Webgemeinde Was die Newsgroups zum Microsoft-Urteil sagen

Keine Tageszeitung der Welt, die nicht das vernichtende Fazit der Beweisaufnahme im Prozess gegen den Software-Riesen Microsoft thematisierte. Was aber sagen die dazu, die es wirklich betrifft: Die "Bürger" des weltweiten Webs?


Ort der Veranstaltung: Usenet. Zeit: Montagmittag. Es steht 1412 zu 398, die Microsoft-Hasser haben die Nase vorn. Klar, dass gerade sie nach dem "Vorurteil" gegen Microsoft Rückenwind spüren. Die Usenet-Newsgroups zum Thema Microsoft brummen bereits seit Freitag letzter Woche, ein Ende der Diskussion ist nicht in Sicht.

Anti-Microsoft-Screensaver und Hintergrundbilder sind weiterhin in Mode
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Wer nun allerdings erwartet, dass in den "Hass"-Gruppen gefeiert, in den "Fan"-Gruppen getrauert würde, ist auf dem Holzweg. "Ist Apple denn so viel besser als Microscum?", fragt ein anonymer Poster in der Newsgroup alt.destroy.microsoft, "Nachts träumt Stevie J. doch, er hieße Billy".

Der Schnitt geht quer durch die Gemeinde. Selbst hartgesottene Apple- und Linux-Fans wie "LShaping" gestehen ein, dass man von einem Microsoft-Monopol "vielleicht vor drei oder vier Jahren" sprechen konnte, heute jedoch längst nicht mehr. "Zur Hölle, ich benutze im Büro fünf verschiedene Betriebssysteme, und nur zwei sind von Microsoft!" Das mag auf ihn, den offensichtlich Computer-affinen Spezialisten zutreffen - Otto Normalerverbraucher beschäftigt sich nach wie vor mit dem Hoch- und Herunterfahren von Fenstern.

Die Webgemeinde beschäftigt sich derweil mit Nachrichten, und die betreffen dieser Tage immer wieder Bill Gates III. Jede Nachricht wird umgehend kommentiert. David E. Powell, Stammgast in den Newsgroups alt.fan.bill-gates und alt.conspiracy, hat seine ganz eigene Deutung des Richterspruches gegen Microsoft gefunden: "Warum die Regierung hinter Microsoft her ist?

  • Um die Technologie-Aktien zu torpedieren (Microsoft wurde gerade erst in den Dow Jones Average Index aufgenommen).
  • Um zu versuchen, die Internet-Kommunikation zwischen Menschen in aller Welt zu stören und die gemeinsame Plattform von PCs zu zerstören, um die Entwicklung von neuen Technologien und der Kommunikationstechnik zu verlangsamen und die Verfügbarkeit und die Verteilung von Daten einzuschränken.
  • Vielleicht ist das alles nur ein Versuch, mehr Kontrolle über die Internet- und Computerindustrie zu erlangen."

Eine ebenso wirre wie interessante Interpretation der Ereignisse. Über solche Dinge kann man vielleicht sogar in Redmond noch schmunzeln - offiziell aber fährt Microsoft eine andere Verteidigungslinie. In einer Presseerklärung vom 5. November stellt Microsoft klar, dass es "weiterhin für sein Recht kämpfen werde, innovative Produkte zu vermarkten". Diese Strategie gipfelt in der "Freedom to Innovate"-Website, auf der man sich informieren und engagieren kann: Mit ihren Rubriken "Schreiben Sie Ihrem Abgeordneten" und "Unterstützen Sie die Innovationsfreiheit!" wirkt die Site fast wie ein Gegenbild zu den zahlreichen Microsoft-Hass-Seiten.

Dort tut sich im Augenblick noch wenig. Eine Rundreise lohnt sich trotzdem: Die "Anti-Microsoft-Bewegung" hat eine ganz eigene Web-Kultur hervorgebracht, die sich nicht nur durch wüsteste Beschimpfungen, sondern auch durch einen oft grenzwertigen Humor auszeichnet. Dem amerikanischen Journalisten Gary Rivlin war diese Web-Sukultur ein Buch wert: "The Plot to Get Bill Gates" versammelt die "Best of" der Microsoft-Hass-Seiten. Lobenswert, wie sehr sich Rivlin um lesefreundliche Kürze bemühte: Er beschränkte sich auf "nur" 360 Seiten. Das World Wide Web hat da mehr zu bieten.

Von Frank Patalong



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