützung wert. So erhielt Kooaba beim Startup-Wettbewerb "Venture 08" den Preis für die beste Geschäftsidee. Poken konnte 20.000 Franken von der schweizer Gründungsinitiative Venture Lab einstreichen, die im Rahmen ihres "Venture kick"-Programms bis zu 130.000 Franken für eine erfolgreiche Unternehmensgründung vergibt. Doodle wiederum wird von der Innovationsstiftung der Schwyzer Kantonalbank und vom deutschen Risikokapitalgeber Creathor Venture unterstützt.

Allein die Innovationsstiftung stellt im Jahr 20 Millionen Franken (etwa 12,3 Millionen Euro) Fördergeld zur Verfügung. "Es herrscht gerade eine interessante Dynamik im Markt", sagt Markus Oswald von der Innovationsstiftung. "In den vergangenen zwei Jahren sind einige Initiativen gegründet worden, die den Unternehmen eine interessante Plattform bieten, so dass sie sichtbarer werden." Neben Venture Kick ist das vor allem cti Startup, das wichtigste bundesstaatliche Programm für angewandte Forschung und Entwicklung an den schweizer Hochschulen. Jahresvolumen: rund hundert Millionen Franken.

Kreative Hochschulen und Selbstfinanziers

Der schweizer Weg geht so: Studenten der Informatik oder einer Ingenieurswissenschaft entwickeln im Laufe ihres Studiums an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) oder der Ecole Polytechnique Fédéral de Lausanne (EPFL) eine Geschäftsidee. Die wird im Rahmen des Diploms oder der Promotion ausgearbeitet. Währenddessen nehmen die jungen Gründer an Startup-Kursen von Venture Lab teil, lassen sich auf Gründertreffen sehen und bewerben sich bei den Förderungen. "Es gibt viele Startup-Förderprogramme in der Schweiz", berichtet Dominik Grolimund, Geschäftsführer des Online-Speichernetzwerks Wua.la. "Die betreiben Startup-Coaching und helfen mit, die ersten Löhne zu bezahlen."

Grolimund ist darauf nicht angewiesen. Der 28-Jährige ist sein eigener Finanzier. Vor zehn Jahren gründete er erfolgreich die Adressdatenbank Caleido, die ihm heute hilft, Wua.la aus eigenen Mitteln zu finanzieren. "Wir haben sehr viele Anfragen zum Launch von Wua.la erhalten", erzählt Grolimund, "sei es von Business Angels oder Venture Capitalists". Am 14. August soll der vernetzte Online-Speicher aus der geschlossenen Alpha-Version für jedermann verfügbar sein. "Geld brauchen wir nur, wenn wir zu schnell wachsen. Denn dann wird’s teuer."



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