Web-Reaktionen auf Papst-Rücktritt Er ist jetzt in der Kurzwitzhölle

Sie schreiben von Bestürzung, Trauer und Tränen: Auf katholischen Seiten kommentieren Hunderte den Papst-Rücktritt, viele zeigen Verständnis. Auf Twitter fallen die Reaktionen ganz anders aus.

Papst Benedikt XVI. (Archivbild von 2011): Katholiken trauern, Twitterer ätzen
Getty Images

Papst Benedikt XVI. (Archivbild von 2011): Katholiken trauern, Twitterer ätzen


Der Papst tritt zurück - und auf Twitter überschlagen sich die Witzigen und ganz Witzigen. "Adorno-Leser Ratzinger in der Kurzwitzhölle", so beschreibt es @goncourt. Denn Joseph Ratzinger, aus dessen Jesus-Buch sich eine Beschäftigung mit dem Begründer der kritischen Theorie, Theodor Adorno, herauslesen lässt, wird nun zum Netz-Gespött. So wie überhaupt alles zum Netz-Gespött wird, Sekunden nach dem Ereignis, nicht erst am Abend in einer Late-Night-Show.

"Ich wusste nicht mal, dass der Papst einen Doktortitel hat", schreibt Max Winde. Dieses Web-Lachen, die öffentliche Instant-Reaktion, folgt Prinzipien. Vier davon hat Dirk von Gehlen identifiziert, im "Gefällt mir"-Blog erklärt er die Witz-Impulse der Twitter-Nutzer: An den Nachfolger denken, Bezug zur Nachricht herstellen, Witze über die Witze machen und schließlich nach Bilderwitzen suchen.

Der Vatikan, der selbst mehrere Twitter-Profile unterhält, meldete sich auf Twitter zunächst nicht zu Wort. Dabei waren im Namen des Papstes erst Anfang Dezember mehrere Profile in verschiedenen Sprachen eingerichtet worden, die binnen kurzer Zeit von Hunderttausenden Followern abonniert wurden.

Politiker nutzten das Internet für ernstere Beiträge. Italiens Regierungschef Mario Monti zeigte sich schockiert. Auch die deutsche CSU-Politikern Dorothee Bär war "erschüttert" über den Rücktritt. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese erklärte, sie hoffe auf Reformen in der katholischen Kirche, die "dringend nötig" seien. "Der katholischen Kirche wünsche ich viel Kraft zur Erneuerung", schrieb sie.

"Sind vor Gott nicht alle Menschen gleich?"

Auch auf katholischen Seiten wurde die Nachricht vom Papst-Rücktritt kommentiert. Hunderte Menschen brachten in Kommentaren Bestürzung und Trauer zum Ausdruck. Auf der österreichischen Seite kath.net zum Beispiel rufen Nutzer in den Kommentaren ihren Gott an, er möge Papst Benedikt XVI. segnen und beschützen. Stephaninus schreibt: "Unser Papst ist ein überlegter, weiser und von Gott inspirierter Hirte. Haben wir daher Vertrauen in seine Entscheidung."

Auf den katholischen Seiten gab es jedoch auch kritische Worte. "Jetzt triumphieren die Kräfte der Hölle, die besonders im deutschsprachigen Raum ihre Helfershelfer haben", ist dort in einem Kommentar zu lesen. Dutzende Kommentare gehen in diese Richtung, die Kirche befinde sich in einer Glaubenskrise, Vertreter der Katholiken in Deutschland hätten gegen den Papst gearbeitet.

Im Vergleich zu den oft persönlichen und rührenden Botschaften in Foren und auf Facebook wirkt Twitter noch mehr wie ein Durchlauferhitzer. Dort sind die Kommentare längst über die eigentliche Nachricht hinaus. Wer wirklich trauert, mag das zynisch finden, wenn zum Beispiel Internetberaterin Teresa Bücker rhetorisch fragt: "Bekommt die katholische Kirche dann bald eine Päpstin, oder sind vor Gott nicht alle Menschen gleich?"

ore/dpa



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