Web-Guerilla Anonymous Sabotage in der Hassmaschine

Ist Anonymous enttarnt? Ehemalige Mitglieder der Internet-Guerilla brüsten sich damit, eine Liste mit Klarnamen führender Aktivisten an den Erzfeind übergeben zu haben - ans FBI und das US-Verteidigungsministerium. Als Motiv nennen sie Ärger über Arroganz und Rachsucht der alten Kollegen.

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Anonymous-Aktivisten in Spanien (Februar 2011): Unpatriotische Gesinnung?
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Anonymous-Aktivisten in Spanien (Februar 2011): Unpatriotische Gesinnung?


Sie haben sich mit Paypal, Mastercard und Visa angelegt, sich in die Proteste in Tunesien und Ägypten eingemischt, Scientology mit Internetattacken und Demonstrationen bloßgestellt und immer wieder die Websites von Film- und Musikverbänden abgeschossen. Jetzt aber scheint die Internet-Guerilla Anonymous von der Spaltung bedroht - weil angeblich interne Kommunikationsprotokolle öffentlich gemacht worden sind. Doch sind die Dokumente echt - und stammen sie tatsächlich von Aussteigern?

Am Freitag war es nur eine Warnung: Wir werden Anonymous enttarnen, prahlten Unbekannte auf den Seiten von US-Medien wie "Gawker" und "Forbes". Sie bezeichneten sich als Aussteiger des Aktivistennetzwerks Anonymous. Und sie drohten: Dem FBI und dem US-Verteidigungsministerium lägen bereits Listen mit mehr als hundert Klarnamen von Anonymous-Aktivisten vor. Außerdem steht seit Sonntagnacht ein angebliches Chat-Protokoll aus einem inneren Kreis der Anonymous-Aktivisten für alle Welt zum Download im Netz.

Darin prahlt offenbar auch der Hacker, der Ende Februar aus den Rechnern der US-Sicherheitsfirma HBGary Tausende E-Mails entwendet hat. Es geht um Straftaten, für die man ins Gefängnis kommt. Die Veröffentlichung könnte der Online-Bewegung einen schweren Schlag versetzen. Gestartet war die Bewegung als lose Gruppierung von Scientology-Gegnern. Wenig später nahm sie es mit Großkonzernen und Diktatoren auf. Kürzlich drohte jemand im Namen von Anonymous dem Pentagon - man werde Rache nehmen für die Behandlung des Ex-Soldaten Bradley Manning, der an WikiLeaks geheime US-Dokumente weitergereicht haben soll.

Die internationalen Strafverfolgungsbehörden versuchen seit geraumer Zeit, der Gruppierung auf die Schliche zu kommen und ihre innere Struktur zu enthüllen - mit geringem Erfolg. Bisher gelang es nicht, der als chaotisch auftretenden Gruppe eine innere Führungsstruktur nachzuweisen, geschweige denn, Anführer zu identifizieren.

Aus den Dokumenten geht hervor, wie zumindest Teile von Anonymous tatsächlich Führungsstrukturen entwickelten, einzelne Aktivisten Aufgaben verteilten, sich zu Skype-Konferenzen verabredeten, Themen absprachen und eine gemeinsame Linie, etwa bei Medienanfragen, festlegten.

Zu wenig Spaß, zu viel Politik

Dabei scheinen einige der Aktivisten die Bodenhaftung verloren zu haben. Die Verräter wünschen sich nun, das alle Welt erfahre, wie "größenwahnsinnig" und "rachsüchtig" Anonymous sei. Von der Vorstellung, dass Anonymous ein loser Haufen sei, der mithilfe der "Weisheit der Masse" und "Schwarmintelligenz" Entscheidungen treffe, müssen sich - sollten die Dokumente echt sein - nun auch die letzten Anonymous-Verteidiger verabschieden.

Schwerer wiegen dürfte aber der Ton, der in diesem (einzigen?) Führungszirkel herrscht: selbstgerecht und sehr von sich eingenommen. Schwer vorzustellen, dass der humanitäre Anspruch, den Anonymous in der Öffentlichkeit gerne zelebriert, das einzige Motiv für die Hackangriffe auf Regierungen, Institutionen und Individuen ist. Man gratuliert sich gegenseitig zum Sturz des ägyptischen Herrschers Mubarak, prahlt mit Hack-Großtaten und ringt um Anerkennung - etwa wenn es darum geht, wie viel besser der Angriff auf die US-Sicherheitsfirma HBGary hätte laufen können. Längere Auszüge aus den Chats hat "Gawker" aufbereitet.

Das könnte auch den Ärger der Dissidenten erklären: Dem "Forbes"-Blogger Andy Greenberg etwa sagte einer der vermeintlichen Abtrünnigen, dass Anonymous mit der Enthüllung "in seiner aktuellen Form" ein Ende gemacht werden solle. Die Gruppe habe Verrat an ihren Wurzeln begangen. Statt spaßigem, oft destruktivem Nihilismus sei Anonymous heute viel zu politisch: "Anonymous ging es nie um Revolutionen. Es geht nicht um die Verbesserung der Menschheit. Es ist die Hassmaschine des Internets. Zumindest ist es das, was es sein sollte."

"Die Bastarde werden arrogante Soziopathen," erklärte Gawker-Informant "A5h3r4": "Sie handeln erst, denken nicht über die Konsequenzen nach. Sie rekrutieren Kinder." Im Dezember war in den Niederlanden ein 16-Jähriger verhaftet worden, der bei Denial-of-Service-Attacken mitgemacht haben soll. Anonymous sei selbst für eine "sehr weit links stehende Person" wie ihn nur noch ein gewissenloser Mob. "Kurz gesagt glaube ich, dass sie auf dem besten Weg sind, eine echte Gefahr zu werden."

