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Web-Guru David Weinberger: "Wir haben es mit einem Generationenwandel zu tun"

Sich ans Web gewöhnen ist ein bisschen wie Sterben, sagt David Weinberger. Der Internet-Guru ist überzeugt, dass wir gerade erst angefangen haben, uns an den Wandel zu gewöhnen. Ein Gespräch über falsche Vorhersagen, Communitys und die Zukunft des Netzes.

SPIEGEL ONLINE: Im Jahr 2004 veröffentlichte ein US-Autor namens John Motavalli ein Buch namens "Bamboozled at the Revolution" über die Zukunft des Internets. Seine Kernthesen waren: "Web-Inhalte sind tot", "digitale Träume sind verschoben, bis Breitband eines Tages kommt" und "AOL Time Warner wird dominieren". Wie konnte man vor nur vier Jahren so falsch liegen?

Weinberger: Es gibt da eine Art logische Abfolge: Wenn man glaubt, dass Inhalte das sind, was das Web antreibt, und weiter annimmt, dass die Profis das am besten können, Inhalte produzieren - dann bekommt man ein Modell für das Internet, das dem alten Rundfunk-Schema entspricht. Das ist ein Fehler, aber kein völlig unverständlicher. Richtig ist aber, dass niemand jemals weiß, was mit dem Web passieren wird, also wird man immer zurückblicken und unglaublich fehlerhafte Prognosen finden können.

SPIEGEL ONLINE: Sie verdienen heute Geld damit, dass Sie Vorträge über das Netz halten und Unternehmen erklären, was sie damit anstellen sollten - sollten wir das nicht langsam hinter uns haben, 15 Jahre nach den Anfängen?

Weinberger: Nein. Der Wandel ist so tiefgreifend und die Herausforderung für unsere Kern-Institutionen so fundamental, dass es ein bisschen dauert, bis sich die Leute angepasst haben. Sie machen diese fünf Stadien des Sterbens durch: Sie leugnen, dass der Wandel überhaupt da ist - denn der ist sehr beunruhigend, er betrifft unsere Kernüberzeugungen, unsere Methoden, Geld zu verdienen, unser Selbstbild. Wir wollen ihn verleugnen, wir versuchen, ihn misszuverstehen, wir versuchen, ihn mit den alten Begriffen zu begreifen - wir haben es mit einem Generationenwandel zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Fünf Stadien des Sterbens?

Weinberger: Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross beschreibt so die psychologischen Stadien, die Todkranke durchlaufen: Leugnen, Wut, Verhandeln, Depression und am Ende das Akzeptieren des Unvermeidlichen. Jeder, der mit irgendeiner Einrichtung in Verbindung steht, die vor dieser Herausforderung durch das Neue steht, muss diese Stadien durchmachen. Das liegt nicht nur daran, dass wir ein Interesse daran haben, weiter in den alten Bahnen zu denken. Der Wandel ist nicht nur für unsere Institutionen fundamental, sondern auch dafür, wie wir über uns selbst nachdenken - und darüber, was unsere Welt eigentlich ist. Eine grundlegende Herausforderung auch für unsere Vorstellung von Wissen, unsere Vorstellung von Gemeinschaft, vom Menschsein. Es dauert ein bisschen, sich damit auseinanderzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Das Web verändert sich immer noch permanent. Bewegen wir uns von einer Ansammlung von Webseiten hin zu einer Ansammlung von Datenströmen, die von einzelnen Seiten unabhängig werden?

Weinberger: Das Internet als Ganzes ist schon jetzt eine ganze Reihe von Dingen - von denen wir manche gar nicht als "das Internet" betrachten. Wie Telefonate global weitergeleitet werden zum Beispiel, selbst wenn man nicht an Skype denkt. Fernsehen und medizinische Daten werden über das Internet übermittelt. Wenn wir "Web" sagen, denken wir an Orte, an die man gehen kann, rechteckige Seiten, die immerhin deutlich stärker animiert sind als vor 10 oder 15 Jahren. Aber schon jetzt sind diese Seiten häufig aus Datenströmen aus ganz unterschiedlichen Quellen zusammengesetzt, ohne dass wir das mitbekommen. Tatsächlich gibt es heutzutage kaum noch Seiten, die einfach nur eine einzelne Seite sind. Blogs ziehen Sachen aus Datenbanken, eine einzige Wikipedia-Seite kommt in Wahrheit von drei oder vier verschiedenen Servern. Nur der Nutzer sieht nur eine einzige Seite. Ich glaube, dass diese Metapher weiterbestehen wird - aber vielleicht nicht als einzige. Zum Beispiel weiß das Web heute, wie Seiten miteinander verknüpft sind, wie Ideen miteinander verknüpft sind. Aber es weiß nichts darüber, wie Menschen miteinander verbunden sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen vom sogenannten Social Graph, dem Branchen-Buzzword dieser Tage.

Weinberger: Ja. Das ist ein großes fehlendes Stück in diesem Puzzle, und deshalb sind die Social-Networking-Angebote auch so schnell so groß geworden. Die wissen eben, wer wen kennt, und das ist ein unglaublich wertvolles Stück Infrastruktur, das bislang fehlte. Deshalb setzten jetzt auch alle möglichen Anwendungen darauf auf: Die Netzwerke wissen über diese Zusammenhänge Bescheid, und das Web selbst tut das nicht. Das ergibt neue Webseiten - aber auch neue Dienste, die nicht an Seiten gebunden sind.

