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Web-Historie: Der Stotterstart des WWW

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Vor 20 Jahren entwickelte Tim Berners-Lee am Forschungsinstitut CERN den ersten Webserver. Kaum jemand bemerkte, dass das relevant war: Der Erfinder hatte seine später WWW genannte Plattform angeboten wie Sauerbier - und erst im zweiten Anlauf durchsetzen können.

Web-Historie: Die Väter des WWW Fotos
DPA/ CERN

Der Mann war ein Leiharbeiter, und dann noch von der Sorte, die mancher Festangestellte nicht unbedingt gern sieht: Ein ungewöhnlich schnell und gut arbeitender Spezialist, heißt es, der die Zeit, die er durch vorzeitiges Beenden seiner eigentlichen Aufgaben gewann, dann noch mit konstruktiven Dingen nutzte. Tim Berners-Lee, 1980 von seinem eigentlichen Arbeitgeber kurzzeitig ans Schweizer Forschungsinstitut CERN verliehen, hatte dabei vor allem eines im Sinn: Die Organisation von Informationen.

Es waren mehrere Faktoren, die Mitte der Siebziger zu einer regelrechten Informations- und Kommunikationsexplosion geführt hatten. An Stelle der großen Rechner mit zentraler Dateneingabe traten Workstations für viele als Schnittstellen zu immer häufiger und extensiv eingesetzten Computern. Auch der Siegeszug der Vernetzung gehört dazu, die vereinzelt nun auch über Forschungsnetze zwischen Instituten und Universitäten lief - Keimzellen des Internet, wie wir es heute kennen. Steigende Speicherkapazitäten, immer schnellere Datenverarbeitung und zunehmende Möglichkeiten der Datenerfassung taten ihr Übriges: Schnell wurde klar, dass Informations-Management, Zugangserleichterung und Ordnung zu einem immer größeren Problem werden würde.

Berners-Lee bekämpfte dieses drohende Datenchaos bereits 1980 mit einem ersten Versuch, das bereits Mitte der Vierziger Jahre in die Diskussion gebrachte Hypertext-Konzept für sich selbst zu nutzen. Berners-Lee kannte die Arbeiten von Ted Nelson, der den Begriff Hypertext 1965 geprägt und die theoretischen Grundlagen eines hypertextfähigen Computernetzwerkes entworfen hatte. Berners-Lee destillierte daraus Enquire, ein wenig umfangreiches Programm, das digitale Karteikarten über inhaltliche Verbindungen zueinander in Beziehung setzen sollte.

Die erste Version eines "WWW" wurde verschusselt

Er nutzte das eigentlich bahnbrechende Konzept vor allem für seine eigene Adress- und Notizenverwaltung, ohne zunächst selbst die Signifikanz zu erkennen. Als Motiv gab er einmal an, er habe immer schon ein schlechtes Gedächtnis gehabt. Die Vernetzung von Inhalten sollte ihm helfen, die Beziehungen zwischen Informationen zu erinnern oder zu erfassen.

Als sein wenige Monate dauernder Gastaufenthalt am CERN zu Ende ging, versuchte er noch, Kollegen und Vorgesetzte für das System zu interessieren. Mit wenig Erfolg: Die Diskette mit dem Programm wurde wahrscheinlich versehentlich zum Teil gelöscht, ein Backup gab es nicht. Die Weiterentwicklung von Enquire zum WWW, die schon zu diesem Zeitpunkt denkbar gewesen wäre, sollte so noch neun Jahre dauern.

Und wieder war es Berners-Lee, der den Gedanken aufnahm. Seit 1984 zählte der Brite zu den festangestellten Wissenschaftlern des CERN, wo er sich genügend profilierte, Freigaben für eigene Projekte zu bekommen. 1987 stolperte Berners-Lee im Sinne des Wortes über CERNDOC, die Institutseigene digitale Dokumentenverwaltung. CERNDOC steht im Ruf, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als eine Art Notstandsverwaltung des Datenchaos geleistet zu haben.

Berners-Lee fand, dass man so etwas durchaus besser machen könnte und begann, entsprechende Vorschläge zu machen. Intern erinnerte er unter anderem an seinen Enquire-Ansatz, doch der Programmcode war mittlerweile im digitalen Nirvana gelandet. Im März 1989 war der Leidensdruck offenbar genügend angewachsen, Berners-Lee bezahlte Arbeitszeit für die Umsetzung seiner Vorschläge einzuräumen. Der Brite begann, an seinem "mesh" zu weben, das später "web" genannt werden sollte.

