Web-Machtkampf Musiker triezen Plattenfirmen mit Kostenlos-Downloads

Radiohead, Nine Inch Nails und The Charlatans blasen zum Angriff: Mit kostenlosen Albumdownloads wollen sie die Knebelverträge der Musikindustrie sprengen, auf sich und ihre popindustriellen Belange aufmerksam machen. Ihre Plattform: das Internet.


Wie viel ist ein Musik-Album, sind 74 Minuten Musik, heute noch wert? 15 Euro wie im Laden? 10 Euro wie im Onlineshop? Die Band Radiohead sagt: so viel, wie die Käufer zahlen. Das siebte Radiohead-Album "In Rainbows" erschien zunächst ausschließlich als Download. Den Preis bestimmt der Käufer selbst, kein digitales Rechtemanagement (DRM) schränkt die Verwendung der MP3s ein. Das Radiohead-Experiment scheint aufzugehen. Die Zugriffe auf die Bandseite explodierten.

Radiohead: Sänger Thom Yorke bei einem Festival in Manchester
AP

Radiohead: Sänger Thom Yorke bei einem Festival in Manchester

Angeblich kauften 1,2 Millionen Besucher das Album. Eine Umfrage unter 3000 Käufern ergab: Ein Drittel zahlte nichts, durchschnittlich war jeder Downloader bereit, 4 Pfund (5,73 Euro) zu zahlen. Wenn die Zahlen stimmen, ist das ein ungeheurer Erfolg. Andere Bands wollen dem Beispiel angeblich folgen – der britische "Daily Telegraph" nennt Oasis und Jamiroquai als Kandidaten.

Solchen Veröffentlichungen sind nicht nur ein PR-Gag. Freiheit, Geld und Rechte – darum geht es den Künstlern. Ein Plattenvertrag alter Façon nahm ihnen all das - der Poplegende Prince sogar den Namen. Doch der Popstar, der jahrelang seinen eigenen Künstlernamen nicht verwenden durfte, zog nach all den Rangeleien mit verschiedenen Plattenfirmen blank: 2,5 Millionen Kopien seines neuen Albums "Planet Earth" ließ er kostenlos der englischen Zeitung "Mail on Sunday" beilegen.

Plattenläden drohen Musik-Verschenkern

Wer im August und September eines der 21 Prince-Konzerte in London besuchte, bekam zum 45-Euro-Ticket noch ein Album als Dreingabe. Ein Riesenerfolg – ein Verband englischer Plattenläden drohte dem Künstler: Mach das noch einmal und wir sortieren dich aus.

Auch die Smashing Pumpkins wollten nicht auf ihr Label hören, das ihnen einen kostenlosen Album-Download verbieten wollte. Sie machten sich unabhängig und stellten "Machina II" einfach selbst online. Das war vor sieben Jahren. Heute bringen vor allem kleine Indie-Bands und Nachwuchsmusiker ihre Alben und Stücke ins Internet – als Download auf ihren Webseiten oder als Hörprobe bei MySpace. Sie erhoffen sich dadurch mehr Publikum bei Konzerten und schnelle Bekanntheit.

Kostenlos: Musikalben zum Abspeichern

Künstler Angebot Link
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Eine dieser Bands sind The Charlatans aus England, die ihr neues Album in Zusammenarbeit mit einem Radiosender seit dem 1. Oktober verschenken. Charlatans-Frontsänger Tim Burgess erklärt: "Wir wollen, dass den Menschen die Musik gehört und dass das Copyright bei den Künstler, also uns, bleibt. Wieso sollte sich eine Plattenfirma zwischen die Hörer und die Musik stellen?"

Musiker ärgern Plattenfirmen

Hinter den kostenlosen Albumdownloads steckt eine Kampfansage an die Plattenfirmen: Wir können auch ohne euch! Am deutlichsten sprach das wohl Trent Reznor, Frontmann der Nine Inch Nails, aus. Während eines Konzerts in Australien rief er seine Fans auf, die Hochpreispolitik seiner australischen Plattenlabels zu boykottieren. Am 8. Oktober gab Reznor auf der Band-Seite bekannt, dass die Nine Inch Nails nun "endlich unabhängig von einem Manager und irgendeinem Plattenvertrag mit einem Label" sind.

