Webby-Awards Verzweifelt im Schlamm

Zum dritten Mal in Folge wurde die deutsche Webseite "Carstuckgirls", auf der leicht bekleidete Damen im Schlamm festgefahrene Autos zu befreien suchen, als eine der größten Seltsamkeiten des Netzes nominiert. Im Pool der preiswürdigen Seiten finden sich zwei weitere deutsche Angebote.


Swen Goebbels bleibt zum dritten Mal in Folge Deutschlands international meistbeachteter Regisseur - zumindest bei den Webby-Awards, den in diesem Jahr zum zehnten Mal verliehenen "Internet-Oscars".  "Carstuckgirls",die Webseite des unabhängigen Filmproduzenten aus Aachen, gewann im Jahr 2004 in der Kategorie "Seltsam", und wurde danach nun schon zum zweiten Mal in Folge erneut nominiert: Offenbar schlägt sie die meisten der im Web wahrlich nicht seltenen Seltsamkeiten.

Dabei hat sich auf der Webseite in den letzten Jahren wenig getan - wenn man davon absieht, dass die Zahl der Modelle (Autos wie Fotomodelle) und der käuflich zu erwerbenden Videos enorm in die Höhe geschossen ist. Titel wie "Please, turn right", "Ibiza-Stuck", "A lot of problems" oder "Sofias Mud Stuck" lassen dabei selbst Cineasten ratlos: Nach wie vor ist es eine weltweit verteilte Kundschaft von Enthusiasten, die die Videos und DVDs erwerben. Daneben bedient Goebbels einen wohl nicht zuletzt durch die Webby-Awards und folgenden Berichte entstandenen neuen Markt von Kunden, die Carstuckgirl-Filme als Hintergrund-Entertainment für Partys kaufen.

Denn irgendwo zwischen Fetisch und Fassungslosigkeit hat da fast jeder seinen Spaß (auch, wenn es nicht jeder 50 Minuten lang erträgt). SPIEGEL ONLINE beschrieb das Drehbuch 2004 folgendermaßen, geändert hat sich daran seitdem nichts:

"Das Drehbuch fällt in die Kategorie 'Eines für Alle': Junge Dame, nicht zu ausgiebig bekleidet, aber niemals nackt, fährt ihr Auto in den Schlamm (Sand, Gestrüpp etc.). Sie versucht den Wagen zu befreien und gräbt ihn dabei regelrecht ein. Es folgen verschiedene fruchtlose, aber abstruse Versuche, die Kiste freizuschaukeln. Füße in Stöckelschuhen pumpen Gaspedale, bis die Reifen fast brennen. Stöckelschuhe waten durch den Schlamm. Natürlich werden die Mädchen dabei schmutzig. Manchmal kämpfen sie ein wenig im Schlamm. Und manchmal, verrät Goebbels, gibt es sogar ein Happy End: Dann bekommt die Gute den Wagen tatsächlich frei.

Mehr Drehbuch braucht man nicht, um ein weltweit verteiltes Publikum mit deutschen Filmen zu begeistern. Die Damen sprechen allerdings Englisch (oder zumindest so etwas ähnliches), denn natürlich zielte Swen Goebbels von Anfang an auf einen internationalen Markt."

Die nun bereits zum dritten Mal nominierte Webseite ist nichts anderes als eine Vermarktungsplattform für die "Pedalpressing"-Videos.

Seltsam sind auch immer wieder die Auswahlkriterien der Webby-Jury. Die sucht sehr gezielt nach ausgefallenen, wegweisenden Angeboten: Bekanntheit oder gar Popularität sind keine Bedingung für ein deutsches Angebot, im Kreise der Nominierungen zu landen.

Das schafften in diesem Jahr noch zwei weitere Seiten aus deutschen Landen. Dazu gehört aus völlig unerfindlichen Gründen eine in Flash programmierte Werbeseite von T-Systems zum Thema Hightech-Segeln (T-Systems ist hier Sponsor eines Teams) sowie 4178°, eine ebenfalls in Flash programmierte 3D-Umsetzung der Hauptsehenswürdigkeiten der Innenstadt von Chicago. Flash erfreut sich bei Werbeagenturen, Firmenchefs und Jurymitgliedern offenbar anhaltender Beliebtheit, während es im Web - außer für Entertainment und Info-Grafiken - eher verpönt ist.

Design ist allerdings - wie immer bei den Webbys - auch bei den meisten englischsprachigen Nominierungen ein wichtiges Kriterium. Neben den großen Marken, an denen auch die Webbys nicht vorbeikommen (Google ist gleich sechsmal nominiert) und einer wachsenden Zahl von Blog- und Web 2.0-Produktionen (u.a. flickr und Technorati) dominieren darum die "professionellen" Designs von Werbe- und Multimediaagenturen. Insgesamt wurden 300 Webseiten in 60 Kategorien nominiert - was die Liste der Nominees zu einem prächtigen "Surfbrett" zu den derzeit vielleicht bemerkenswertesten Webseiten macht.

Frank Patalong



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.