Web-Guru zu Nutzer-Beobachtung "Ich würde den Provider wechseln"

Tim Berners-Lee, der Erfinder des WWW, hat sich gegen die zunehmende Ausforschung des Nutzerverhaltens ausgesprochen. Die größten Gefahren entdeckt er im sogenannten Targeted Advertising - und im Exhibitionismus jugendlicher Social-Network-Nutzer.


Aus Perspektive des typischen Nutzers von Facebook oder MySpace ist der Mann uralt, aber "Ahnung" von Online-Dingen wird ihm wohl kaum jemand absprechen: Tim Berners-Lee, 52, ist der Erfinder von HTML und damit des WWW. Dass er das Protokoll 1993 frei veröffentlichte und so der Welt im Sinne des Wortes das WWW schenkte, statt sich daran finanziell gesundzustoßen, ist die Grundlage seiner Legende: Der Mann gilt als glaubwürdig.

Tim Berners-Lee: Erfinder des WWW (Archivbild: bei der Verleihung eines Technologie-Preises 2004 in Helsinki)
DPA

Tim Berners-Lee: Erfinder des WWW (Archivbild: bei der Verleihung eines Technologie-Preises 2004 in Helsinki)

Seit einigen Jahren steht er dem World Wide Web Consortium vor und arbeitet an der Weiterentwicklung der Netz-Technologien. Was er da im Augenblick sieht, gefällt ihm nicht immer. In einem 26 Minuten langen Interview mit der BBC zog Berners-Lee nun ein Fazit von eineinhalb Jahrzehnten WWW. Doch nichts darin findet derzeit so viel Beachtung wie Berners-Lees Aussagen zum Schwinden der Privatsphäre.

Denn seit langem zum ersten Mal mischt sich Berners-Lee damit in einen aktuellen Streit ein. Der Anlass: die Aktivitäten des Werbe-Tracking-Unternehmens Phorm. Die Vermarkter haben sich darauf spezialisiert, das Surfverhalten von Netz-Nutzern im Detail zu beobachten und zu protokollieren, um ihnen auf sie persönlich zugeschnittene Werbung zu übermitteln - eine Strategie, die unter der Bezeichnung "targeted Advertising", gezielte Werbung, läuft.

Phorm setzt auf Providerseite an, beobachtet also direkt die Bewegungen im Netz, ohne dass der Nutzer davon erfährt. Ohne den Firmennamen zu nennen, macht Berners-Lee klar, wie er damit umgehen würde, wenn er erführe, dass sein Provider solche Techniken zuließe: "Ich würde den Provider wechseln."

Denn private Daten sollten privat bleiben - und das schließe nicht zuletzt auch all die Informationen ein, die vor allem junge Nutzer viel zu bereitwillig in Social Networks verteilen. Berners-Lee: "Man sollte sich vorstellen, dass alles, was man da hineinschreibt, von der Person gelesen wird, bei der man sich um seinen ersten Job bewirbt. Stellt euch vor, dass alles auch von euren Eltern gelesen wird, von euren Großeltern und auch noch von euren Enkeln."

Eine Kurz-Version des Interviews bietet die BBC auch in schriftlicher Form an.

Per Interview zum Kronzeugen

Berners-Lees Zitate fanden sofort Eingang in die laufende Debatte um die Firma Phorm. Die kooperiert in Großbritannien mit mehreren Internet-Service-Providern, unter anderem der British Telecom. Dabei arbeite Phorm außerhalb der gesetzlichen Vorgaben, glaubt die Foundation for Information Policy Research (FIPR), einem durch Industrieunternehmen, akademische Institute und Regierungsbehörden gestützten britischen Politik-Think-Tank.

In einem offenen Brief wandte sich FIPR am Montag an die britische Telekommunikationsbehörde, die derzeit die Aktivitäten von Phorm untersucht sowie die Kooperationen der britischen Firma mit dortigen Telekommunikationsunternehmen. In dem Schreiben macht sie auf die Geschäftspraktiken von Phorm aufmerksam und auf deren die privatsphäre verletztenden Charakter.

In dem Brief heißt es: "Das System von Phorm ist hochgradig neugierig – es ist, als ob die Post alle meine Briefe öffnete, um zu sehen, wofür ich mich interessiere, nur damit mir verbesserte Werbewurfsendungen zugesandt werden können."

Phorm-Chef Kent Ertugrul will all das nicht gelten lassen. Die Technik seines Unternehmens respektiere die Privatsphäre der Nutzer, weil man die Teilnahme verweigern könne ("Opt-out-Verfahren"). Die Argumentation ähnelt der anderer Firmen, die Targeted Advertising einsetzen - und das sind eine ganze Menge, von Facebook bis Google. Berners-Lee hatte sich hier dafür ausgesprochen, grundsätzlich ein Opt-in-Verfahren zu nutzen, bei dem man bewusst seine Teilnahme erklären muss und nicht umgekehrt. In Deutschland hatte zuletzt StudiVZ genau diese Umstellung vornehmen müssen, nachdem die Firma für eine Targeted-Advertising-Technik massive Kritik kassiert hatte.

