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Web-Wahlkampf: Das Team gruschelt zurück

Von Mathias Hamann

Auf Deutschlands erstem Polit-Camp plauderten Politiker über Wahlkampf mit dem Web 2.0. Höchst relevant sei der, war zu hören - dann wurde ein Twitter-Account der CDU gehackt, und niemanden interessierte das. Hunde sind da wichtiger: Die, war in Berlin zu lernen, bringen mehr Kontakt zu Menschen.

Samstag, ungefähr 17 Uhr, ein offizieller Twitter-Account der CDU verkündet: "Angela Merkel: 17.05.; 15 Uhr - Vorstellung des Regierungsprogrammes. Themen: Atomausstieg, Mindestlohn und Vermögensteuer".

Adressat der öffentlichen Mitteilung: Die SPIEGEL-ONLINE-Redaktion und rund 705 andere Leser. Unter dem Namen CDU-News senden hier sonst Mitarbeiter der Bundesgeschäftsstelle der Christdemokraten kleine Infos über den Kurznachrichtendienst. Sollte Deutschlands Kanzlerin in zwei Wochen Sensationelles zu verkünden haben?

Nein - denn unter twitter.com/CDU_news schrieb über das Wochenende ein Hacker.

In der Redaktion in Hamburg wurde die schräge Kurznachricht unter B wie Blödsinn oder Belanglos abgeheftet und verworfen, die meisten der restlichen Leser hielten es genauso. Ein paar Blogs nahmen die erhackte Falschmeldung als lustig auf, dann versandete sie.

Was für eine Relativierung für das Thema des ersten "Polit-Camp" in Deutschland. Eine Cyber-Avantgarde, Blogger, Berater und politisch Aktive wollten von Samstag bis Sonntag in Berlin diskutieren, wie sie Facebook, Twitter und Blogs für den Wahlkampf nutzen könnten. Weil in Amerika der Web-Wahlkampf schon so lange so viel bewegt, lässt sich auch hierzulande durch Web-Aktivität Innovationsfreude und Bürgernähe dokumentieren - oder zumindest simulieren. Die Community ist die neue Basis, das Web das neue Forum politischen Engagements, wenn es nach den Verfechtern des Web-Wahlkampfes geht.

Simulierte Nähe

Die aber dreschen allzu oft Klischees und Platituden, wenn es um "ihr" Thema geht - wie Volker Beck (Grüne) bei der Eröffnungsrunde. Er reklamierte für die Grünen die netzaffinste Wählerschaft, während "die CDU sich in Altersheimen rumtreibt". Das verneinte Stefan Hennewig (CDU) in der nächsten Diskussionsrunde: "Im Gegenteil, Web 2.0 ist nix Neues, Internetparteitage hatten 2001 schon die Grünen und die Union, Ideen für ihr Wahlprogramm hat auch die FDP schon von Netznutzern entgegengenommen."

Der Wahlkämpfer aus der CDU-Bundesgeschäftsstelle promovierte über Politik und Internet; 2005 koordinierte er die Web-Wählerwerbung für seine Partei. Er ist jedenfalls stolz auf Angela Merkel. Die hat seit dem 30. April ein Profil bei MeinVZ, und schon rund 10.000 Leute finden sie dort gut. Jeder kann sie nun gruscheln. Ob sie auch zurückgruschelt? Hennewig: "Das übernimmt das Team."

Natürlich.

Klaus Lübke (SPD) aus Hamburg stellt andere Fragen: "Wer von ihnen ist denn hier unter 50?" Die meisten Hände heben sich. Das gleiche Bild bei der nächsten Frage des 46-jährigen: "Wer hat mehr als einen Hauptschulabschluss?" Was der Hamburger Stadtverordnete damit klarmachen möchte: Web 2.0, Twitter und Social Networks mögen Beteiligung an Politik vereinfachen, aber nur theoretisch, denn praktisch interessierten sich nur wenige Menschen für Politik und fürs Mitmach-Internet. Eine junge Elite.

Was, wenn im Mitmach-Web keiner mitmacht?

Dazu erzählt er eine Geschichte: In Hamburg gab es eine Online-Diskussion mit zwei Bezirksbürgermeistern zur Zukunft der Uni in der Stadt. Da, verrät Lübke, beteiligten sich nur acht Leute: "Die beiden Bürgermeister, vier andere und ich - zweimal."

