Webfundstücke IV Es weihnachtet sehr

Advent, Zeit der großen Gefühle: Schon bald ist es wieder Zeit, sich im offenen Freistil-Handgemenge gegen die Kauf- und Schenkwut seiner Mitmenschen durchzusetzen. Dabei gibt es doch das Web!


ARD: "Die besten Pannen der Tagesschau"

ARD: "Die besten Pannen der Tagesschau"

Halt mal, die Nase kenne ich doch! Das ist doch der Dingens, dieser Nachrichtensprecher mit der undeutlichen Aussprache. Ganz verschmitzt lugt der hinter irgendwelchem Tannengrün hervor, eng und harmonisch umzingelt vom Kreise seiner Mitnachrichtensprecher und -rinnen. Und alle tragen sie rote Mützchen.

Kein Zweifel: Es beginnt zu weihnachten. Das Team der Tagesschau beglückt alle Schussel, die den rechtzeitigen Kauf eines anständigen Adventskalenders wieder einmal verpennt haben, mit einem virtuellen im Web: Adventszeittäglich kann man sich da noch einmal die schönsten Pannen der Tagesschau ansehen. Charmant, und natürlich souverän bewältigt und gelöst.

Ein kühl-humoriges Präsent aus dem deutschen Norden, das den Sprechern so gut steht, dass man sich künftig viel mehr Pannen und die Sprecher immer mit diesen schicken Mützchen wünscht. Rot sollte allerdings der Weihnachtszeit vorbehalten bleiben.

Wozu kaufen? Das Web hat Adventskalender für jeden Geschmack

Längst nicht alle Adventskalender-Anbieter sind so nordisch-zurückhaltend. Wunderschön ist das klassische Kalenderdesign beim Wildweb, das adventliche Fundstückchen aus der ganzen Welt zusammenträgt.

Normalerweise geht es beim Wildweb ja eher martialisch zu, und auch der Adventskalender macht teils keinen Hehl daraus, dass er eine eher nervenstarke Zielgruppe im Visier hat: Der Klick auf das erste Türchen führt nicht nur zu einer Live-Webcam, die den Weihnachtsmarkt von Gütersloh zeigt (was allein schon starker Tabak wäre) - nein, die funktioniert dann auch noch nicht einmal, ganz im Gegensatz zur Volksbank-Schleichwerbung und zu "Hark The Herald Angels sing", dem Midi-Orgel-Getöse zum Tag. Zu schlagen ist das eigentlich nur noch von MobilCom mit dem kostenlosen Weihnachts-Klingelton-Service: Wer einmal "Leise rieselt der Schnee" über das Handy mitbekommen hat, weiß, was ein Paradoxon ist.

Tipp in beiden Fällen: Boxen voll aufdrehen, es lohnt sich!

Abschrecken lassen sollte man sich trotzdem nicht davon, denn erstens ist der Wildweb-Kalender wirklich liebevoll gemacht und hat einige Preziosen zu bieten, obwohl er sich für Weihnachten scheinbar nur aus heidnischenr Perspektive interessiert, und zweitens muss man auch nicht so lange warten wie bei anderen Anbietern: Alle Türchen kann man heute schon öffnen. Na, wenn das kein Service ist.

Apropos Schleichwerbung (siehe Volksbank): Die Kalender - man beachte den Plural - bei Gartenliteratur.de sind dieses Jahr auch ganz allerliebst. Da scheinen die verschiedenen Abteilungen in offener Konkurrenz zueinander um die Wette designt zu haben. Unser Favorit: der erste, pinke Kalender. Die Bequemlichkeit des Kunden stets im Sinn verzichteten die Designer hier auf das sonst übliche lästige Durcheinanderbringen der Adventstage: Die Ziffern 1 bis 24 liegen schön säuberlich geordnet vor dem User. Da findet man die "2" doch ganz intuitiv und schnell und entdeckt in Klickgeschwindigkeit die multimedialen Tiefen des Angebots.

Denn auch hier ist natürlich Musik drin, und zum Glück viel weniger aufdringlich als beim Wildweb: Hier liest man abwechselnd das Gedicht oder hört die Musik zum Tage. Beides gleichzeitig geht nicht, aber what shall's? Ist unsere Welt nicht reizüberflutet genug?

Auch die Kirche macht mit

Auch die Kirche will - nun am Beginn ihrer jährlichen Hochsaison - nicht zurückstehen, wenn man schon mal virtuell (das heißt so viel wie "scheinbar") was verschenken kann. Der Weihnachtskalender von St. Michel erfreut sich großer Beliebtheit und ist - erwartungsgemäß - ein echtes Profi-Produkt: Der Kalender öffnet sich als Javascript-Popup aus der Kirchenseite heraus, und öffnet per Javascript dann das Türchen zum Tage.