Kritik erntet nun allerdings auch Berners-Lee - natürlich von Seiten von Marketingfirmen. Im Firmenblog von Jupiter Research kritisierte Marktanalyst Nate Elliot Berners-Lees generell ablehnende Haltung gegen Targeted Advertising, das Werbern als zurzeit vielversprechendeste Marketing-Technik gilt: "Ich bin mir sicher, dass Sir Berners-Lee einer der führenden Köpfe der digitalen Welt ist - aber entweder er hat nie etwas über behavioral targeting gelesen, oder er kennt die Bedeutung des Wortes 'anonym' nicht, oder er misstraut ganz einfach seinem Service-Provider."

pat

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Berliner Löwe, 18.03.2008
1. Gähn
Was uns Tim Berners-Lee erzählt ist nun nicht wirklich neu. Neu sind vielleicht die Methoden, die neuen technischen Möglichkeiten. Mir ist schon bewußt, dass ich beim einkaufen, beim surfen oder beim chatten "überwacht" werde. Aber ehrlich gesagt es stört mich auch nicht besonders. Sobald ich mich im öffentlichen Raum begebe, virtuell oder leibhaftig, bin ich kontrollierbar und auch manipulierbar. Mich stört auch zielgerichtete Werbung nicht so sehr, warum auch, ich kann auch nutzen daraus ziehen. Wenn ich Mails schreibe, verfasse ich sie schon so, als ob ich eine Postkarte schreibe, im ungünstigsten Fall für alle offen. Ich versuche mich ganz gut abzusichern mit dem Computer und weiß auch das das beste Schutzprogramm keinen 100%igen Schutz bieten kann. Wenn ich bei Preisausschreiben mitmache, bin ich mir bewußt eventuell von Werbemüll überschüttet zu werden, wenn meine Nummer im Telefonbuch erscheint kann ich nicht sicher sein von Werbeanrufen überrannt zu werden und wenn ich in Berlin in einer guten Gegend wohne kann ich leichter mit einen Kredit rechnen als wenn ich in sozialen Brennpunkten wohne. Ich versuche bewußt zu leben und zu handeln und kalkuliere ein, das es ein abgeschottetes Leben heutzutage nicht geben kann, warum auch?!
theo-loge 18.03.2008
2. das ist ja spannend
Wie bekommt man heraus, ob der Provider "solche Techniken" zulässt?
ChesterJenkins 18.03.2008
3. Wehr Dich
Allen Nutzern von FIrefox kann ich nur das Add-On TrackMeNot empfehlen. Da werden dann automatisch so viele unsinnige Suchanfragen gesendet, daß Deine wirklichen Interessen im Nebel untergehen.
de.nada 18.03.2008
4. ?
Zitat von theo-logeWie bekommt man heraus, ob der Provider "solche Techniken" zulässt?
Das ist bestimmt so erhellend wie einen Zeugen Jehovas zu fragen wozu Jehova Zeugen braucht. Aber seit der gesetzlichen Erlaubnis der Elektronischen Überwachung bei Verdacht, ist jede Privat wie Intimsphäre pure Illusion. Nach dem was ich bisher dazu gehört und gelesen habe geben Richter nur allzuleicht ihr Einverständnis an die Behörden. Wir kennen ja seit dem Mittelalter Argumentationstechniken, aus dem Hexenhammer, wonach eine gut formulierte Verdächtigung unmöglich zu widerlegen ist. Was solls, solange nur die persönliche Freiheit und nicht das eigene Leben gefährdet ist sollen die doch an ihren Daten ersticken. Statt Scheiterhaufen und Folterkeller gibts dafür das soziale Aus gratis. Das bekommt man ja nicht mal mit Gefängnisstrafen so gut hin. Diese Überwachung und spioniererei hat zwar den Sozialismus zerstört, aber wenn wir diese tolle Prinzip dem Markt zur Verfügung stellen läuft`s bestimmt besser als im Mittelalter und im Sozialismus.;-)
Steve Holmes 19.03.2008
5. .
Es gibt durchaus Möglichkeiten seine Daten zu schützen. Es gibt Web-Anonymisierungsdienste und sehr leistungsfähige Verschlüsselungsverfahren. Sowohl für lokale Daten als auch für e-Mail. In manchen Ländern, z.B. Frankreich, ist der Einsatz verboten, nicht jedoch in Deutschland.
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