SPIEGEL ONLINE: Werden sich Inhalte künftig also mehr um reale Personen herum gruppieren als auf Webseiten? Entsteht ein Netz von Menschen, mit Datenströmen, die miteinander verbunden sind? So wie Friendfeed oder Socialthing, die Fotos, Bookmarks, Blogeinträge und anderes aus verschiedenen Quellen zusammenziehen?

Weinberger: Ja, Inhalte werden mehr um Personen herum aggregiert. Aber auch um andere Dinge herum. Viele der interessantesten Innovationen im Web betreffen genau diese Frage: Wie wir Ideen und Inhalte zusammenziehen. Das wird nicht aufhören. Aber gerade der soziale Aspekt ist natürlich besonders interessant, und in den vergangenen Jahren hat sich da Faszinierendes entwickelt - soziale Filter. Das Netz ist zu groß für einen Einzelnen, also erforschen wir es gemeinsam ...

SPIEGEL ONLINE: ... Aber vor unseren Bildschirmen sind wir immer noch allein.

Weinberger: Seit seinem Ursprung, seit den ersten E-Mails, seit Usenet ist das Internet eine Empfehlungsmaschine, mit der wir einander auf interessante Sachen hinweisen. Das war sogar der Grund für seine Entwicklung. Es sollte nicht nur eine Bibliothek sein, sondern auch die Möglichkeit bieten, zu sagen: "Hier ist ein interessanter Artikel, ein wichtiges Argument, und ich stimme dem zu oder eben nicht, und zwar aus folgenden Gründen." Eine Empfehlungsmaschine, von Person zu Person, von Gruppe zu Gruppe. Und es wird sich weiterentwickeln. Teilweise automatisiert - es wird erraten, was Sie als nächstes interessieren könnte, in Abhängigkeit davon, was Sie tun, und das ist praktisch. Aber es wird auch betrachten, was das soziale Netzwerk um Sie herum macht. Das ist eine äußerst wertvolle Methode, um Dinge herauszufinden, die Sie interessieren. Es wird in diesem Bereich unvorhersehbare Entwicklungen geben.

Die Fragen stellte Christian Stöcker

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Forum - Macht das Internet doof?
insgesamt 446 Beiträge
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1.
Peter-Freimann 07.08.2008
Zitat von sysopLängst ist das Internet zu einem Massenmedium geworden. Datensammlungen, Informationsflut und Bilder machen das World Wide Web zunehmend unverzichtbar, User verlassen sich oft blind darauf. Macht das Netz die User leichtgläubig und dumm? Ist das oft unüberschaubare Datenangebot noch zu bewältigen oder überfordert es eher?
Kann das selber nicht beurteilen. Ich bin gerade auf der Suche nach einem Link, der diese Frage beantworten kann.
2.
qwertzalot, 07.08.2008
Zitat von sysopLängst ist das Internet zu einem Massenmedium geworden. Datensammlungen, Informationsflut und Bilder machen das World Wide Web zunehmend unverzichtbar, User verlassen sich oft blind darauf. Macht das Netz die User leichtgläubig und dumm? Ist das oft unüberschaubare Datenangebot noch zu bewältigen oder überfordert es eher?
Mein erster Gedanke beim Lesen dieser Frage war: Ja, manche Leute anscheinend schon. Wie kann man nur so eine besche...te Frage stellen. Machen Bibliotheken dumm? So viele Bücher auf einem Haufen. Wer glaubt das alles leichtfertig? Bla, bla, blubb
3.
Azubipower, 07.08.2008
Zitat von sysopLängst ist das Internet zu einem Massenmedium geworden. Datensammlungen, Informationsflut und Bilder machen das World Wide Web zunehmend unverzichtbar, User verlassen sich oft blind darauf. Macht das Netz die User leichtgläubig und dumm? Ist das oft unüberschaubare Datenangebot noch zu bewältigen oder überfordert es eher?
Leichtgläubig und dumm macht das Netz nicht. Wer ausserhalb des Netzes leichtgläubig ist und sich dumm verhält tut dieses auch im Internet. Imformationsbeschaffung ist in erster Linie wie in der Realen Welt, ich muss wissen wo ich welchen Informationen vertrauen kann und nicht wild umhergoogeln und alles aufsaugen.
4.
das_schwampel 07.08.2008
Es ist wie im Leben: man kann dumme Bücher lesen, dumme Filme sehen und man kann auch im Internet dumme Sachen machen. Das Internet ist genauso dumm wie der, der vorm Rechner sitzt.
5.
Ty Coon, 07.08.2008
Zitat von das_schwampelEs ist wie im Leben: man kann dumme Bücher lesen, dumme Filme sehen und man kann auch im Internet dumme Sachen machen. Das Internet ist genauso dumm wie der, der vorm Rechner sitzt.
Oder wie der Informatiker sagt: "Schiet rinn, Schiet ruut!"
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