Web-Gags zur Wahl Hau den Bush, verspotte Kerry

Gut ein Jahr lang wurde auch im Internet der US-Wahlkampf geführt, und zwar mit teils rabiaten Mitteln: Beißend frech und ironisch wurden die Kandidaten virtuell durch den Kakao gezogen. SPIEGEL ONLINE trägt die Highlights zusammen.


"Spank Bush": Eine Tracht Prügel für den Amtsinhaber

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Eigentlich, argumentieren die Macher der Webseite GlobalVote, sei die US-Präsidentschaftswahl eine globale Wahl, mit weit reichenden Konsequenzen für fast jeden Weltbürger. Da liegt es natürlich nahe, die Welt zumindest virtuell abstimmen zu lassen. Satt einen Tag vor den USA hat dieses weltweite Wahlvolk seinen Favoriten längst gekürt: Der heißt natürlich John Kerry - und konnte 77,1 Prozent der Stimmen für sich verbuchen.

So etwas kann man als Gag abtun, unter dem Strich aber trifft zumindest eines zu: Selten zuvor hat ein Wahlkampf mehr Menschen in aller Welt erreicht, hat eine Wahl die Gemüter mehr bewegt als bei der Entscheidung Kerry gegen Bush.

Mehr als je zuvor hatte die Welt auch direkten Anteil am politischen Informationsfluss der US-Parteien, die ihren Wahlkampf natürlich auch im Web führten. Anders als in Europa, wo sich zu solchen Anlässen allenfalls wenige Parteien, Medien und Privatpersonen zumeist satirische Kommentare zur aktuellen Politik leisten ("Bundesdance"), hat sich seit den Anfängen der Web-Kampagnen im letzten Clinton-Wahlkampf eine regelrechte eigene Web-Wahlkampfkultur ausgeprägt.

Und die hat es in sich: Wo Amerikas Medien, solange sie nicht Fox heißen und parteilich Flagge zeigen, oftmals als zu zahnlos gelten, da wird im Web gebissen, getreten und gelästert. Politische Informationskampagnen im Web, das heißt vor allem Polit-Satire, und die zielte von jeher darauf, ihr Opfer dadurch zu schwächen, dass sie es der Lächerlichkeit preisgab.

Die modernen Narren sitzen an privaten Schreibtischen, bei spitzzüngigen Medien, viel häufiger jedoch in den Parteien selbst. Bei "Whack a Bush" schlagen Amerikas Grüne mit Wahlstimmen auf Bush ein, die Politsatire "Oil House", die das Weiße Haus zur Tankstelle erklärt, flimmert über die Kampagnenseite von John Kerry, während die Republikaner mit "Kerrypoly" den reichen Lebensstil des Kandidaten der Demokraten auf den Arm nehmen.

So etwas gibt es in Massen, es wird per Mail und Newsletter lanciert, mit den Methoden des "Guerilla-Marketing" als Gag-Mail von Büro zu Büro rund um den Globus weiter gereicht, in Medien besprochen, von Fans und Unterstützerkreisen gesammelt und verteilt. Bush mal richtig den Hintern versohlen, das wollen nach aktuellen Umfragen rund die Hälfte der Wahlwilligen (die anderen wünschen sich einen anderen Hintern). Die witzigsten, despektierlichsten und mitunter entlarvendsten Web-Gags aber kommen aus dem Lager der "Profis".

Spiel mit dem Gegner: Öl-Millionär Bush lässt Kerry als reichen Fatzke diffamieren

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Relativ plump ist das noch, wenn die Londoner Webseite Miniclips eine stetig wachsende Zahl von Baller-, Tanz- und anderen Veräppelungsspielchen sammelt. Eine Liga darüber spottet "Jibjab" über einen versnobten, masochistischen Kerry, lässt Bush als Waffen-Irren auf der A-Bombe reiten und sogar Gerhard Schröder kommt zu einem kleinen Gastauftritt (als eine von drei Kerry-"Dominas").

Dass die freche Frotzelei zur Melodie von "This Land is your land" zunächst von Liedermacher Woody Guthries Erben wegen Copyright-Verstößen angefeindet, letztlich aber sanktioniert wird, verschafft ihr zusätzliches Medienecho: Kein Polit-Stückchen hat in diesem Wahlkampf mehr Aufmerksamkeit geerntet.

Vielleicht mit Ausnahme des "Wahlautomaten" (siehe unten) der Amsterdamer Theatergruppe Boom Chicago: Bei der begreift man, wofür elektronisches Wählen wirklich gut ist.

Köstlich: "Instant Polling Results" zeigt, wie die Medien-Demokratie tickt

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Wie typisch auch, dass hier der pointierte Blick auf Amerikas Wahl ausgerechnet aus dem europäischen Ausland erfolgt. Was das "Kerry-Olympics"-Spielchen der Republikaner versuchte (nämlich Kerry als flatterhaftes Fähnchen im Wind darzustellen), schaffen die Niederländer weit besser: Ihr herrlich satirischer Film "Kerry's Instant Polling Results" karikiert gekonnt die Mechanismen einer auf Demographie fußenden Demokratie.

Frank Patalong

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