Web-Jagd auf Promi-Doktoren: Im Visier der Plagiate-Polizei

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Guttenberg, Koch-Mehrin, Stoibers Tochter, wer kommt als nächstes? Plagiatsjäger im Netz feiern ihre Erfolge im Kampf gegen den Doktor-Schmu. 200 andere Prominente könnten das nächste Ziel der Dissertationsprüfer sein - allzu oft aber haben sie außer pauschalen Verdächtigungen nichts zu bieten.

PlagiPedi: Internet-Jagd auf prominente Doktoren Fotos
DPA

Hamburg - "Wow, was für ein Tag!", kommentiert der österreichische Forscher Stefan Weber die Aberkennung des Doktortitels von Veronica Saß. Die Tochter von Edmund Stoiber hat erhebliche Teile ihrer Arbeit abgeschrieben, so das Urteil der Universität Konstanz. Der Doktortitel wurde ihr entzogen. Aufmerksam geworden war die Hochschule auf den Fall, nachdem im Internet Freiwillige entsprechende Stellen in dem Wiki VroniPlag öffentlich dokumentiert hatten.

Weber hat das Buch "Das Google-Copy-Paste-Syndrom" geschrieben, er untersucht seit Jahren Plagiate in wissenschaftlichen Arbeiten. Seitdem Plagiatsjäger sich im Internet verabreden und Prominente ins Visier nehmen, hat das Thema an Fahrt aufgenommen. Webers Zwischenbilanz: "Sollten wir am 11. Mai fortan den 'Tag der wissenschaftlichen Redlichkeit' feiern?"

Denn es war nicht die einzige Entzauberung des Tages: Ebenfalls am Mittwoch trat die FDP-Spitzenpolitikerin Silvana Koch-Mehrin von ihren politischen Ämtern bei den Liberalen zurück - die Uni Heidelberg prüft zurzeit, ob sie in ihrer Dissertation abgeschrieben hat. Im April hatten Plagiatsjäger im Web Koch-Mehrin vorgeworfen, unsauber gearbeitet zu haben. Die Politikerin will mit dem Verzicht auf ihre Parteiämter Schaden von ihrer Familie abwenden. Ihr Mandat als Abgeordnete des Europäischen Parlaments will sie allerdings nicht niederlegen - Schaden hin oder her.

Außerdem präsentierte die Universität Bayreuth ihren 40-seitigen Abschlussbericht über die Arbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg und begründete, warum sie dem Ex-Verteidigungsminister den akademischen Titel entzogen hatte. Die Online-Aktivisten, die Guttenbergs Doktorarbeit in einer gemeinsamen Anstrengung als Plagiat entlarvten, sind inzwischen für den Grimme Online Award nominiert worden.

Hunderte Freiwillige auf Plagiatssuche

Bis zu tausend Freiwillige sollen am GuttenPlag-Wiki mitgearbeitet haben, heißt es in Presseberichten. Die genau Zahl ist unklar. Sicher ist nur, dass der Führungskreis klein ist, aus vier bis fünf Personen besteht. Viele der Mitstreiter dürften aus dem Umfeld von Universitäten kommen, Studenten, Doktoranden oder Doktoren sein. Das erklärt auch ihre Motivation: Sie haben ein eigenes Interesse daran, den Teich, in dem sie schwimmen, sauber zu halten.

Das Tempo der Plagiatsjäger war enorm: Nur fünf Tage nach Beginn konnte im GuttenPlag-Wiki ein erster Zwischenbericht veröffentlicht werden. Der Abschlussbericht steht allerdings bis heute aus - im Gegensatz zur offiziellen Untersuchung der Universität. Der Schwarm zieht offenbar weiter, sucht sein nächstes Ziel: Im VroniPlag-Wiki tauchen etliche Chat- und Forumsnamen auf, die bereits im GuttenPlag-Wiki aktiv waren.

