Web-Zensur China blockiert alle Flickr-Fotos

Hunderte von Fotos unerlaubter Demonstrationen in China hatten Nutzer beim Fotoportal Flickr eingestellt. Jetzt ist der Zugang in ganz China blockiert - kein einziges Flickr-Foto ist mehr zu sehen. Doch die Demo-Videos auf YouTube haben die Zensoren übersehen.

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Nebel über der Themse, die Tower Bridge im Abendlicht – wer in Deutschland auf dem Foto-Portal Flickr nach London-Fotos sucht, sieht diese Motive. In China sieht man seit gestern nur leere weiße Rahmen mit den Dateinamen, wo eigentlich die Fotos zu sehen sein sollten. Gleich, ob man nach London, Heiligendamm oder den Fotos von einer Demonstration gegen eine Chemiefabrik in der chinesischen Millionenstadt Xiamen sucht - das Ergebnis ist immer gleich: leere weiße Bilderrahmen.

Flickr-Filter: Keine Fotos zu sehen in China

Flickr-Filter: Keine Fotos zu sehen in China

Diese Filterung bemerken Nutzer in ganz China: Im SPIEGEL-Büro in Peking sind Flickr-Fotos ebenso wenig zu sehen wie bei Internet-Nutzern in Shanghai. Ein aktiver, mit anderen Fotografen vernetzter Flickr-Nutzer dort, der nur mit seinem Nachnamen Tang zitiert werden will, sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Das ist ein landesweites Problem." Dafür sprechen auch die Kommentare im Flickr-Diskussionsforum zu dem Thema – absurderweise werden in China weder Foren noch Kommentare, sondern allein die Fotos blockiert. Das bestätigen auf Flickr-Nutzer aus Guangzhou, Wuhan, Shenzhen - aus ganz China.

Flickr: China blockiert

Flickr schließt ein technisches Problem auf Firmenseite aus. Gestern teilte Flickr-Geschäftsführer Stewart Butterfield mit: "Es scheint, dass der Zugriff auf unsere Bild-Server für die meisten Nutzer in China blockiert wird." Freitag früh (nach europäischer Zeit) fügte Butterfield im Flickr-Forum hinzu: "Wir hoffen, dass das eine vorübergehende Maßnahme ist und glauben auch, dass dies so ist. In der Zwischenzeit prüfen wir unsere Alternativen."

Über die Gründe für diese Blockade gibt es lediglich Vermutungen. Flickr-Nutzer Tang aus Shanghai: "Auslöser waren mit Sicherheit die Fotos von Demonstrationen in Xiamen Anfang Juni und zum Jahrestag des Tiananmen-Massaker in Hongkong." Das ist plausibel. Tatsächlich sind bei Flickr knapp 500 Fotos von Demonstrationen gegen eine Chemiefabrik in Xiamen zu sehen, ebenso knapp 100 von einer Gedenkveranstaltung in Hongkong am 18. Jahrestag des Tiananmen-Massakers.

Zu der waren am 4. Juni mehr Teilnehmer gekommen als erwartet, nachdem die Vertreter einer Peking-freundlichen Partei zuvor geleugnet hatten, dass es 1989 ein Massaker gegeben habe. Dass solche Proteste bekannt werden, neue Demonstranten anlocken, außer Kontrolle geraten, ist eine Sorge der Regierenden. Natürlich ist eine starke Verbreitung entsprechender Fotos überhaupt nicht im Sinn der Machthaber.

Die Sperre ist technisch nicht perfekt

Fraglich ist allerdings, ob die Flickr-Sperre ein geeignetes Mittel ist, um die Verbreitung solcher Protest-Fotos einzudämmen. Zum einen ist der Flickr-Filter in China derzeit mit etwas Aufwand zu umgehen. Blockiert ist offensichtlich der Zugang zu den Servern farm1.static.flickr.com und farm2.static.flickr.com, auf denen die von Nutzern bei Flickr eingestellten Bilder gespeichert sind. Tippt man in den Konfigurationsdateien auf seinem Rechner neue IP-Adressen für diese Server ein, sieht man die Fotos wieder – eine entsprechende Anleitung kursiert inzwischen in den – noch nicht gesperrten – Flickr-Foren.

Chinas Filter sind also auch in diesem Fall nicht ganz so undurchlässig, wie oft behauptet wird. Abgesehen davon: Videos der Demonstrationen gegen den geplanten (und inzwischen gestoppten) Bau des Chemie-Werks in Xiamen sind auf YouTube zu sehen. Auch in China, zumindest im Pekinger SPIEGEL-Büro. Offensichtlich kommen die Zensoren hier nicht hinterher.

Bei in China ansässigen Mitmach-Seiten sieht die Sache aber anders aus. Die Behörden sind sich der Gefahr durch die Verbreitung von Nutzer-Fotos und –Videos im Web 2.0 durchaus bewusst. Zwar ist die Wirkung auf die Mittel- und Oberschicht beschränkt, aber die wächst.

Doch die Behörden können hier auf den vorausseilenden Gehorsam der chinesischen Seiten-Betreiber zählen. Fotos und Videos der Demonstrationen in Xiamen und Hongkong findet man in chinesischen Angeboten nicht. Einer der größten chinesischen YouTube-Klone KU6.com lässt alle eingestellten Nutzer-Videos vor Veröffentlichung von einem Zensoren-Team auf politisch anstößige Inhalte untersuchen. Das Vorgehen kommentierte der KU6-Gründer Kevin Li gegenüber dem US-Fachdienst CNet lakonisch: "Das ist China."



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