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Web-Tipp: Die italienische Bank der Erinnerungen

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Vier junge Italiener lassen alte Menschen von früher erzählen, filmen die Geschichten und stellen die Clips ins Web. So entsteht in Turin eine umfassende Sammlung über den italienischen Alltag von einst.

Noch heute lacht Teresina Bruno, Jahrgang 1929, wenn sie sich an ihre Prüfung für den Lkw-Führerschein erinnert, die sie mit 21 gemacht hat: "Und dann hat mich der Prüfer alles mögliche gefragt, was eine Kupplung ist, was ein Differential und was noch für ein Zeug."

Teresina Bruno: Die Italienerin erzählt online, wie sie 1950 einen LKW-Führerschein machte

Teresina Bruno: Die Italienerin erzählt online, wie sie 1950 einen LKW-Führerschein machte

Das Dokument brauchte sie, um im Turin der Nachkriegszeit für ihren Vater als Kurierfahrerin einspringen zu können, als wohl eine der ersten Italienerinnen am LKW-Steuer. Ihre Geschichte erzählt sie mit Witz und Humor in einem Videoclip auf der Seite " Banca della Memoria" (Bank der Erinnerungen), einem Non-Profit-Projekt von vier jungen Turinern.

Vor anderthalb Monaten starteten Franco Nicola, Lorenzo Fenoglio, Valentina Vaio und Luca Novarino die Bank der Erinnerungen. Sie bannen die Erzählungen älterer Mitbürger auf Video - in Zusammenarbeit mit der Provinzregierung von Cuneo und dem Verband der Italienischen Senioren-Universität Unitre.

In den Filmen erzählen zumeist hochbetagte Frauen und Männer von Erlebnissen ihrer Jugendzeit. Das sind manchmal banale Alltagsgeschichten, manchmal beklemmende Momentaufnahmen von einstigem Leid, das bis heute nicht vergessen werden kann. Viele Berichte kreisen um Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges.

220 Videos von Freiwilligen

Die Erzählungen, teilweise auch in Interviewform, werden dabei ohne großen Studioaufwand aufgenommen: in einem Straßencafé oder zu Hause auf dem Sofa. Der technische Minimalismus ist gewollt, es soll ganz so wirken, als ob der Großvater den Enkeln von früher erzählt.

Allerdings sorgt nicht nur die Redaktion der vier Erinnerungsbanker für neues Material. Genauso kann auch jeder Interessierte nach Registrierung auf der Seite selber Videoclips hochladen. Was erzählt werden soll, bleibt jedem selbst überlassen. Derzeit kommen auf diese Weise jeden Tag vier oder fünf neue Clips dazu, manche mit einer Länge von kaum 60 Sekunden, andere von über zehn Minuten.

Peter erinnert sich an das Rom der fünfziger Jahre

Bisher wurden die meisten der mehr als 220 Videozeugnisse in unmittelbarer Nachbarschaft gesammelt, aber der Schwerpunkt soll nun von Turin auf ganz Italien erweitert werden. Im August wird ein Aufnahmewagen Städte besuchen, um auch Mailändern, Römern oder Sizilianern Gelegenheit zu geben, ihren Beitrag zu leisten.

So soll nach und nach eine Datenbank des Wissens und des Erinnerns geschaffen werden, die die großen und kleinen Erlebnisse der Menschen festhält und späteren Generationen verständlich zu machen hilft. Auch Ausländer können so zum Bild des Italiens von einst beitragen, wie schon jetzt ein vor Jahrzehnten in Rom gestrandeter Deutscher, der sich selbst nur "Peter" nennt und davon erzählt, wie es im Stadtteil Trastevere der fünfziger und sechziger Jahre zuging.

Wer der italienischen Sprache mächtig ist und ein wenig in nostalgischen Gefühlen schwelgen will, dem bietet sich mit der "Banca della Memoria" eine Fundgrube.

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