Web-Radio Sender für Kinder

In Berlin ging am Montag Deutschlands erstes Kinderradio mit einem Vollprogramm von 6 bis 21 Uhr an den Start. Das Internet macht die Nische möglich, und selbst einen späteren Sprung in den Äther will "Radijojo" nicht ausschließen.


Radijojo: Überregional vorerst "nur" Radio übers Web

Radijojo: Überregional vorerst "nur" Radio übers Web

Das "Formatradio" ist - in Deutschland - ein Kind der Achtziger: Damals begannen öffentlich-rechtliche wie private Sender damit, Vollprogramme für definierte Zielgruppen aus der Taufe zu heben. Das klingt zunächst klasse, ist in der Praxis aber erheblich weniger vielfältig, als man zunächst vermutet oder hofft: Landauf, landab ähneln sich die Strickmuster der Standard Format-Radios frappierend. Neben dem (natürlich öffentlich-rechtlichen) Wortsender dudelt überall der Schunkelfunk, das Jugendradio, das Radio für 35plus. Echte Nischensender sind regionale Ausnahmeerscheinungen, denn bedient wird mit Programmen, was die Werbewirtschaft sich wünscht (und niemandem wehtut).

Die entdeckt in regelmäßigen Abständen immer wieder die Kaufkraft der Kinder. Die beschwört sie dann zwar intensiv, ohne aber selbst genügend daran zu glauben, um der Zielgruppe ein Programm zu gönnen. So wäre das Projekt eines Radiovollprogrammes für Kinder über die Antenne wohl chancenlos, gerade auch, weil sich ein Nischensender die Masse über die überregionale Verbreitung suchen muss. Ein Kinderradio im Vollprogramm scheint da kaum denkbar, wenn es den Gesetzen des Medienmarktes folgen muss.

Radijojo: Kinderradio, weil es gebraucht wird

Und trotzdem oder gerade deshalb, hofft der Journalist und Soziologe Thomas

Röhlinger, wird ihm das (zunächst) über das Internet gelingen und auf diesem Umweg irgendwann vielleicht sogar über die Antenne: Vorbei an den Realitäten des Marktes ist "Radijojo" als nicht-kommerzielles Projekt unter dem Dach einer gemeinnützigen GmbH positioniert.

Das Projekt geht zurück auf eine Idee, die bei der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur GMK entstand, in der sich auch Senderleiter Röhlinger engagiert. Am "Runden Tisch Kinderradio" befand man, dass ein Kinder-Vollprogramm eine gute Investition in die Zukunft bedeute.

In der Selbstdarstellung von Radijojo klingt das so: "Die verheerenden Ergebnisse der PISA-Studie und viele weitere wissenschaftliche Befunde belegen: Viele Kinder genießen in Deutschland nicht die Förderung, die sie brauchen, um die Herausforderungen in einer Zukunft der Globalisierung, der Technisierung, des lebenslangen Lernens und der permanenten rasanten Veränderungen meistern zu können. Ob Sprach- und

Johannes Rau: Prominenter Unterstützer
AP

Johannes Rau: Prominenter Unterstützer

Lesekompetenz oder Allgemeinbildung, ob Naturwissenschaften, soziale Fähigkeiten oder Leistungsfähigkeit bei Sport und Spiel: die Daten sind alarmierend schlecht."

Genau da will Radijojo ansetzen und quasi den Grundversorgungsauftrag erfüllen, der eigentlich anderen gegeben ist: Die konkrete Vision: "Ziel unserer gemeinnützigen GmbH ist daher, mit Unterstützung der Öffentlichkeit einen Full-time Radiosender für Kinder (und Eltern) aufzubauen."

Das Ganze solle dabei "werbefrei, nichtkommerziell, ethisch und pädagogisch fundiert" sein. Mehr noch: "Unabhängig, an keine Konfession, Partei oder ähnliches gebunden, sondern einzig und allein am Kindeswohl orientiert".

Dank PISA Programm?

Radijojo ging am heutigen Montag leicht vorzeitig um 10.22 Uhr auf Sendung, bundes-, ja sogar weltweit im Web, und nebenbei auch digital in Berlin über das entsprechend aufgebohrte DAB-Radio.

Das etwa zehnköpfige Team will zunächst von 06.00 bis 21.00 Uhr die Kleinsten und Kleinen mit Magazinen, einer viertel Stunde Frühgymnastik, mit Hörspielen, Reportagen und Kochkursen für seinen Sender begeistern. Möglich wird das alles durch das ehrenamtliche Engagement der festen Mitarbeiter und von rund 70 weiteren Freiwilligen. Stolz verweist Röhlinger auch auf inhaltliche Kooperationen mit dem Rowohlt-Verlag, dem Hörverlag und mit Universal und hofft, so bald wie möglich das Siegel "gemeinnützig" hinter den Namen seiner Radio-Initiative pappen zu können. Denn erst dann, sagte er der "taz", dürfe man "offizielle Spendenaufrufe machen".

Derweil hofft Radijojo auf Fördergelder, und ganz schlecht stehen da die Chancen nicht: Mit Bundespräsident Johannes Rau und Kulturstaatsministerin Christina Weiss fand der Sender schon im Vorfeld prominente Unterstützer. Star-Dirigent Daniel Barenboim bot sich als Schirmherr an. "Ohne Zweifel", steht da in der Radijojo-Selbstdarstellung, "ist ein nichtkommerzielles Kinderradio politisch und gesellschaftlich stark erwünscht - eine gewaltige Chance."

Frank Patalong



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