In Blogs und Fanforen wurden die Smashing Pumpkins, Trent Reznor und Radiohead gefeiert. Einzig Prince blieb außen vor: Er hatte sich kurz nach dem CD-Coup gegen das Internet versündigt. Der Videoplattform YouTube, der Filesharing-Seite The Pirate Bay und dem Auktionshaus eBay drohte er Klagen an, weil sie die unrechtmäßige Verbreitung seiner Songs und Produkte nicht unterbinden. Neue und alte Prince-Fans wunderten sich: Passt das zusammen? Erst ganze Alben verschenken und dann gegen Filesharer vorgehen?

Es passt zusammen. Denn auch wenn man dem Internet wundergleiche, die Musikindustrie verwandelnde Kräfte zuschreibt: Für viele Musiker ist es ein ernsthaftes Problem. Sie kritisieren neue Vertriebsmöglichkeiten wie iTunes als künstlerfeindlich. Obwohl die Vertriebswege per Netz eigentlich spottbillig sind, werden Musiker deutlich schlechter an den Songverkäufen beteiligt und verlieren darüber hinaus zusehends Rechte an der eigenen Musik.

Viele Künstler verdienen wenig an iTunes-Verkäufen

Das liegt an Deals, die zwischen Plattformen wie iTunes und den Plattenlabels über die Künstler hinweg geschlossen wurden. Ein Problem, auf das Rocksängerin Courtney Love im Juni 2000 hinwies. Die Künstler, eh schon von fiesen Verträgen geknechtet, müssten die Abmachungen hinnehmen, wenn sie sich nicht einem immer größeren Publikum versperren wollen, das nur noch online kauft.

Für Tim Renner, Gründer des Motor Labels und Ex-Chef von Universal, stellt sich die Lage heute etwas entspannter dar: "Die Solidargemeinschaft zwischen Künstler und Plattenfirma löst sich zwar weiter auf. Die Fronten sind aber geklärt." Gegenüber SPIEGEL ONLINE zeigt er sich hoffnungsvoll, dass sich die Plattenfirmen nun in eine neue Rolle einfügen: "Mit ihrer Infrastruktur können sie Newcomer aufbauen und in die Radiostationen und Regale der Musikläden und Onlineshops bringen."

Etablierte Künstler betrachten die Labels sowieso nur noch als Dienstleister. "Durch das Internet haben sich die Machtverhältnisse zwischen Künstler und Plattenfirma umgedreht." In Deutschland liefern Bands wie Die Toten Hosen oder Die Ärzte so ein Beispiel ab. Eine Plattenfirma als Finanz– und Vertriebs–Vasall; im Parallelbetrieb betreiben die Musiker ein eigenes Management. Ihr Vorteil: Mehr künstlerische Freiheit, die Rechte an der Musik bleiben in der eigenen Hand, es bleibt mehr Geld übrig.

Kunden zahlen für schnelle, simple Downloads

Neben ihrer Aufgabe gegenüber den Bands sollten die Plattenfirmen aber auch die neuen Bedürfnisse der Kunden erkennen: Zu lange haben sie das Onlinegeschäft ignoriert, sich zu sehr weg von einem Label mit einem bestimmten Musikgeschmack hin zu einem Musikwirtschaftsunternehmen entwickelt. Vor allem eines sollten die Labels beachten: Sie müssen Musik schnell und unkompliziert anbieten können. Kauf per Handy, kein digitales Rechtemanagement, einzelne Songs. "Ich höre ein tolles Stück im Radio und lade es mir sofort auf mein Handy. Da sind mir dann doch auch 99 Cent egal!"

Renners Radiosender Motor FM macht das. Im Radio laufen die Songs, auf der Sender-Webseite gibt es sie als MP3 zum Kauf. Das Konzept scheint erfolgreich. Allein von den durchschnittlich 28.000 Stream-Hörern waren 16.000 bereits Kunde im Onlineshop.

Nur muss die Musik ersteinmal in solche Shops und Radiostationen kommen. Klassische Labelarbeit. Aber auch hier gibt es bereits Onlineangebote, die diese mühselige Arbeit für unabhängige Künstler übernehmen. Aber es wird noch mehr solcher Services geben – die vielleicht aus den Trümmern der Musikindustrie-Krise auferstehen. Als in den letzten Jahren die Umsätze einbrachen, setzten die Plattenfirmen viel Personal vor die Tür: Künstler und Manager. Die finden sich jetzt wieder und gehen gemeinsame Wege, getrennt von ihren alten Firmen.



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