Da gibt's dann Erbauliches von Brecht oder Rilke, garniert mit Bildern aus dem Kindergarten Pusteblume. Ganz Clevere, die schon mal am nächsten Fensterchen knibbeln, bekommen nicht etwa Vatikanbank-Schleichwerbung, sondern eines auf die Finger: "Nicht spicken!" steht da, obwohl St. Michel in Stuttgart liegt.

Geben und Nehmen ist bei den Wellenbrechern angesagt, denn der "Webring für Online-Tagebücher" ist per definitionem interaktiv. Auf der kommunikativen Ebene des WWW weht ein deutlich anderer Wind als auf der repräsentativen. Jeder Tagesbeitrag ist ganz individuell beigesteuert und wirbt wenn dann nur für eine Sache: den Besuch auf den virtuellen Tagebüchern - ein Adventskalender mit enormer Tiefenstruktur.

In diesem Stile ließe es sich endlos weitermachen: Vom Kalender des Zentrums für Berlinstudien bis zu Andy Wagners Nikolaus mit den schönen amerikanischen Märchen. Doch leider hat man ja noch anderes zu tun, denn Advent ist ja beileibe keine besinnliche Zeit: Es ist die Hochsaison der Familienkrachs und -krisen, der Kaufhektik, überzogenen und bald enttäuschten Hoffnungen, der vergessenen Geschenke und krüppeligen Last-Minute-Bäumchen.

Saisongeschäft

Gerade das aber muss doch gar nicht sein. Wofür gibt es denn den Tannenbaum-Versand im Internet? Der hat alles, vom Setzling bis hin zum 4-Meter-Kallafönsmann für Menschen mit deutlich größeren Häusern. Den Baum kann man sich vorab anhand eines aussagekräftigen Fotos ansehen und aussuchen.

Wie bei der Partnervermittlung geht das hinein bis in den Katalog mit den individuellen Baum-Porträtfotos. Und wie bei der Partnervermittlung bedeutet das durchaus nicht, dass man den auf dem Foto gesehenen Baum dann auch tatsächlich bekommt. Denn wie bei der Partnervermittlung gilt das Prinzip Foto = vermitteltes Wesen nur in der Kategorie "Klassiker".

Aber immerhin, so ein Foto erleichtert den Einkauf im virtuellen Katalog, denn wer kauft schon seinen Weihnachtsbaum im Karton? Genau so erreicht das Gewächs - wenn gewünscht, aus biologischen Anbau - später den Kunden. Das alles ist eCommerce, wie er im Buche steht, und wirkt durch und durch professionell. Was macht der Weihnachtsbaum-Shop eigentlich nach dem 26. Dezember?

Achtung, jetzt kommt ein Karton!

Neulich bei eBay: der Karton der Begierde

Neulich bei eBay: der Karton der Begierde

Hoppla: Da hätten wir doch beinahe vergessen, die Grafikkarte für Neffe Norbert zu besorgen! Schnell rüber zu eBay, denn nagelneu braucht so eine blöde Platine nicht zu sein. So eine GeForce 4 ist auch so schon teuer genug.

Doch zum Glück gibt es bei eBay ja immer mächtig Angebot. Ruckzuck hängt man in drei, vier auslaufenden Auktionen. Bieten ist wie setzen, so eine Auktion ähnelt einem Pferderennen: Vier Minuten noch - die Preise gehen in den Endspurt. Was, schon wieder überboten? Schnell noch 50 Cent nachgelegt, ach was: besser gleich zwei Teuro!

Sechs Sekunden, der Countdown läuft, fünf, vier, drei - wo kommt denn der her? In letzter Sekunde bietet da noch einer und schnappt mir die heiß begehrte MSI Geforce 4 Ti 4200 Originalverpackung unter der Nase weg!

Doch halt! Was steht da genau? Originalverpackung?

Genau: "Verkaufe eine original Geforce 4 Ti 4200 Verpackung. Die Verpackung wird inklusive des Innenkartons geliefert. Ich weise nochmal darauf hin, dass es sich nur um die Verpackung und nicht um die Grafikkarte oder irgendwelches Zubehör handelt!"

Oh. Das hatte in sieben Tagen Auktionsdauer keiner bemerkt. Vielleicht sollte man ab und zu das Großgedruckte lesen?

Der Karton kam übrigens für 126 Euro plus Versandkosten unter den Hammer. Im Ernst.

Frank Patalong

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