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Web-Wahlkampf: Obama-Blogger schlagen McCains Anrufroboter

Von Tobias Moorstedt

Barack Obama liebt Terroristen, tötet Kinder und verachtet seine Wähler: Mit solchen bösen Märchen traktiert John McCain die Wähler - per Anrufroboter. Aber jetzt schlagen die Anhänger des Geschmähten zurück. Indem sie die "Robocalls" in ihren Blogs dokumentieren.

Als Medienkonsument in den USA hat man zurzeit ja manchmal den Eindruck, die Präsidentschaftskandidaten hätten ihr Wahlkampfbüro in einem Mediamarkt eingerichtet, oder gleich im Googleplex, dem mythischen Zentrum der technologischen Revolution: Politische Informationen werden in Pixel zerlegt und über E-Mail, Instant Messenger, Skype und Twitter in der Elektrosphäre verteilt: Die Ära des digitalen Hightech-Wahlkampfs hat begonnen.

Robocall-Landkarte bei "Talking Points Memo": "Obama zieht Hollwood Amerika vor"

Robocall-Landkarte bei "Talking Points Memo": "Obama zieht Hollwood Amerika vor"

Und doch erlangt im Wahlkampf ein Medium große Bedeutung, das vor mehr als 100 Jahren erfunden wurde: Das Telefon - und wir reden hier über das Festnetzgerät und nicht das iPhone. "Das Telefon ist ein persönliches Medium", sagt McCain-Berater Steve Schmitt, "hier spricht eine Person mit einer Person". Telefonanrufe haben besonders großes Potential, wenn Menschen unsicher sind, was sie von einem Kandidaten halten sollen. Die Leute trauen dem sozialen Medium Telefon eben mehr als Fernsehen und Zeitungen, dem politisch-medialen Komplex.

Das Telefon klingelt und schrillt, vor allem in umkämpften Bundesstaaten wie North Carolina, Indiana, Ohio oder Florida. Wenn man den Hörer abnimmt, meldet sich eine Ansagemaschine, die eine Nachricht von John McCain und der republikanischen Partei übermittelt: "Barack Obama is putting Hollywood above America", sagt die blecherne Stimme, "he doesn't share our values". Barack Obama zieht Hollywood den USA vor heißt das, er teilt unsere Werte nicht.

"Obama - Terroristenfreund"

Diese Robocalls sind genau wie Postwurfsendungen seit langem eine gefürchtete Waffe in der heißen Wahlkampfphase - anders als bei TV-Werbung und Wahlkampfauftritten wird hier die Botschaft nicht durch den öffentlichen Raum übermittelt, sondern erreicht die Zielgruppe direkt, über Festnetz und Briefkasten. Robocalls entgehen häufig der Aufmerksamkeit der Medien, weil sie "under the radar" eingesetzt werden, wie man in Washington sagt. Kein Wunder, dass die Wahlkämpfer, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, zu drastischen Botschaften greifen. Zum Beispiel: "Obama - friend of a terrorist". Obama - ein Terroristenfreund, so die in Wahrheit unhaltbare Behauptung.

Auch das Obama-Lager setzt automatisierte Anrufe ein - in erster Linie, um den Anwürfen der McCain-Kampagne zu widersprechen. Auf deren aggressiv-verleumderische Methoden lassen sich die Demokraten allerdings nicht ein. Die Anrufer kritisieren stattdessen die Steuerpläne von John McCain oder verteidigen den Kandidaten Obama gegen die Attacken von Abtreibungsgegnern.

2008 finden sich nun immer häufiger Aufnahmen der Robocalls auf Web-Seiten und Politik-Blogs - und werfen ein zweifelhaftes Licht auf die Methoden und Botschaften der McCain-Kampagne. "Wir bekommen jeden Tag Hinweise aus einzelnen Bundesstaaten", berichtet Ben Smith von "Politico", "Robocalls waren lange eine Möglichkeit, negative Botschaften billig und unbeobachtet zu verbreiten. Das funktioniert nicht mehr."

Das Blog Talking Points Memo hat eine interaktive "Map of GOP Sleaze" (etwa: Landkarte der republikanischen Schmierkampagne) ins Netz gestellt. Wenn man auf der Amerika-Karte einzelne Bundesstaaten anklickt, kann man sich die Politik-Flyer als PDF ansehen, die in den Briefkästen der Wähler liegen, und die Telefonanrufe abspielen - ein wunderbares Spielzeug für Journalisten und den politischen Gegner.

In einem Zeitalter, in dem jeder über audiovisuelle Aufnahmegeräte und ein Distributionssystem namens Internet verfügt, hat die Stealth-Botschaft keine Zukunft mehr. Im grellen Licht der Öffentlichkeit verdampft die toxische Wirkung, vergeht das Propagandainstrument wie ein Vampir in der Sonne. The Internet killed the Robocall.

Das Telefon klingelt und schrillt, vor allem in umkämpften Bundesstaaten wie North Carolina, Indiana, Ohio oder Florida. Wenn man den Hörer abnimmt, meldet sich eine Stimme und sagt: "Hallo ich rufe für die Obama-Kampagne an. Haben Sie eine Minute Zeit?" Die Demokraten setzen zwar, wie gesagt, auch aufgezeichnete Anrufstimmen ein - aber stärker als die McCain-Kampagne auch echte Menschen.

Die Obama-Wahlkampfmaschine orchestriert in diesen Tagen eine beispiellose Telefonkette. Auf der Web-Seite des Kandidaten bilden sich eigenständig "Call Teams" - die von der Zentrale mit Telefonnummern und Adressen aus dem Wählerverzeichnis versorgt werden: Sie rufen registrierte Wähler an und geben das Feedback (geht nicht wählen, wird Obama wählen, wählt McCain, hasst Obama) per Excel-Dokument weiter.

Die Zahlen sind beeindruckend: Das "NYC Call Team" hat in den letzten 30 Tagen mehr als 387.000 Telefonanrufe gemacht, 21.300 Beiträge in Blogs geschrieben, nur an 647 Türen geklopft, aber trotzdem knapp eine Million Dollar gesammelt. Wenn man sich auf der Obama-Web-Seite umschaut, findet man auch wesentliche spezifischere "Call Teams": "Italian to Italian Peer to Peer Calling" oder "Seniors Peer to Peer Call PA". Das Prinzip: Je näher sich der demografische Hintergrund von Anrufer und Angerufenem sind, desto größer die Wirkung.

Italiener trauen anderen Italienern mehr als einem Roboter. Und das gilt wohl auch für die meisten anderen Menschen.

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