Denn er hatte sich mit einem anderen Namen zusätzlich angemeldet, "damit es nicht ganz so leer wirkt". Ist das Mitmach-Internet also sinnlos für die Politik? "Nein", lacht er und schreibt eine Botschaft über seinen Twitter-Account. Dann erzählt er die nächste Geschichte: In Pinneberg, einem Ort am Hamburger Stadtrand, wollen bald Nazis aufmarschieren. Also hat Klaus Lübke eine Gruppe bei Facebook gegründet. Rasch zählte die 250 Leute, die eine Gegendemo unterstützen sollen. Soll heißen: Es lässt sich durchaus was bewegen. Wenn die Unterstützer nicht nur zu Facebook, sondern auch auf die Straße gehen.

Der Grünen-Kommunalwahlkämpfer Heiko Wolf erinnert im Pausengespräch an das Schicksal seines Parteikollegen Daniel Mack. Der hatte via Twitter seine Ablehnung der Kampagne Pro Reli verkündet, mit dem Zusatz "keine Werbestunden mehr für eine völlig verrückte katholische Kirche". Daraufhin hätten Jusos und Junge Union ihn via Pressemitteilung bei den Medien angeschwärzt. "Ein Beispiel, welche Wirkung Twitter haben kann", sagt Heiko Wolf.

Oder Medien? Oder ein Mangel an Gefühl dafür, was man wo öffentlich sagen sollte? Dass eben Web immer öffentlicher Raum ist und keine freundschaftliche Zwitscher- und Plapperrunde?

Wie auch immer, auch Wolf bleibt skeptisch, was die Möglichkeiten des Zwitscher-Dienstes angeht: "Das ist schon eher 'ne Käseglocke aus politischen Freunden, Konkurrenten oder Journalisten." Praktisch sei es aber: "Wenn man Unterstützer für einen Parteitagsantrag braucht - die kann man so total leicht organisieren." Er möchte auch während seines Wahlkampfes twittern. Allerdings sucht er lieber den direkten Kontakt zu Leuten. Den wird er demnächst auch öfter haben: "Wir bekommen einen Hund aus dem Tierheim, der muss öfter raus."

Wo "Webber" aufeinandertreffen, herrscht Harmonie

Auch am nächsten Morgen, zur "Elefantenrunde", herrschte eine Stunde lang die gleiche Meinung bei den anwesenden Parteivertretern. Programmatisch nur die Sitzordnung: Links sitzt Halina Wawzyniak, als Vertreterin der Linken, rechts neben ihr SPD-Online-Wahlkämpfer Kajo Wasserhövel, dann folgt der grüne Kollege Robert Heinrich und in der Mitte, wo sie sich eh sieht, die CDU mit Stefan Hennewig und rechts von ihm Thomas Scheffler von der FDP.

Alle finden sie das Web für die Wahlen "wichtig", Twitter, "interessant und eine Ergänzung" und die Communities ihrer eigenen Parteien "praktisch zum Organisieren."

Dann betreten die Veranstalter noch einmal die Bühne und erzählen, dass der Twitter-Account der CDU gehackt wurde. Sie stellen klar: "So geht das nicht." Der Hamburger Genosse Lübke twittert sofort: "kriminelle Handlung", und der CDU-Vertreter Stefan Hennewig überlegt: "Vielleicht machen wir eine Anzeige." Ulrich Beul, Unionsvertreter aus Werl, schlägt vor: "Man könnte auch einen Kasten Bier spendieren, dann taucht das Passwort womöglich auf." Ein Vorschlag, der allerdings voraussetzt, dass der Hacker im Publikum sitzt, zugleich aber die Wertigkeit des skandalösen Events gut auf den Punkt bringt: ein Kasten Bier.

Erst einmal passiert dann gar nichts. Die Parteivertreter ziehen sich noch einmal in Diskussionsrunden zurück. Dort berichtet Ralf Stegner von seinen Twitter-Erfahrungen. Der SPD-Landesvorsitzende aus Schleswig-Holstein und Kandidat für das Ministerpräsidentenamt in dem Land schmunzelt: "Wenn ich über meinen Musikgeschmack schreibe, kriege ich die meisten Rückmeldungen."

Aber hallo: Da kann man mal sehen. Auf den gehackten CDU-Account gibt es dagegen kaum Reaktionen. Rund vier Stunden nach Kongressende, am Sonntag um 20 Uhr, war der Twitter-Spuk für die CDU vorbei. Ein Anonymus hatte den Account "CDU_news" nach rund 24 Stunden wieder freigegeben.

Werden die Konservativen nun wirklich eine Anzeige erstatten? Stefan Hennewig meint: "Mal sehen."

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Politcamp: Klassentreffen der neuen Wahlkämpfer-Klasse


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