Sind die Protokolle echt oder ein großer Bluff?

Bisher wird die Echtheit der Chat-Protokolle nicht bestritten. Sympathisanten wittern dennoch eine Verschwörung, eine Falle - zumindest aber einen Werbegag. Denn die angeblichen Anonymous-Dissidenten treten als neue Internet-Sicherheitsfirma Backtrace Security auf, deren Schwerpunkte unter anderem "Cyber-Kriegsführung, psychologische Kampfführung, Informationssicherheit und Betriebsspionage" seien. Die Firmen-Website ist ein auf Hacker-Romantik gemachter, dürrer Blog. Im assoziierten Twitter-Konto heißt es nach Veröffentlichung der Protokolle reißerisch: "Wer wird der erste sein?" und "Wie fühlt sich das Messer an, wenn man auf der Empfängerseite steht?"

Sprechen so wirklich Anonymous-Dissidenten? Klingt das nicht eher nach Internet-Trollen, die Medien und Staatsorganen einen Streich spielen wollen? Immerhin sind Anonymous und verwandte Internetgruppierungen Experten im Spiel mit Falschinformationen und Social-Engineering-Manipulationen.

Die von den angeblichen Dissidenten eingereichten Unterlagen nimmt die amerikanische Bundespolizei jedenfalls ernst. Auf Anfrage des Web-Magazins
"Gawker" bestätigte ein FBI-Agent, man sei "an dem Fall dran" . Eine FBI-Sprecherin wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht näher "zu den laufenden Ermittlungen" äußern.

Und auch der inoffizielle Anonymous-Sprecher Barrett Brown unterstützt die Authentizität der Dokumente: "Wir wissen um das Sicherheitsproblem." Schon in der Vergangenheit seien solche Chat-Protokolle abhanden gekommen. Aber in dem entsprechenden Chat-Kanal wären ohnehin nie konkrete Hacks koordiniert worden - das aber wären die Informationen, die das FBI am meisten interessieren dürften. Im Übrigen, schiebt Brown mit dem Anonymous-typischen Sarkasmus hinterher: "Wir sind tatsächlich größenwahnsinnig und rachsüchtig geworden."



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Seite 1
shokaku 21.03.2011
1.
Ein Rudel Selbstgerechter unter einem Dach, und schon ist die K*cke am dampfen. Ist aber nun wirklich nix neues. Schön ist auch die Bezeichnung Hassmaschine. Werden die üblichen Verdächtigen zwar leugnen, aber das ist überaus passend.
static_noise 21.03.2011
2. .
Das klingt nach Wichtigtuern die am Rande mitgelaufen sind und jetzt gern aus der 'Annonymität' in's Rampenlicht wollen. Die den Unterscheid zwischen 4chan und Annonymus nicht kennen (Annonymus war immer politisch, da es eine Meinung hatte). Die die vollkommen computer-analphabete Journalie jetzt um ein paar Tausender, ein paar Zeitungsschlageilen und evtl. ein paar Fernseh Auftritte bescheißen. Die sicherlich jetzt andere Probleme hätten, wäre ihre behauptung war. Am besten gefällt mir die Idee, dass die MEldung von Annonymus selber stammt und alle etwaigen 'Listen mit Klarnamen' nur Honeypots für die Strafverfolgungsbehörden sind... Jeder dritte Bundesbeante öffnet das ZIP-File mit der NAmensliste sicherlich sofort ...
interessierter_leser 21.03.2011
3. Du sollst keine Götter haben neben mir...
... schon gefährlich, da macht sich eine Gruppierung daran mächtiger zu werden als mancher Staat und sogar FREI und UNABHÄNGIG handeln zu können (per se ein Verbrechen). Eine potentielle Gefährdung des Kapitalismus. Also schnell Gehirnwäschemaschine an, auf die die Medien prompt wieder reinfallen und mitmachen (sonst ist noch jemand anderes schneller und bekommt das GELD)... Mächtig im Internet sein, darf halt nicht vergessen lassen, dass es ein REAL LIFE gibt, und dass es immer noch echte Namen gibt, die in einer Geburtsurkunde und einem Register eines Staates vermerkt sind. Die können von denen die sie kennen durchaus verraten werden. Und: Wer von Hackerfreunden umgeben ist, darf sich nicht wundern was passiert, wenn aus diesen Hackerfeinde werden...
TekDa74 21.03.2011
4. Verrat
Zitat von sysopIst Anonymous enttarnt? Ehemalige Mitglieder der Internet-Guerilla brüsten sich damit, eine Liste mit Klarnamen führender Aktivisten an den Erzfeind übergeben zu haben - ans FBI und das US-Verteidigungsministerium. Als Motiv nennen sie Ärger über "Arroganz" und "Rachsucht" der alten Kollegen. * http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,752151,00.html
gibt es auch unter normalen Guerilieros.Eine Schande von denen,die die sich gern in der Öffentlichkeit zeigen.
FrozenSun 21.03.2011
5. Wtf?
Wie kann man eine Organisation "enttarnen" die dezentralisiert und Anonym agiert? Jeder der auch nur einen Funken Hirn besitzt und bei Anonymous mitmacht wird niemals seinen "Klarnamen" nennen egal wem. Und die die den Klarnamen wissen werden wohl Private Freunde sein. Aber die Idee mit dem Honeypot ist klasse : D
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