Happy, happy, happy Birthday: Das Web hat enorm viele Geburtstage

Gewohnt flott kam er zu Potte - auch, weil die Zeit schlicht reif dafür war. Ohne Berners-Lees Wissen hatte am CERN zeitgleich ein weiterer Forscher an ähnlichen Konzepten gearbeitet: Robert Cailliau, der spätere Miterfinder des WWW, traf sich mit Berners-Lee, erkannte, dass der schon weiter war, und bot seine Hilfe an. Jetzt ging alles sehr, sehr schnell.

Konzeptionell hatte Berners-Lee die nötige Vorarbeit geleistet und bereits im März 1989 mit der Beschreibung des WWW uns Presseleuten die erste Steilvorlage für diverse Jubiläumsartikel geliefert: Auch wir veröffentlichten im letzten Jahr unsere erste Würdigung von "20 Jahre WWW". Im Oktober 1990 erschien ein in Kooperation mit Cailliau neu formuliertes Konzept, das erstmals alle Aspekte der späteren Umsetzung enthielt (20 Jahre WWW?). Bereits einen Monat später, am 12. November 1990, beendeten Cailliau und Berners-Lee die Programmierung des ersten Webserver-Prototyps (20 Jahre WWW?). Wenige Tage später kam der erste Browser hinzu, den Nicola Pellow, der erst Anfang des Monats zum Team gestoßen war, in wenigen Tagen zusammengeschustert hatte.

Am 24. Dezember 1990 schließlich ging mit info.cern.ch der erste Webserver online (20 Jahre WWW?), noch aber als interner Versuch am CERN. Es sollte noch bis zum März 1991 dauern, bis das spätere WWW durch CERN-interne Veröffentlichung des ersten Browsers auch erste Nutzer bekam (20 Jahre WWW?).

Spätestens jetzt war dem Team um Tim Berners-Lee die Aufmerksamkeit der vernetzten Gemeinde und der Hierarchien am CERN gewiss. Es folgten diverse Pflichtenhefte, Arbeitspläne und Präsentationen. Im Juni 1991 veranstalteten Berners-Lee, Cailliau und Pellow am CERN ein Seminar, in dem sie ihr Hypertext-Modell, das Konzept des WWW sowie den Browser öffentlich vorstellten und im Detail erklärten.

Sie leiteten das Fazit dieses ersten Seminars mit einem historischen Satz ein: "Der Grundgedanke ist, dass akademische Informationen allen zugänglich sein sollten, und dass es unsere Pflicht ist, Informationen zugänglich zu machen."

Mit diesem Leitsatz war das nicht zu schlagende Argument gefallen, das WWW-Protokoll wirklich "weltweit" zu machen. Am 6. August 1991 wurde das am CERN entwickelte WWW-Protokoll in der Usenet-Gruppe alt.hypertext erstmals veröffentlicht und zur Nutzung freigegeben - die eigentliche, echte Geburtsstunde des World Wide Web. Daran werden wir Medienmacher dann im Sommer nächsten Jahres erinnern, wenn es wieder einmal heißt: "20 Jahre WWW".

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Gopher
wurmfortsatz 12.11.2010
Und wo wird in dem Artikel Gopher genannt?? Nicht viel, und das wäre statt HTML und HTTP verbreitet worden.
2. titel
rumpel84 12.11.2010
Dank an Herrn Berners Lee, dass er http und html lizenzfrei zur Verfügung gestellt hat. Das bewahrte uns davor, dass jeder Hersteller sein eigenes Netz schafft und anschliessend noch Roaming Gebühren verlangt.
3. Stottern
Liberalitärer, 12.11.2010
Ehrlich gesagt, ich wäre damals für SGML gewesen. Nunja, nu iss es so wie ist.
4. Och nööö.
vaikl 13.11.2010
Zitat von LiberalitärerEhrlich gesagt, ich wäre damals für SGML gewesen. Nunja, nu iss es so wie ist.
Naja. Wie fast alles, was damals von IBM kam, war SGML zu kopflastig, mit viel zuviel tüddeliger Typographie überfrachtet. Die Grafiker hätte es zwar gefreut, aber es wäre so nie berühmt geworden. Und es gäbe auch kein XML. Außerdem hat TBL ja den SGML-Ansatz durchaus übernommen und ihn nur um Spielereien gekürzt sowie um Links erweitert. So what?
5. Och nööö.
vaikl 13.11.2010
Zitat von LiberalitärerEhrlich gesagt, ich wäre damals für SGML gewesen. Nunja, nu iss es so wie ist.
Naja. Wie fast alles, was damals von IBM kam, war SGML zu kopflastig, mit viel zuviel tüddeliger Typographie überfrachtet. Die Grafiker hätte es zwar gefreut, aber es wäre so nie berühmt geworden. Und es gäbe auch kein XML. Außerdem hat TBL ja den SGML-Ansatz durchaus übernommen und ihn nur um Spielereien gekürzt sowie um Links erweitert. So what?
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