PlagiPedi listet gut 200 wissenschaftliche Arbeiten auf

Wer kommt als nächstes? Die Übersichtsseite PlagiPedi listet rund 200 wissenschaftliche Arbeiten von Prominenten auf - sie könnten das nächste Ziel der Plagiatsjäger sein. Ein Blick auf die Unterseiten der einzelnen Projekte zeigt aber, dass die Überprüfung der Arbeiten zum größten Teil noch nicht einmal begonnen hat, lediglich die Titel der Arbeiten und einige Erwähnungen in Medienberichten werden genannt.

Viele Rechercheprojekte scheitern bisher schon beim Besorgen des Originaltextes, gerade bei älteren Arbeiten, die nicht digital vorliegen, ist das ein Problem. Auf der Übersichtsseite zu Helmut Kohls Dissertation ("Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen") zum Beispiel kündigt ein Freiwilliger an: "Habe mit dem Anfertigen einer digitalisierten Version begonnen" - allerdings stammt der letzte Eintrag dazu vom 20. März, der zu untersuchende Text ist bis heute nicht verfügbar.

Einige Plagiatsjäger kehren die Unschuldsvermutung um

Trotz mangelnder Untersuchung finden sich auf den Übersichtsseiten mitunter Verdächtigungen. Ein Beispiel ist die Doktorarbeit des Managers Thomas Middelhoff ("Integrierte Planung von Kommunikationssystemen: dargestellt an der Einführung von Btx in einzelhandelsorientierte Filialsysteme und Verbundgruppen"), die laut PlagiPedi-Wiki "noch nicht untersucht" wurde. Nur von der Universität, die den Titel vergeben hat, versteht sich. Die Schlussfolgerung der Plagiatsjäger: "Es ist daher davon auszugehen, dass sie alle wissenschaftlichen Kriterien erfüllt."

Das sehen einige Kommentatoren im PlagiPedi-Wiki ganz anders. "Wie kann man davon ausgehen, dass 'sie alle wissenschaftlichen Kriterien erfüllt', wenn sie noch nicht untersucht wurde? Verstehe ich nicht", wird dort gefragt. Diese Umkehrung der Unschuldsvermutung und das pauschale Misstrauen gegenüber universitären Institutionen findet sich in vielen Kommentaren. Weil jemand prominent ist und seine Doktorarbeit im PlagiPedi-Wiki auftaucht, erscheint die Arbeit Nutzern ohne weitere Prüfung verdächtig.

Auf der Seite zur noch nicht untersuchten Doktorarbeit Josef Ackermanns nennt zum Beispiel ein Kommentator die Annahme unseriös, die Arbeit genüge wissenschaftlichen Kriterien: "Wer sagt das? Hat doch noch keiner geprüft?" Ihm antwortet ein anderer Nutzer unvoreingenommen: "Selbstverständlich wurde geprüft, schließlich hat er ein Promotionsverfahren durchlaufen. Unseriös wäre es, von der Unschuldsvermutung zu einem Generalverdacht überzugehen."

Wenig Recherche, viele vage Verdächtigungen

Der Generalverdacht ist ein Problem der Plagiatsjäger, einige Freiwillige scheint eher die Abneigung gegen bestimmte Personen und Posten anzutreiben als ein unvoreingenommener Erkenntniswille. So mutmaßt ein Freiwilliger auf der Übersichtsseite zu Guido Westerwelles Dissertation, sie genüge nicht den Anforderungen der Hagener Promotionsordnung, weil in zwei Exemplaren einige Seiten fehlen. Im PlagiPedi-Artikel zur Doktorarbeit des SPD-Politikers Till Backhaus urteilt ein Autor über die noch gar nicht untersuchte Arbeit, sie genüge "weder formal noch inhaltlich wissenschaftlichen Standards". Als Beleg dafür führt er dann nur einen Pflanzenbau-Experten an, der 2003 dem Magazin "Focus" über Backhaus' Arbeit sagte, "das Machwerk" sei "substanzlos".

Das kann natürlich alles stimmen - aber es finden sich nicht genügend freiwillige Mitstreiter, die in akribischer Kleinarbeit prüfen, was denn nun an diesen Vorwürfen dran ist. Bei der Dokumentation der Plagiate in Karl-Theodor zu Guttenbergs Dissertation hat die Methode Wiki noch funktioniert, weil sich genügend Freiwillige fanden. Bei den mehr als 200 Arbeiten im PlagiPedi-Wiki versagt der Ansatz bisher.

