Web-Opfer Die Google-Jagd auf Libby Hoeler

Das Internet als größte Detektei der Welt: Wer will, kann im Web über fast jeden etwas herausbekommen. Wie über Libby, die über private Nacktvideos im Web unfreiwillig berühmt wurde. Sie wechselte Ort und Identität, doch die Schnüffler sind ihr dicht auf den Fersen. Denn das virtuelle Stochern im Privaten ist für viele Sport geworden.

Von Ansbert Kneip


Libby, wie die Welt sie nie sehen sollte: Im Web wird Privates schnell zum weltweit verteilten Gut

Libby, wie die Welt sie nie sehen sollte: Im Web wird Privates schnell zum weltweit verteilten Gut

Vor der Sache mit dem Striptease war Libby Hoeler eine unauffällige Schülerin an der Universität in Madison (Wisconsin). Sie lebte im Studentenwohnheim, sie hatte einen Freund, sie mochte Partys. Ein dunkelblondes Mädchen, hübsch, nette Figur. Kein Modeltyp und keine Schönheitskönigin, ein ganz normaler Teenager eben.

Mit dem Unterschied, dass heute jeder weiß, wie sie nackt aussieht. Und dass es ein paar Leute gibt, die unbedingt ihre Adresse haben wollen.

Mittlerweile ist es mehr als zwei Jahre her: Libby will ihrem Freund einen Videogruß schicken, etwas Erotisches. Sie stellt eine Videokamera auf den Schreibtisch und richtet sie ins Zimmer. Der Raum ist nicht sehr groß, auf der rechten Seite steht ein Metallregal. Der CD-Player läuft: "Let's get it on" von Marvin Gaye.

Libby tanzt. Sie trägt ein rotes Nachthemd, sonst nichts. Sie bewegt sich zur Musik, ihre Lippen formen Wörter, sie blickt in die Kamera. Eine Ecke des Regals dient ihr als Halt, so wie die Stange in einem Stripclub. Irgendwann hat sie das Nachthemd abgelegt. Als das Lied vorbei ist, wirft sie einen Kuss in die Kamera.

Die Szene hat etwas sehr Intimes, nichts Pornografisches. Bei einem zweiten Video läuft als Musik "I touch myself" von den Divinyls – und genau das tut Libby. Man würde auch diese eindeutigere Szene nicht Pornografie nennen - oder wenn, dann gute Pornografie, falls es so was denn geben kann. Der, für den der Film gedacht war, hat sich sicher sehr gefreut.

Heute kann sich jeder die Libby-Videos besorgen, kostenlos in den Tauschbörsen oder für 13 Dollar plus Versand auf CD. Libby, das normale Mädchen von der University of Wisconsin, ist eine nackte Internet-Berühmtheit geworden, natürlich unfreiwillig.

Wie die Filme ins Internet gelangt sind, ist nicht ganz klar. Eine Version der Geschichte lautet, Libby habe ihren Freund betrogen und der habe die Filme aus Rache verbreitet. Nach einer anderen Variante soll der Zimmergenosse des Freundes die Filme ins interne Netz seiner Uni gestellt haben, von dort aus verbreiteten sie sich über die Tauschbörse Morpheus in alle Welt.

Sie werden noch jahrelang zirkulieren

Und noch jahrelang werden Leute versuchen, bei Libby anzurufen oder ihr eine E-Mail zu schicken. Denn bei einem der Videos ist in der Schlusssequenz ihre Wohnheim-Adresse eingeblendet, nebst Telefonnummer und E-Mail.

Libby Hoeler wohnt und studiert längst woanders, doch mit der Zahl ihrer Zuschauer wächst auch die Zahl derjenigen, die etwas über sie herausfinden wollen. Mittlerweile hat sich eine Gemeinschaft von Rechercheuren zusammengefunden, die sich in einem Forum über ihre Erkenntnisse austauschen. Das sind - wahrscheinlich - allesamt harmlose Verrückte, mit Spaß am Detektivspiel. Aber es ist erschreckend, wie viel man über einen völlig Unbekannten erfahren kann, wenn man nur genügend sucht. Google macht’s möglich.

Libbys echter Vorname ist Elizabeth Margaret, das ließ sich leicht herausfinden. Die korrekte Schreibweise des Nachnamens war schon kniffeliger. Doch das ist erst der Anfang. Wenig später finden die Detektive Eintragungen über die junge Libby in der Lokalpresse, bei der Google-Suche taucht ein Bericht von einem Sportfest auf sowie eine Arbeit aus der Schule, als im Kunstunterricht Zeichnungen im Stil von M.C. Escher angefertigt wurden.

Libbys neuer Wohnort wurde bekannt, und als eine Anwaltskanzlei versuchte, die Verbreitung von Libby-Videos im Netz zu unterbinden, brachte das die Detektive nur auf noch mehr Spuren. Denn in der Kanzlei arbeitet eine Frau namens Hoeler - die Tante vielleicht? Oder die Mutter?

"Wow, was für eine Legende hat diese Frau geschaffen. Ich kann nicht glauben, dass eine Webseite sich so lange mit Libby beschäftigt", lautet einer der jüngsten Beiträge in dem Forum. Autor ist einer, der vor zwei Jahren an der gleichen Uni studierte und als einer der ersten die Videos kannte. Andere berichten, dass sie unter der aktuellen Telefonnummer angerufen haben - es läuft aber nur ein Anrufbeantworter.



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