Man kann nur mutmaßen, warum sich gerade für die Doktorarbeit einer Tochter von Edmund Stoiber genügend Mitstreiter für eine umfangreichere Analyse fanden, die Arbeiten von Personen mit öffentlichen Ämtern aber von Plagiatsjägern unerforscht bleiben. Vielleicht ist es die Mischung aus einem bekannten Namen und ersten Hinweisen auf ein leichtes Ziel. Wenn es bei einer Arbeit erste Hinweise auf nichtbelegte Zitate gibt, lockt das vermutlich mehr Mitstreiter an, als eine Arbeit, bei der nur vage Verdachtsmomente veröffentlicht wurden.

Unschuld ist kein Erfolg für Plagiatsjäger

Denn der Lohn für die Mühen der Plagiatsjäger ist allein die öffentliche Aufmerksamkeit. Und öffentliche Aufmerksamkeit gibt es nur, wenn die Schwarmintelligenz etwa einen Minister stürzt. Wenn jemand vage Verdächtigungen widerlegt, gibt es keine Berichterstattung, keinen Ruhm, keine Belohnung für die Arbeit der Freiwilligen. Dieser Mechanismus macht sehr unwahrscheinlich, dass ein Plagiatsjäger-Wiki einer Arbeit tatsächlich einmal nach Prüfung des gesamten Textes einen Persil-Schein ausstellt. Wahrscheinlicher ist, dass die Freiwilligen vorher die Lust verlieren, weil sie nichts finden.

Der Generalverdacht bleibt dann aber im Raum - die Arbeit sei ja schließlich noch nicht umfassend von Plagiatsjägern untersucht worden, argumentieren misstrauische Nutzer: Im Zweifel gegen die Doktorwürde.

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insgesamt 221 Beiträge
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    Seite 1    
1. Tatsächlich?
berpoc 12.05.2011
Also ich finde die Skandale Guttenberg, Koch-Mehrin und Stoiber bestätigen die dringende Notwendigkeit einer Plagiate-Polizei. So wie es auch Wikileaks dringend braucht. Es haben sich wieder Kräfte breit gemacht, die man keinesfalls dulden darf. Wehret den Anfängen. Da ist das Enttarnen von Täuschern nur logisch und sinnvoll. Mehr bitte.
2. Ich habe
Foul Breitner 12.05.2011
dieses Guttenberg Wiki mal überflogen und ich hatte den eindruck, daß da recht sorgfältig gearbeitet wurde.
3. Naja
ja-sowieso 12.05.2011
Die Plagiate Polizei ist offensichtlich notwendig. Und dass einige Kommentatoren der Plagiate-Jäger zu viele Arbeiten für verdächtig halten könnten, das ist ja in der Überschrift mit der Umkehrung der Unschuldsvermutung schön aufgepeppt. Aber das ist nicht so schlimm, die Umkehrung der Unschuldsvermutung liegt sowieso im Trend.
4. Es ist schon sehr viel erreicht worden!
Seifen 12.05.2011
Die Universitäten werden wohl zukünftig besser prüfen und so mancher Doktorrand wird sorgfältiger arbeiten. Im übrigen ist vor diesem Hintergrund ist die "Aufrichtigkeit" von Seehofer und das Verhalten seiner CSU zum Fall Gutenberg durchaus von Bedeutung.
5. ...
platten 12.05.2011
wer nix zu verbergen hat, braucht auch keine Angst vor den Plagiatsjägern zu haben
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Wer hat dran herumgedoktert?
Plagiatjäger entlarvten Guttenberg als Copy-and-Paste-Akademiker. Seine Politikerkollegen promovierten über "Infektionen durch Entspannungsbäder" oder das "mittelniederländische Plenarium Ms. germ. 1612". Wer's war, erfahren Sie hier und werden so Quiz-Doktor im Doktor-Quiz!

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